Leseproben, Ausschnitte aus den
Werken der hl. Katharina von Siena:
Gott selbst spricht hier
zu uns über Seine Göttliche Vorsehung:
Du sollst wissen, daß alles, was Ich dem Menschen gewähre,
aus höchster Vorsehung geschieht, denn es war Meine Vorsehung, daß
Ich euch erschuf. Als Ich in Mich selbst blickte, verliebte Ich Mich in
die Schönheit Meiner Geschöpfe, und in großer Vorsorge
gefiel es Mir, euch nach Meinem Bild und Gleichnis zu erschaffen.
Mit Meiner Weisheit habe Ich den ganzen Erdkreis eingerichtet und
lenke ihn in solcher Ordnung, daß nichts daran fehlt und nichts hinzugefügt
werden könnte. Für Leib und Seele habe Ich gesorgt, nicht weil
euer Wille Mich dazu gedrängt hätte, da ihr noch gar nicht da
wart, sondern nur aufgrund Meiner Güte. Durch Mich selbst gedrängt,
habe Ich den Himmel und die Erde erschaffen, das Meer und das Firmament:
den Himmel, der sich über euch bewegt, die Luft, damit ihr atmen könnt,
Feuer und Wasser, damit die Gegensätze einander ausgleichen, und die
Sonne, damit ihr nicht im Dunkeln leben müßt. Alles ist den
Bedürfnissen der Menschen entsprechend gemacht und geordnet. Der Himmel
ist mit Vögeln belebt und geziert, die Erde bringt für das Leben
des Menschen ihre Früchte hervor und viele Tiere, und das Meer ist
reich an Fischen - alles habe Ich mit größter Ordnung und Vorsehung
geschaffen.
Und doch läßt Meine Vorsehung es zu, daß die Welt
für die Menschen vielerlei Plagen bereithält, sowohl um sie in
den Tugenden zu prüfen als auch um sie hernach für ihre Leiden
und Mühen und ihre Selbstüberwindung zu belohnen. So hat Meine
Vorsehung alles geordnet und mit großer Weisheit für alles gesorgt.
In Meiner Vorsehung gebe Ich jedem Einzelnen von euch die Art und
Weise des Lebens und des Todes, die Ich wähle: Hunger, Durst, Verlust
der Stellung in der Welt, Blöße, Kälte, Hitze, Schmähungen,
Spott, Verleumdungen - das alles lasse Ich zu, daß euch dies durch
Menschen gesagt und angetan wird. Doch die Menschen ... halten alles für
schlecht und hassenswert und denken, es geschehe zu ihrem Schaden und Verderben,
was Ich ihnen aus Liebe und zu ihrem Besten tue, um sie vor dem ewigen
Tod zu bewahren und ihnen das ewige Leben zu schenken.
Soll Ich dir zeigen, Meine Tochter, wie sehr sich die Welt über
Meine Geheimnisse täuscht? Dann öffne das Auge deines Geistes
und blicke in Mich. Da wirst du den besonderen Fall sehen, von dem Ich
dir berichten wollte ... Du sollst wissen, daß Ich diesen Unglücksfall
zugelassen habe, um ihn vor der ewigen Verdammnis zu retten, in der du
ihn gesehen hast, damit er das Leben habe durch sein eigenes Blut im Blute
Meiner Wahrheit, Meines eingeborenen Sohnes. Denn Ich hatte die Verehrung
und die Liebe nicht vergessen, die er Maria, der liebsten Mutter Meines
eingeborenen Sohnes, entgegengebracht hatte. Aus
Ehrfurcht gegenüber dem Wort hat Meine Güte ihr gewährt,
daß jeder, wer immer es sei, Gerechter oder Sünder, der ihr
die gebührende Verehrung entgegenbringt, dem höllischen Dämon
nicht zum Opfer fällt, noch von ihm verschlungen wird. Sie
ist wie ein Köder, den Meine Güte ausgelegt hat, um Meine Geschöpfe
zu fangen.
