Versuchungen:
woher kommen sie und wie kann man sie besiegen?
„Mein Sohn, wenn du dich anschickst, Gott zu dienen, mache dich bereit
auf Versuchungen!" Dieser Satz steht in der Heiligen Schrift. „Mein Sohn,
wenn du dich anschickst, Gott zu dienen, mache dich bereit auf Versuchungen!"
Ein merkwürdiger Satz. Man sollte meinen, wenn man bemüht ist,
ein treuer Diener Gottes zu sein, dann würden die Versuchungen weichen.
Das Gegenteil ist der Fall! „Mein Sohn, wenn du dich anschickst, Gott zu
dienen, mache dich bereit, mache dich gefaßt auf Versuchungen!" Sie
blieben den Heiligen nicht erspart, ja unser Herr Jesus Christus ist auch
versucht worden; er wollte sich versuchen lassen; er ließ zu, daß
er versucht wurde. Wir wollen deswegen erstens über die Quelle der
Versuchung nachdenken, zweitens über den Kampf gegen die Versuchung
und drittens über den Lohn der bestandenen Versuchung. Gott läßt Prüfungen über uns kommen, Heimsuchungen,
aber das sind keine Versuchungen zum Bösen, sondern das sind Erprobungen,
die feststellen wollen, ob wir Gott auch unter Schmerzen und im Leid die
Treue halten. Gott versucht niemanden zum Bösen. Die Versuchungen,
von denen hier die Rede ist, sind Verlockungen zum Bösen, und die
kommen nie von Gott. Die Anreize zum Bösen, die Anreize zur Sünde
kommen entweder von unten oder von außen oder von innen. Sie kommen von unten, das heißt, sie
kommen vom Teufel. Der Teufel ist der Versucher von Anfang an. Er
hat die ersten Menschen versucht und zu Fall gebracht, und er läßt
nicht nach, die Menschen, vor allem die Diener Gottes, zu versuchen. Bei
den meisten Versuchungen hat er irgendwie seine Hand im Spiel. Wie kann
er uns zum Bösen verlocken? Indem er unsere Phantasie mit Bildern
füllt, die uns zum Bösen reizen, oder indem er unseren Körper,
die Leidenschaften unseres Körpers aufreizt, um dem Bösen zu
verfallen. Das sind die beiden Möglichkeiten, die er hat, die Phantasie
und die körperlichen Leidenschaften, die sinnlichen Leidenschaften
unseres Körpers. Auf den Verstand und auf den Willen kann er nicht
einwirken. Der Verstand und der Wille sind nur offen für Gott. Man
darf also die teuflischen Versuchungen nicht überschätzen. Es
ist nicht so, daß der Teufel Gewalt über uns hat in jedem Falle. Nein, Gott hat ihm Schranken gesetzt. Nur soweit
es seine Allmacht zuläßt, kann er uns versuchen, und Gott läßt
niemanden versuchen über seine Kraft. Man soll freilich auch die Versuchungen
des Teufels nicht unterschätzen, denn der Teufel geht wahrhaftig umher
wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne,
manchmal auch nicht wie ein brüllender Löwe, sondern wie eine
schleichende Schlange. Er hat auch, wie der Herr sagt, versucht, die Apostel
zu Fall zu bringen. „Er wird euch sieben, wie man den Weizen siebt." Und
der Teufel ist ein geschickter Versucher. Er verfügt über eine
ungeheure Erfahrung. Er weiß, wo man den Menschen packen muß:
an seiner schwächsten Stelle. Deswegen ist es gewagt, die Versuchungen
des Teufels zu unterschätzen. Das sind die Versuchungen, die von unten
kommen. Dann die Versuchungen von außen.
