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Grundhaltungen im Gebet
Innere Sammlung
Beten wir nicht oft,
ohne zu überlegen, was wir da eigentlich tun? So ungefähr in
dem Stil: „Also, jetzt bete ich." Dann schlagen wir irgendeinen Schmöker
auf, und das Nächstbeste liest man halt mal runter. Dem alten Mann
mit Bart da oben hinter den Wolken muß man ja ein bißchen vorlesen.
Stellen wir uns einmal
jeder für sich vor, er geht allein in einen Raum. Es ist kein Mensch
da, und ich fange an zu reden, eine halbe Stunde lang nur so „in die Luft
hinein". Da würde doch jeder zufällig Hinzukommende sagen: jetzt
wird es aber Zeit, daß wir den Psychiater holen. Wie oft fangen wir
an zu beten und haben nicht einmal den Adressaten vor Augen. Das ist doch
verrückt! Da redet man in die Luft hinein und weiß überhaupt
nicht, wo der liebe, gute Gott ist, zu dem man „betet". Irgendwo wird er
schon „herum schwirren", er ist doch allgegenwärtig. Prüfen wir
uns daher immer nach einer bestimmten Zeit des Betens: Zu wem habe ich
eigentlich gebetet? Ja natürlich, zu Gott! Wo ist er denn? Und wo
habe ich denn hingeredet?
Aber wichtig ist nicht
allein, daß ich weiß, er ist allgegenwärtig, sondern wichtig
ist, daß ich die Du-Beziehung herstelle: „Du in mir Jesus, Du ganz
in mir." - Sich sammeln! Das Erste im Gebet ist die Sammlung: Wer bin ich
denn? Und wer bist Du?
Die Sinne schweigen
lassen
Dies gilt vor allem
für das Innere Gebet. Das Innere Gebet richtet sich immer nach innen,
nie nach außen! Deshalb gehen gegenüber der Außenwelt
sozusagen die Jalousien
zu. Wir können
nicht bei Gott sein und gleichzeitig alles um uns her noch mitbekommen,
wie das häufig in unseren Kirchen passiert: „Was trägt die denn
für eine Mode ...
Hl. Maria, Mutter
Gottes, bitte für uns ..." So feiern wir Eucharistie und wundem uns,
daß wir nicht zum Geheimnis der Eucharistie finden. Wir beten mit
offenen Augen.
Da können wir
unmöglich in die Tiefe gelangen. Man kann natürlich auch die
Augen zuhaben und die Ohren offen. Da hört man genau am Schritt, wer
kommt: „Ah, der Sowieso, der kommt auch schon wieder zu spät!" Und
schon sind wir irgendwo anders.
Zu wem reden wir denn?
Wem singen wir denn ein Loblied?
Diese Erfahrung kennen
wir alle. Doch es muß uns bewußt werden, damit wir wirklich
in die Sammlung gehen und dann ganz bei Gott sind. Alles, was ich mit den
äußeren Sinnen aufnehme, unterbricht den Vorgang des Inneren
Gebets. Deshalb kommen wir oft nicht ins tiefere Gebet, sondern bleiben
beim „Plappern wie die Heiden" (vgl. Mt 6,7). Und das ist kein Gebet, obwohl
wir uns eigentlich ehrlich mühen. Wir merken gar nicht, daß
wir das ehrliche Mühen selber wieder kaputtmachen, weil wir uns nicht
sammeln, weil wir nicht zur Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes kommen.
Das hat nichts mit Gefühl zu tun. Gefühl braucht gar nicht dabeizusein.
Es geht um das Sich Bewußtmachen: Wer bist Du? Wer bin ich? Wo bist
Du - Du mein Gott?
Rechte Körperhaltung
Auch die Körperhaltung
verlangt Aufmerksamkeit. Wie oft lassen wir uns im Gebet vom Gefühl
bestimmen. Wenn ich keine Lust habe, lasse ich mich gehen. So hängen
wir dann in den Kirchenbänken herum oder daheim irgendwo in einem
Sessel. So würden wir nicht einmal vor einem Freund sitzen, wie wir
uns manchmal „betend" vor Gott geben. Schon die Körperhaltung zeigt,
daß ich mir überhaupt nicht bewußt bin, mit wem ich rede.
Das ist doch keine Ehrfurcht!
Selbst in der geistlichen
Trockenheit können wir uns in unserer Körperhaltung von dem Wissen
um Gott bestimmen lassen: „Du bist anwesend. Ich weiß, wer Du bist."