Es geschah also aus Erbarmen, daß Ich das tat.
Wie können die Menschen, die Ich nach Meinem Bild und Gleichnis
geschaffen habe, nur glauben, Ich würde nicht für sie sorgen?
Sie sehen doch, wie Ich den Wurm im trockenen Holz ernähre, wie Ich
die wilden Tiere auf den Feldern weide, wie Ich die Fische im Meer nähre,
alles Getier auf der Erde und die Vögel am Himmel, und wie Ich der
Sonne befehle, auf die Pflanzen zu scheinen, und dem Tau, damit er die
Erde befruchte - alles das hat Meine Güte nur gemacht, um den Menschen
zu dienen. Wohin sie sich auch wenden, sie finden in allen Dingen, in den
geistigen und zeitlichen, nichts als das Feuer Meiner abgrundtiefen Liebe
und Meine höchste, süße, wahre und vollkommene Vorsehung.
Doch sie sehen es nicht, weil ihnen das Licht (des Glaubens) fehlt und
sie sich auch nicht bemühen zu sehen.
Öffne das Auge deines Geistes im Licht des Glaubens und sieh,
mit welch großer Liebe und Vorsehung Ich den Menschen geschaffen
und dafür gesorgt habe, daß er sich Meiner höchsten und
ewigen Glückseligkeit erfreue. Für alles habe Ich Vorsorge getroffen,
für Seele und Leib, für die Unvollkommenen und die Vollkommenen,
für die Guten und Bösen, in geistlicher und zeitlicher Hinsicht,
im Himmel und auf Erden, in diesem sterblichen Leben und im unsterblichen.
Von Anbeginn der Welt bis zum heutigen Tag hat Meine Vorsehung auf
vielfältige Weise für eure Bedürfnisse und euer Heil gesorgt
- und so wird es sein bis zum Ende ... Unendlich sind die Wege Meiner Vorsehung,
um die Seelen der Sünder aus der Schuld der Todsünde zu befreien.
Als durch den Ungehorsam Adams die „Straße" zu Gott so sehr
zerstört wurde, daß niemand mehr das ewige Leben erreichen konnte,
habe ich das Wort, Meinen eingeborenen Sohn, zu einer Brücke gemacht,
die vom Himmel bis zur Erde reicht. Ihm habe Ich den Gehorsam auferlegt,
um das Gift zu entfernen, das aufgrund des Ungehorsams in das Menschengeschlecht
eingedrungen war. So eilte Er als Liebender und wahrhaft Gehorsamer zum
schändlichen Tod am Kreuz und schenkte euch durch Seinen Tod das Leben
- nicht kraft der Menschheit, sondern kraft Meiner Gottheit ... um die
Sünden zu sühnen, die gegen Mich, die unendliche Güte, begangen
wurden ... Doch das allein reicht nicht aus, um das Leben zu erlangen -
ihr müßt diesem Weg über die Brücke auch folgen. Anders
könnt ihr nicht zu Mir kommen.
Ihr könnt Mich, so wie Ich bin, nicht sehen. Daher habe Ich
die göttliche Natur mit dem Schleier eurer Menschheit umhüllt,
damit ihr Mich sehen könnt. Ich, der Unsichtbare, habe Mich gewissermaßen
sichtbar gemacht, indem Ich euch das Wort, Meinen Sohn, gesandt habe, verhüllt
mit dem Schleier eurer Menschheit. Durch Ihn seht ihr Mich.