Sie kommen von der Welt, von der Welt, die an sich von Gott gut geschaffen
ist, aber die uns zur Versuchung werden kann, und zwar in einem doppelten
Sinne. Zunächst einmal die vernunftlosen Geschöpfe. Sie sind
ja alle von Gott gut geschaffen, gehen aus seiner Hand hervor. Aber die
ursprüngliche Harmonie ist verloren, ist gestört; ein harmloses
Geschöpf kann uns zur Versuchung werden. Ich erinnere mich, als ich
ein Knabe war, da wurden Jahrmärkte abgehalten. Auf den Jahrmärkten
gab es viele Dinge, die ein Jungenherz erfreuen konnten, die ein Jungenherz
begehren mochte, Dolche, Geldbörsen, Feuerwerkskörper. Ich weiß,
daß manche meiner Kameraden dieser Versuchung erlegen sind. Auch
Menschen können uns zur Versuchung werden, selbst gute Menschen, denn
die schöne sinnliche Erscheinung einer Frau oder eines Mannes kann
einem Menschen zur Versuchung werden. Seine Ungeschicklichkeit, sein Eifer
oder seine Trägheit, das alles kann zur Versuchung werden. Aber noch
viel mehr natürlich die bösen Menschen, die es darauf anlegen,
uns zu versuchen, die sich Mühe geben, uns so schlecht zu machen,
wie sie selbst sind, die uns in die Versuchung hineinführen mit ihrem
verführerischen Wort und ihrem verführerischen Beispiel, mit
ihrem Spott und mit ihrem Drohen. Das sind die Versuchungen, die von außen
kommen. Die schlimmsten aber sind die Versuchungen
von innen. Der dritte Herd unserer Versuchungen ist die eigene
böse Begierlichkeit. Keiner sage, wenn er versucht wird, er wird
von Gott versucht, vielmehr wird ein jeder von der eigenen Begierlichkeit
versucht, die ihn anreizt und lockt. Seitdem die Erbsünde in uns gehaust
hat, sind in uns böse, schlechte Neigungen, verschieden nach den Erbanlagen,
die jeder empfangen, verschieden nach dem Leben, das jeder geführt
hat. Aber es gibt wohl keinen Menschen, in dem nicht solche Neigungen sind,
und jede Nachgiebigkeit gegen eine sündhafte Leidenschaft stärkt
diese. Die Überwindung wird dann um so schwerer. Diese Begierlichkeit
spiegelt uns Güter vor, die wir erstreben sollen. Es sind immer drei:
Besitz, Genuß und Ehrsucht. Besitz, Genuß und Ehrsucht. Die
Heilige Schrift spricht von Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens.
Die Augenlust ist die Habsucht. Der Mensch begehrt Schätze, die er
sieht, begehrt Gegenstände, die ihm ins Auge fallen. Der heilige Paulus
sagt sogar, daß die Habsucht die Wurzel aller Übel ist. Und
der Reichtum, das Besitzenwollen ist tatsächlich eine Gefahr.
Judas ist dieser Gefahr erlegen. Schon die alten Griechen wußten
um die Gefahr des Reichtums. Es wird von Krates erzählt, daß
er sein Geld ins Meer warf und sagte: Da weiche hin, du Flut des Übels.
Ich will dich nicht mehr sehen. Sinkt ab in die Tiefe, ihr schlechten Leidenschaften! Die zweite Gefahr ist die Genußsucht, die Genußsucht
in ihren verschiedensten Formen, von der Eßlust und der Trinklust
angefangen bis zur Geschlechtslust. Und sie ist natürlich besonders
stark. Die Geschlechtslust ist eine der größten Gefahren, die
in unserem Körper hausen, und hier, durch die enge Verbindung von
Körper und Geist, lauern die größten Gefahren. Sie führt
sich schmeichelnd ein und bringt uns zu Fall. Die großen Verirrungen
der Menschen kommen von der Genußsucht her. Die dritte Gefahr ist die Ehrsucht. Die Hoffart ist der Anfang
aller Sünde, heißt es im Buche Sirach, also der Geltungsdrang,
der ist ja in uns allen. Wir wollen etwas darstellen, wir wollen als gut
gelten. Wir möchten als besser gelten, als wir sind. Das ist eine
große Gefahr. Diese Gefahr begleitet selbst unsere guten Werke, und
deswegen muss sie um so heftiger abgewiesen werden. Die kirchliche Tradition
hat sieben Hauptsünden herausgestellt,
die natürlich auch sieben Hauptversuchungen sind, nämlich Zorn,
Stolz, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit.