Wenn ich mich so in meiner Körperhaltung von meinem Glaubenswissen
führen lasse und nicht vom Gefühl - denn das ist ja in der Zeit
der Trockenheit weg -, wird diese Form der Ehrfurcht eine wichtige und
oft auch erstaunlich große Hilfe sein. Das braucht nichts Übertriebenes
zu sein, aber es wird helfen, tiefer zum Du Gottes zu kommen, zu dem ich
spreche. Das spielt in der ganzen Tradition der Kirche eine Rolle. Die
Heiligen hatten ganz klare Ausdrucksformen vor Gott - auch in der Körperhaltung.
Ehrfurcht bildet eine
tragende Grundlage des Gebets. Ehrfurcht ist heilige Scheu, nicht nur vor
Gott, sondern gegenüber allen Dingen, die von Gott stammen. Sie zeigt
sich zunächst in der inneren Haltung zu Gott und zu den Menschen,
aber darüber hinaus auch in der äußeren Haltung. Seele
und Leib sind eins. Wenn ich sie auseinanderreiße,
indem der Körper
irgendwie herumhängt, während sich die Seele in Freude erheben
soll, so etwas können wir uns doch gar nicht vorstellen!
2.
Andacht
Die Ehrfurcht vor
Gott hängt sehr eng mit einer weiteren Gebetshaltung, der Andacht,
zusammen. Wir sprechen häufig vom „andächtigen Beten".
In Gedanken ganz bei
Gott
Andacht heißt
allgemein: an das zu denken, was der Geist sich vorgenommen hat und wirklich
ganz dabei zu bleiben. Andacht im Gebet bedeutet: ganz an den denken, zu
dem ich rede, mit dem ich jetzt in Gemeinschaft bin. Der Geist richtet
sich in der Andacht auf den Inhalt der Worte und verbindet sie mit meinem
Leben, so daß ich lebenswahr bete. Man kann Andacht auch als Form
der Sammlung bezeichnen.
Andacht als Frucht
der Liebe
Wenn ich einen festen
Gebetstext benutze, so ist das eine Gebetshilfe, ein Mittel zum Gebet.
Dieses Mittelhafte des vorformulierten Gebets wird immer überflüssiger,
je mehr das Ziel des Gebets erreicht ist, nämlich die Liebe. Je mehr
wir in die Liebe zu Gott hineinwachsen, umso weniger Worte brauchen wir,
und umso überflüssiger werden die Gebetsformeln, die am Anfang
sehr wichtig sind.
Die Andacht, dieses
anfängliche Sich-Sammeln auf den hin, zu dem ich spreche, wird dabei
umfassender, inniger, lebendiger. Dabei wird der Seele deutlich, daß
die Andacht nicht so sehr eine Angelegenheit des Kopfes, des Erkennens
und des Denkens ist, sondern eine Sache des Herzens. Ein einfaches Mit-Gott-Zusammensein
in Liebe
und Freude, in Gleichförmigkeit
der Gesinnung. Das ist in einem tieferen Sinn mit Andacht gemeint.
Vom „Heidengebet" zum
„Herzensgebet"
Ein Gebet, das ich
ausschließlich mit den Lippen spreche, ist kein Gebet. Es ist bloßes
„Plappern wie die Heiden" (Mt 6,7). Das sagt Jesus sehr klar. Und das sollten
wir uns sehr gut merken, denn wir tun das sehr oft. Damit ist nicht gemeint,
daß ich mich vergesse, obwohl ich ehrlich beten wollte. Gemeint ist
ein Beten, wo ich mich schon gar
nicht bemühe,
den Kontakt herzustellen, sondern einfach anfange, irgendetwas herunterzubeten.
Die Zeit drängt, und ich sage jetzt schnell mein Brevier oder sonst
etwas
herunter. Doch am
Ende frage ich mich: Zu wem habe ich überhaupt gebetet? - Plappern
wie die Heiden! Das ist kein Gebet.
Ebenso verhält
es sich, wenn manche sagen, man müsse beim Beten ganz fest an das
denken, was man sagt. Doch ich kann ein Vaterunser beten und dabei an jedes
einzelne Wort denken: „Vater / unser / im Himmel /..." Ich habe an jedes
Wort „gedacht", und so kann ich das ganze Vaterunser durchmachen. Trotzdem
ist dieses bloße Beten „mit dem Verstand" noch kein Gebet. Ich habe
alles gebetet und weiß überhaupt nicht, was ich gesagt habe:
Ich tue nämlich nachher dasselbe, was ich vorher auch getan habe.