Solange ihr in diesem sterblichen Leben als Pilger unterwegs seid,
habe Ich euch miteinander durch das Band der Liebe verbunden. Ob ihr wollt
oder nicht, ihr seid so gebunden. Selbst wenn ihr euch lieblos von eurem
Nächsten lösen wolltet, bleibt ihr doch aus Notwendigkeit mit
ihm verbunden. Auf diese Weise - damit ihr die Liebe im Wollen und in der
Tat auch übt - habe Ich vorgesorgt und keinem Menschen für sich
allein die Fähigkeit gegeben, alles tun zu können, wessen er
in seinem Leben bedarf, sondern der eine kann dies, der andere jenes, so
daß jeder Grund hat, den anderen um Hilfe zu bitten.
Denn wenn ihr den Willen zur Liebe durch eure Schuld auch verliert,
so seid ihr wenigstens aufgrund eurer Bedürfnisse gezwungen, einen
Akt der Liebe zu setzen. So siehst du, daß sich der Künstler
an den Arbeiter wendet und der Arbeiter an den Künstler: Jeder braucht
den anderen, weil der eine dies und der andere jenes nicht kann ... Hätte
ich denn nicht jedem alles geben können? Ganz gewiß. Doch
Meine Vorsehung wollte, daß einer vom anderen abhängig sei,
damit ihr gezwungen seid, in Tat und Gesinnung die Liebe zu üben.
Wenn du deinen Blick nach oben richtest auf Mich, das ewige Leben,
und in Mir die Natur der Engel schaust und die Bewohner des Himmels, die
durch das Blut des Lammes das ewige Leben empfangen haben, so wirst du
sehen, daß Ich ihre Liebe geordnet habe, das heißt, daß
keiner nur sein eigenes Glück in dem seligen Leben, das er von Mir
empfangen hat, genießt und die anderen nicht daran teilhätten.
So habe Ich es nicht gewollt. Vielmehr habe Ich ihre Liebe so geordnet
und vollkommen gemacht, daß der Große am Glück des Kleinen
teilhat und der Kleine am Glück des Großen. Mit „klein" meine
Ich das Fassungsvermögen; nicht, daß der Kleine weniger glücklich
wäre als der Große, doch jeder nach seinem Maß, wie Ich
es dir an anderer Stelle schon gesagt habe.
Die Engel sprechen mit den Menschen, das heißt mit den Seelen
der Seligen, und die Seligen mit den Engeln. Jeder erfreut sich in dieser
großen Liebe am Glück des anderen, jubelnd und fröhlich
frohlocken sie in Mir ohne Traurigkeit, ohne irgendeine Spur von Kummer,
denn in ihrem Leben wie in ihrem Tod haben sie Mich durch ihre Hingabe
und ihre Nächstenliebe verkostet. Wer hat das verfügt? Meine
Weisheit durch die wunderbare und liebevolle Vorsehung.
Und wenn du dich dem Fegefeuer zuwendest, dann wirst du dort
Meine liebevolle und unermeßliche Vorsehung für jene armen Seelen
finden, die törichterweise ihre Zeit vergeudet haben. Nun, da sie
von ihrem Leib gelöst sind, haben sie keine Zeit mehr, sich Verdienste
zu erwerben. Daher habe Ich für sie vorgesorgt durch euch, daß
ihr, die ihr noch in diesem sterblichen Leben seid, für sie Zeit habt:
das heißt, daß ihr ihnen durch Almosen, durch das Göttliche
Offizium, das ihr durch Meine Diener verrichten laßt, und durch Fasten
und Gebete, die ihr im Stand der Gnade verrichtet, die Zeit der Strafe
aufgrund Meiner Barmherzigkeit verkürzt. O welch liebevolle Vorsehung!