Zorn, Stolz, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit.
Das sind die Versuchungen. Nun zweitens der Kampf gegen die Versuchungen.
Da müssen wir unterscheiden den Angriff und die Abwehr. Der Angriff
geschieht dadurch, daß uns etwas vors Auge tritt oder vor unsere
Phantasie und uns lockt und reizt und zu sich ziehen möchte. Ein Gegenstand
gibt sich als Wert aus: Das mußt du haben, das mußt du besitzen,
das mußt du genießen. Und wir wissen doch, ich darf es nicht
ohne Sünde haben. Dem Gegenstand und seinem Anreiz folgt das Wohlgefallen.
Etwas in uns ist immer auf der Lauer, was diesem Anreiz entspricht. Es
gibt eine unfreiwillige Zuneigung zu dem Gegenstand, der uns von der Versuchung
vorgestellt wird. Das Verbotene lockt dann auch von innen. Es ruft eine
unfreiwillige Neigung und eine unfreiwillige Freude an dem Gegenstand hervor
und fordert die Entscheidung des Willens. Wir haben die Freiheit der Entscheidung.
Wir dürfen Ja oder Nein sagen. An uns liegt es, wie wir uns entscheiden.
Der Mensch steht vor Gott und seinem Gesetz auf der einen Seite und vor
der gottwidrigen Sünde auf der anderen Seite. Dieser Kampf um die
Entscheidung, das ist die eigentliche Versuchung. Und wie muß die Abwehr aussehen? Wie müssen wir uns verhalten
angesichts solcher Versuchungen? Erstens, wir müssen die Ruhe bewahren.
Wenn man sich verwirren läßt, ist man schlecht beraten. Die
Ruhe bewahren, sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Wir wissen ja,
wir kämpfen unter den Augen Gottes und für die Sache Gottes.
Wird Gott da nicht mit uns sein? Gott läßt uns nicht über
unsere Kraft versucht werden, er wird mit der Versuchung auch den guten
Ausgang geben. Also die Ruhe bewahren. Von der heiligen Katharina von Siena,
die nun wirklich eine große Heilige war, wird berichtet, daß
sie viel unter Versuchungen zu leiden hatte. Als sie die Versuchungen bestanden
hatte, sagte sie nach der Stunde des Kampfes: „Herr, wo warst du in der
Versuchung?" Und der Herr gab ihr zur Antwort: „Ich war in deinem Herzen." Zweitens, wir müssen gleich mutig widerstehen. Wenn
man mit der Versuchung verhandelt, wenn man das Böse erst einmal sich
in seiner falschen, trügerischen Schönheit entfalten läßt, dann besteht die große Gefahr, daß wir fallen. „Widersteht
dem Teufel, und er wird von euch fliehen", so heißt es im Jakobusbrief.
Am Anfang ist die Versuchung wie ein Feuerfunken, den man leicht auslöschen
kann, aber wenn einmal der große Brand da ist, ist die Gefahr, daß
wir verzehrt werden. Wer sich mit Verachtung von der Versuchung abwendet,
hat die Sicherheit und die Gewähr des Sieges. Drittens beten. Der Herr mahnt: „Wachet
und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!" Wir sind nicht
allein. Gott hat den Wächter, seinen heiligen Engel, an unsere Seite
gestellt, und der Engel verläßt uns nicht. Er behütet uns,
er ist mit seiner Kraft, jawohl, mit seiner Kraft an unserer Seite. Wir
müssen ihn nur einladen, sie zu entfalten. Wir können rufen zu
Maria, der Schlangenzertreterin, und Maria wird uns mit ihrer Hilfe zur
Seite stehen. Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für
mich daraus. Laß mich darunter sicher stehn, bis alle Stürm'
vorübergehn! Und wir haben vor allem unseren Herrn Jesus. Wir können
zu ihm rufen, wie die Jünger zu ihm gerufen haben: „Herr,
hilf uns, sonst gehen wir zugrunde!" Und der Herr stand auf und
befahl dem Sturm und dem Seebeben, und es trat eine große Stille
ein. So wird es auch bei uns sein, wenn wir den Herrn anrufen. Er hat seinen
Aposteln gesagt: „In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben."
Wir Priester, wir alten Priester, wir sind ja noch
zum Exorzisten geweiht worden. Uns ist noch die Fähigkeit übertragen
worden, Teufel auszutreiben. Der Sturm mag gewaltig werden, aber er kann
uns nicht umwerfen, wenn wir uns der Hilfsmittel bedienen. Es ist nicht so, meine lieben Freunde, daß Menschen, die Gott
nahe sind, von Versuchungen verschont bleiben. Vom heiligen Ephrem dem
Syrer wird berichtet, daß er einmal auf einer Stadtmauer einer großen
Stadt einen Teufel sitzen sah, und der war sehr schläfrig. Und bei
einem Einsiedler sah er einen ganzen Schwarm von Teufeln. Da sprach er
zu dem einsamen Teufel: „Schämst du dich nicht, daß du hier
alleine die ganze Stadt zu verführen suchst, und diesen einen Einsiedler,
den läßt du mit einem ganzen Schwarm versucht werden!" Da gab
ihm der Teufel zur Antwort: „Dieser eine Einsiedler schadet uns mehr als
die ganze Stadt, denn der größte Teil ist schon in unserer Gewalt."
Das sind die Weisungen für die Abwehr der Versuchung. Und schließlich der Lohn der bestandenen
Versuchung. Versuchungen sind Kämpfe und damit auch Gelegenheiten
zum Sieg und zum Lohn. „Selig der Mann, der in der Versuchung standhält.
Wenn er sich bewährt hat, wird er die Krone des Lebens empfangen,
wie der Herr verheißen hat." So steht im Jakobusbrief, der für
die Versuchungen eine erstklassige Quelle ist. Auf der bestandenen Versuchung
ruht ein großer Segen. Erstens nämlich: Versuchungen üben
uns in der Demut. In der Versuchung lernen wir, daß wir schwach
sind und schwache Stellen haben und daß der Satan weiß, wo
diese schwachen Stellen liegen. Die Versuchung zeigt uns, wozu wir fähig
sind, immer noch fähig sind, wenn Gott uns nicht stützt. In Versuchungen
lernen wir auch verstehen, warum andere Menschen fallen konnten. Wir werden
dann vorsichtig sein in unserem Urteil über andere Menschen. Und selbst
wenn wir in der Versuchung fallen, besteht die Möglichkeit, wieder
aufzustehen und zu Gott heimzukehren, und dann wird die Versuchung uns
zum Segen. Vielleicht hätte nichts so sehr unseren Stolz zerschlagen
und uns zu Gott hingewendet wie der Fall in einer Versuchung. Die Erschütterung
über diesen Fall kann in uns zur Quelle des Segens werden für
die Zukunft. Zweitens: Versuchungen, die wir überstanden haben, stärken
unsere Kraft. Wie die Stürme die Bäume zwingen, sich fester
in die Erde einzuwurzeln, so können auch die Versuchungen uns in unserer
Tugend stärken. Unsere Tugenden werden auf diese Weise zu erprobten
Tugenden. Es ist ein herrlicher Vorgang, wenn wir durch die Versuchungen
in der Kraft gestärkt werden, wenn wir fester in Gott verwurzelt werden. Und schließlich noch ein Drittes. Die Versuchungen vermehren
unsere Seligkeit. Ohne Kampf kein Sieg, ohne Sieg keine Krone. Wir
sind gefirmt zu Streitern Christi. Wir sind Brüder der Bekenner und
der Märtyrer, und wir sollen deswegen nach ihrem Beispiel in den Versuchungen
standhalten. Wir sollen sie nicht fürchten, wir sollen sie natürlich
auch nicht suchen, aber wir sollen uns, wenn sie über uns kommen,
fest an das Kreuz klammern. Wir sollen das Kreuzzeichen machen, denn das
ist das Siegeszeichen unseres Herrn, und wie einst Konstantin hörte:
In diesem Zeichen wirst du siegen, so werden wir ebenfalls erfahren: Im
Kreuzeszeichen werden wir die Versuchung bestehen.