Die Würde der Priester
Meine Vorsehung und göttliche Liebe hat sie für euch als
Ausspender eingesetzt. Und das gilt nicht nur für dieses Geheimnis,
sondern für alle geistlichen Gnaden - seien es Gebete oder etwas anderes
-, die euch, von wem auch immer, gespendet werden:
Ihr [Meine Geschöpfe] seid von solcher Erhabenheit, aufgrund
der Einheit zwischen Meiner Gottheit und der menschlichen Natur, daß
eure Würde größer ist als die der Engel, denn Ich
habe eure Natur angenommen und nicht die der Engel. Ich, Gott, bin
Mensch geworden, und der Mensch wurde Gott - durch die Vereinigung Meiner
göttlichen Natur mit eurer menschlichen Natur. Diese Würde ist
allgemein den vernunftbegabten Geschöpfen verliehen. Doch aus diesen
habe Ich zu eurem Heil Meine Diener [die Priester] erwählt, damit
euch durch sie das Blut des demütigen und unbefleckten Lammes, Meines
eingeborenen Sohnes, gespendet werde. Ihnen habe Ich die Ausspendung der
Sonne anvertraut ... Diese Sonne bin Ich, der ewige Gott, aus dem der Sohn
und der Heilige Geist hervorgegangen sind.
Ich habe dir gesagt, daß dieser Leib [Meines eingeborenen
Sohnes] eine Sonne ist, weil er eins ist mit Mir, der wahren Sonne - und
zwar so sehr eins, daß Wir nicht voneinander getrennt oder gelöst
werden können, so wenig wie auch die Sonne geteilt werden kann ...
Daher kann euch weder der Leib ohne das Blut gereicht
werden noch der Leib und das Blut ohne die Seele des Wortes noch die Seele
und der Leib ohne Meine, des ewigen Gottes, Gottheit. Denn eins
kann nicht vom anderen getrennt werden ... Und wie die Sonne nicht geteilt
werden kann, so kann Ich, Gott und Mensch, in dieser weißen Hostie
nicht geteilt werden.
Nehmen wir an, die Hostie würde geteilt: Wenn man sie in Abertausende
kleine Stückchen zerteilen könnte, dann wäre in jedem davon
Gott und Mensch ganz enthalten. So wie das Bild, das man in einem Spiegel
sieht, nicht geteilt wird, wenn man den Spiegel teilt, so kann Ich, ganz
Gott und ganz Mensch, in dieser Hostie nicht geteilt werden, sondern in
jedem Teil ist alles enthalten. Durch nichts wird das Licht dieser Sonne
geschwächt, selbst wenn die ganze Welt ihr Licht und ihre Wärme
empfangen wollte. So ist diese Sonne, das Wort, Mein eingeborener Sohn,
nicht von Mir, der Sonne, dem ewigen Vater, zu trennen. Im mystischen Leib
der heiligen Kirche wird Er, das süße und herrliche Licht, das
Ich euch als Nahrung gebe und durch Meine Diener [die Priester] ausspenden
lasse, jedem gereicht, der Ihn empfangen möchte ... Aber wenn auch
jeder von euch das Licht empfängt, so bekommt dennoch jeder einzelne
nur so viel, wie er Liebe und glühendes Verlangen mitbringt ... Ihr
bekommt in dem Maße Anteil an dem Licht, das heißt, an den
Gnadengaben des Sakramentes, wie ihr euch mit heiligem Verlangen bereit
macht, es zu empfangen.
Wer kostet, sieht und berührt dieses Sakrament? Die Seele.
Mit welchen Augen sieht sie es? Mit den „Augen des Glaubens". Diese Augen
sehen im Weiß des Brotes den ganzen Gott und den ganzen Menschen:
die göttliche Natur mit der menschlichen Natur vereint, den Leib,
die Seele und das Blut Christi; die Seele vereint mit dem Leib, und den
Leib und die Seele vereint mit Meiner göttlichen Natur und niemals
getrennt von Mir.
Das geistliche Schauen muß daher das erste und vorrangige
sein, da es nicht getäuscht werden kann. Mit diesen „Augen des
Glaubens" müßt ihr das Sakrament betrachten .. .Wie wird dieses
Sakrament gekostet? Mit einem heiligem Verlangen. Denn die leiblichen
Sinne kosten nur den Geschmack des Brotes, die Seele aber kostet Mich,
Gott und Mensch. Du siehst also, daß die leiblichen Sinne getäuscht
werden können, nicht aber die Sinne der Seele.
Betrachte nun, liebste Tochter, wie sehr die Seele erhoben wird,
wenn sie das Brot des Lebens, die Speise der Engel, auf geziemende Weise
empfängt. Indem sie dieses Sakrament in sich aufnimmt, ist sie in
Mir, und Ich bin in ihr. Wie der Fisch im Meer und das Meer im Fisch, so
bin Ich in der Seele und die Seele ist in Mir, dem Meer des Friedens. Die
Gnade bleibt in dieser Seele, denn nachdem sie das Brot des Lebens in der
Gnade empfangen hat, bleibt die Gnade in ihr.
Wenn die äußere Erscheinung des Brotes verzehrt ist,
hinterlasse Ich den Abdruck Meiner Gnade gleich einem Siegel, das auf warmes
Wachs gedrückt wird: Wenn das Siegel entfernt wird, bleibt die Prägung
zurück. Ebenso bleibt die Kraft dieses Sakraments in eurer Seele:
die Glut Meiner göttlichen Barmherzigkeit, die Gnade des Heiligen
Geistes; und es bleibt in ihr das Licht der Weisheit Meines eingeborenen
Sohnes, der das Auge des Geistes mit Seiner Weisheit erleuchtet hat. Die
Seele bleibt stark, weil sie teilhat an Meiner Macht und Stärke, die
sie kräftigen im Kampf gegen ihre selbstsüchtige Sinnlichkeit
und gegen den Teufel und die Welt.
Meine Diener [die Priester] sind Meine Gesalbten, und Ich nenne
sie „Meine Christusse", weil Ich ihnen aufgetragen habe, Mich euch darzureichen,
und weil Ich sie als duftende Blumen eingesetzt habe in den mystischen
Leib der heiligen Kirche. Kein Engel hat diese Würde, aber Ich habe
sie jenen Menschen gegeben, die Ich zu Meinen Dienern erwählt habe.
Ich habe sie wie Engel ausgesandt, und sie sollen in diesem Leben wie irdische
Engel sein.
Ich habe sie euch als Wächter gegeben, damit sie euch schützen
und euren Herzen gute Gedanken eingeben vermittels ihrer heiligen Gebete,
ihrer Lehre und ihres vorbildlichen Lebens. Sie sind da, damit sie euch
dienen, indem sie euch die heiligen Sakramente spenden.
Wenn du Mich fragen würdest, ... warum Ich nicht will, daß
Meinen Dienern trotz ihrer Fehler weniger Ehrerbietung entgegengebracht
wird, dann würde Ich dir antworten: Weil jede Ehrerbietung, die man
ihnen entgegenbringt, nicht ihnen, sondern Mir entgegengebracht wird, kraft
des Blutes, das zu spenden Ich ihnen anvertraut habe. Es ist dieses Amt,
das euch gebietet, zu ihnen zu kommen, wenn ihr die heiligen Sakramente
der Kirche empfangen wollt.
Und da durch ihre Fehler das Geheimnis des Sakraments weder geschmälert
noch geteilt werden kann, darf auch die Ehrerbietung ihnen gegenüber
nicht verringert werden - nicht ihretwegen, sondern wegen des Schatzes,
den das Blut darstellt. Dieser Respekt darf niemals nachlassen, selbst
wenn diese Diener es an Tugend fehlen lassen sollten. Er gebührt allen,
den Guten ebenso wie den Schlechten.
Ihr wißt wohl: Wenn ein schmutziger oder schlecht angezogener
Mensch euch einen großen Schatz überbrächte, aus dem ihr
das Leben empfangt, dann würdet ihr aus Liebe zu dem Schatz und zu
dem Herrn, der ihn euch schickte, den Überbringer nicht mißachten,
selbst wenn er zerlumpt und schmutzig wäre. Er würde euch zwar
mißfallen, doch aus Liebe zu seinem Herrn würdet ihr euch bemühen,
daß er sich aus dem Schmutz erhebt und bessere Kleider anzieht. Dazu
seid ihr dem Auftrag der Barmherzigkeit nach verpflichtet; und so möchte
Ich auch, daß ihr euch gegenüber denjenigen Meiner Diener verhaltet,
die unordentlich und schmutzig sind, mit Lastern bekleidet und zerlumpt
wegen ihrer fehlenden Liebe, aber euch dennoch die großen Schätze
der Sakramente der heiligen Kirche bringen.
Aus diesen Sakramenten - sofern ihr sie würdig empfangt - bekommt
ihr das Leben der Gnade, auch wenn die Überbringer in Sünde leben:
Ihr empfangt das Leben der Gnade aus Liebe zu Mir, dem ewigen Gott, der
sie euch gab, und aus Liebe zum Leben der Gnade, das ihr aus diesem großen
Schatz erhaltet.
Ihr sollt die Sünden der Diener verabscheuen und hassen, und
ihr sollt euch bemühen, sie mit barmherziger Liebe und frommem Gebet
neu zu bekleiden, und ihren Schmutz mit euren Tränen abwaschen. Das
heißt, ihr sollt sie mit Tränen und großem Verlangen vor
Mich bringen, auf daß Ich sie in Meiner Güte neu bekleide mit
dem Gewand der Liebe.
Die Fehler derjenigen, die auf sündhafte Weise leben, sollt
ihr hassen, aber ihr dürft euch deshalb nicht
zu ihren Richtern aufwerfen. Das möchte Ich nicht, weil
es Meine Gesalbten sind. Ich habe sie dazu eingesetzt und euch gegeben,
damit sie, wie schon gesagt, Engel auf Erden und Sonnen seien. Wenn sie
das nicht sind, dann müsst ihr für sie beten, aber ihr dürft
sie nicht verurteilen. Das Urteil überlasst Mir. Ich aber werde
ihnen aufgrund eurer Gebete Barmherzigkeit erweisen, wenn sie das wollen.
Und wenn sie ihr Leben nicht bessern, dann wird ihnen ihre Würde zum
Verderben gereichen.
Von jeder Seele fordere Ich Reinheit und
Liebe. Eine Liebe, die Mich und den Nächsten liebt und
ihm so weit wie möglich hilft, indem sie für ihn betet und ihm
in barmherziger Nächstenliebe begegnet, wie Ich dir an anderer Stelle
zu diesem Thema schon gesagt habe. Doch eine weit größere Reinheit
verlange Ich von Meinen Priestern.
So wie die Priester wollen, daß der Kelch rein ist, in dem
dieses Opfer vollzogen wird, so verlange Ich auch eine Reinheit und Lauterkeit
ihres Herzens, ihrer Seele und ihrer Gedanken. Und Ich möchte, daß
sie sich ihren Leib als Werkzeug der Seele vollkommen rein bewahren.
Ich möchte dich wissen lassen, liebste Tochter, daß Ich
von euch und von ihnen bei diesem Sakrament eine so große Reinheit
verlange, wie es einem Menschen in diesem Leben nur möglich ist: Ihr
müßt euch ständig bemühen, diese Reinheit zu erlangen.
Willst du zu vollkommener Reinheit gelangen und von jedem Gefühl
des Ärgers befreit werden, sodaß dein Geist an nichts mehr Anstoß
nimmt? Dann sorge dafür, daß du immer in liebender Hingabe
mit Mir vereint bist, denn Ich bin die höchste und ewige Reinheit.
Ich bin das Feuer, das die Seele reinigt. Je mehr sie sich Mir nähert,
desto reiner wird sie, und je weiter sie sich von mit entfernt, desto unreiner
wird sie. Die weltlichen Menschen werden deswegen so schlecht, weil sie
von Mir getrennt sind. Doch die Seele, die sich unmittelbar mit Mir
vereint, hat an Meiner Reinheit teil.
Noch etwas mußt du tun, um zu dieser Einigung und zu dieser
Reinheit zu gelangen: Beurteile niemals, wenn du andere etwas tun siehst
oder sagen hörst - sei es dir oder anderen gegenüber -, den Willen
der Menschen, sondern nur Meinen Willen in ihnen und in dir. Und selbst
wenn du eine offensichtliche Sünde oder einen ausdrücklichen
Fehler sehen solltest, so pflücke aus diesen Dornen die Rose, das
heißt, bringe sie Mir aus heiligem Mitgefühl dar. Wenn
man dich persönlich angreift, dann erkenne, daß Mein Wille das
zuläßt, um deine Tugend und die Meiner anderen Diener zu prüfen,
daß der Beleidiger das tut, weil er von Mir als Werkzeug verwendet
wird, wobei es oftmals in guter Absicht geschieht; und daß niemand
das verborgene Herz des Menschen beurteilen kann.
Wenn du daher zu dieser Reinheit gelangen möchtest, um die
du Mich bittest, mußt du drei wesentliche Dinge tun: Du mußt
dich in liebender Hingabe mit Mir vereinen und die Wohltaten, die du
von Mir empfangen hast, in deinem Gedächtnis bewahren; mit dem Auge
deines Geistes mußt du die Größe Meiner unermeßlichen
Liebe betrachten; und was die Absicht der Menschen betrifft, so mußt
du eher Meinen Willen erwägen und nicht ihre Bosheit, denn Ich
bin ihr Richter, Ich - und nicht ihr. Wenn du das tust, wirst du zur Vollkommenheit
gelangen.
Ich möchte, daß du niemals leichtfertig urteilst, sondern
daß es in rechter Weise geschieht, und zwar folgendermaßen:
Selbst wenn dir die Fehler deiner Nächsten nicht nur ein- oder zweimal,
sondern öfter zu Bewußtsein kämen, solltest du sie damit
nicht persönlich konfrontieren. Vielmehr sollst du die Sünden
derer, die zu dir kommen, ganz allgemein tadeln und ihnen liebevoll und
sanft die Tugenden einpflanzen - wobei die Sanftmut auch mit Strenge zu
ergänzen ist, wenn du siehst, daß das erforderlich sein sollte.
Aber nicht nur, was das Gute betrifft -, auch über das, was
sie ausdrücklich als Sünde erkennen, richten sie nicht, sondern
beten vielmehr mit heiligem und aufrichtigem Mitgefühl für die
Sünder zu Mir, indem sie mit vollkommener Demut sagen: „Heute bist
du an der Reihe; und morgen ich, wenn mich die göttliche Gnade nicht
davor bewahrt".
Dein Mund soll also schweigen oder auf heiligmäßige
Weise über die Tugend reden, um die Sünde zu tadeln. Und
wenn du bei anderen eine Sünde zu erkennen glaubst, dann rechne sie
ihnen und zugleich dir selbst an, und sei dabei immer demütig. Und
wenn diese Sünde tatsächlich auf jene Menschen zutrifft, dann
werden sie sich leichter bessern, wenn sie sich auf so liebevolle Weise
verstanden sehen ... Du sollst also wissen, daß du nicht allem, was
du siehst, trauen darfst. Vielmehr sollst du dich davon abkehren und es
gar nicht sehen wollen, sondern nur auf dich schauen, dich selbst erkennen
und in dir Meine Größe und Güte und Liebe wahrnehmen.
Ich habe dir gesagt und Ich sage es noch einmal, daß nichts
auf der Welt dich dazu berechtigt, über die Absichten Meiner Diener
zu richten, weder im allgemeinen noch im besonderen, ganz gleich ob sie
dir wohlwollend oder übelwollend erscheinen. Ihr sollt vielmehr alle
Mitleid füreinander haben und das Richten Mir überlassen.
Ich verlange von euch, daß ihr Mich ebenso liebt, wie Ich
euch geliebt habe. Das ist für euch allerdings unmöglich, denn
Ich habe euch schon geliebt, noch ehe ihr Mich lieben konntet. Somit
ist jede Liebe, die ihr Mir entgegenbringt, geschuldet und nicht umsonst;
sie ist eure Pflicht, während Ich euch aus Gnade liebe, und nicht,
weil Ich es euch schuldig wäre. Ihr könnt Mir also die Liebe,
die Ich von euch fordere, niemals schenken. Daher habe Ich euch euren
Nächsten gegeben, damit ihr an ihm das tut, was ihr an Mir nicht tun
könnt - nämlich ihn zu lieben, ohne dabei Dankbarkeit oder irgendeinen
Vorteil zu erwarten. Und was immer ihr dem Nächsten tut, will
ich betrachten, als wäre es an Mir getan.
Je mehr die Seele Mich liebt, umso mehr liebt sie auch ihren Nächsten,
denn die Liebe zu ihm geht aus Mir hervor. Dies ist das Mittel, das Ich
euch gegeben habe, damit ihr euch in der Tugend übt und diese unter
Beweis stellt, denn da ihr Mir selbst keine guten Werke erweisen könnt,
müsst ihr sie eurem Nächsten erweisen.
Die Tugend der Geduld wird erprobt, wenn euer Nächster euch
schmäht. Eure Demut erweist sich am Hochmütigen, euer Glaube
am Ungläubigen, eure Hoffnung an dem, der nichts hofft. Eure Gerechtigkeit
erprobt sich am Ungerechten, euer Mitleid am Grausamen und eure Güte
und Freundlichkeit gegenüber dem Zornigen. Eure Nächsten sind
sozusagen der Kanal, durch den alle eure Tugenden erprobt und lebendig
werden. So wird eure Gerechtigkeit durch die Ungerechtigkeit anderer
nicht vermindert, sondern erprobt. Das heißt, ihr zeigt gerade durch
die Tugend der Geduld, daß ihr gerecht seid. In gleicher Weise wird
eure Freundlichkeit und Sanftmut sichtbar durch süße Geduld
in der Zeit des Zorns. Und angesichts von Neid, Mißfallen und Haß
erweist sich eure Nächstenliebe durch das Verlangen nach dem Heil
der Seelen. Und wenn du die Tugend des Starkmutes und der Beharrlichkeit
betrachtest, so erweist sie sich darin, daß sie viel erträgt.
Sie wird erprobt durch Kränkungen und Verleumdungen der Menschen,
die euch, bald beleidigend, bald schmeichelnd, daran hindern wollen, dem
Weg und der Lehre der Wahrheit zu folgen ... Diese
inneren Tugenden der Seele, die auf die eben beschriebenen Weisen erprobt
werden, sind jene heiligen und süßen Werke, die Ich von meinen
Dienern verlange. Sie gehen weit über äußerliche Handlungen
oder die verschiedenen leiblichen Bußübungen hinaus.
-Je größer jetzt die Bedrängnis des mystischen Leibes der heiligen Kirche ist, desto größer wird ihre Freude und ihr Trost sein. Und ihre Freude wird sein: Eine Erneuerung durch gute, heilige Hirten ...
- Du siehst also, liebste Tochter, wie Ich bei jedem vernunftbegabten
Geschöpf auf unendlich vielen Wegen Meine Vorsehung walten lasse,
auf wunderbare Weisen, die von den Menschen, die in der Finsternis wandeln,
nicht erkannt werden, da die Finsternis das Licht nicht begreifen kann.
Meine Wege werden nur von denen erkannt, die das Licht [des Glaubens] besitzen.