Ich lasse mich nicht vom Gebet bestimmen.
Andacht meint das
Gebet mit dem Herzen. Mit dem Herzen beten heißt, daß ich das,
was ich sage, verbinde mit dem, was ich tue. Wenn ich Gott etwas sage,
so muß ich
nachher entsprechend
handeln. Das ist der Anfang des Gebets. Es ist wichtig, sich dieser Grundhaltungen
bewußt zu sein. Gebet wird erst dann wahrhaft Gebet, wenn es
mein Leben verändert.
Echtes Gebet nimmt Einfluß auf mein Leben.
3.
Vertrauen
Eine dritte Gebetshaltung,
nach Ehrfurcht und Andacht, besteht im Vertrauen. Wenn der Blick des Herzens
auf Gott gerichtet ist, dann kann man eigentlich nicht anders, als ihm
zu trauen.
Bittet, als hättet
ihr schon empfangen
Es widerspräche
dem inneren Sinn des Gebets, vor allem des Bittgebets, wenn zugleich der
Zweifel an der Erfüllung dessen, was ich erbitte, mitginge. Dann brauche
ich ja gar nicht erst zu bitten. Darum sagt Jesus: „Bittet so, als hättet
ihr schon empfangen" (vgl. Mk 11,24). Das heißt auf gut deutsch:
Dankt! - „Herr, ich danke dir für das, was Du, Gott, jetzt tust."
Unterscheiden zwischen
Gefühl und Tun
Wenn mein Herz voller
Zweifel ist, während ich Gott bitte, kann von Vertrauen nicht die
Rede sein. Doch hier ist es sehr wichtig zu unterscheiden zwischen dem
„Gefühl"
des Zweifels und dem
wirklichen Zweifel. Ich werde sehr oft Gefühle des Zweifels haben,
wenn ich um etwas bitte. Da wird immer wieder ein Zweifel „mitspazieren",
ob die Bitte überhaupt
erfüllt wird. Hier ist wichtig zu wissen, woher solche Empfindungen
kommen. Das bloße „Gefühl" des Zweifels stammt aus dem Bereich
der Sinne. Doch unsere körperlichen Sinne können Gottes Tun nicht
wahrnehmen. Rein gefühlhafte Zweifel berühren nicht mein Innerstes!
Und sie geben keinesfalls Auskunft
darüber, ob man
nun „glaubt" oder „zweifelt". Wahrer Glaube liegt tiefer. Er besteht jenseits
der sinnlich wahrnehmbaren Gefühle.
Franz von Sales lehrt:
Viele Leute unterscheiden nicht zwischen dem Gefühl des Glaubens und
Glauben, zwischen dem Gefühl des Vertrauens und Vertrauen. Und das
ist ein großer Fehler. Wir müssen also immer unterscheiden zwischen
dem bloßen Gefühl des Zweifels und dem tatsächlichen Zweifel.
Daß ich einen Glaubensschritt - trotzdem - tue und gegen alle vielleicht
in mir aufsteigenden Gefühle Gott ernsthaft bitte, das ist der Ausdruck
meines Glaubens an sein Handeln! Ich bitte ihn und lasse dabei alle sinnenhaften
Gefühlszweifel außer Acht.
Bewußter Zweifel
hingegen wäre es zu sagen: „Lieber Gott, ich probiere es einmal mit
Dir. Und wenn nichts herauskommt, ist es genauso wie vorher, verlieren
kann ich ja nichts." Das ist echter Zweifel. Ich traue Gott nichts zu.
Zweifel verschließt das Herz für Gottes Gabe, anstatt es zu
öffnen.
Jedes Gebet soll also
das Vertrauen, dieses Gott-Trauen, zum Ausdruck bringen. Wie gesagt, es
geht nicht um das Gefühl. Das kann einmal dabei sein, dann ist es
natürlich
leichter. Aber daß
ich mit meinem Problem zu Gott gehe und sage: „Ich übergebe es Dir
jetzt und ich warte einfach, was Du tust", das ist Vertrauen.
4.
Beharrlichkeit
Die vierte Haltung
im Gebet ist die Beharrlichkeit, in der das wirkliche Vertrauen sich bewähren
muß. Erst im beharrlichen Gebet erleben wir, ob wir tatsächlich
vertrauen.
Nicht wie ich will
Wenn ich heute geschwind
bete: „Lieber Gott, ich bitte Dich für diesen Kranken" - heute! Morgen
bitte ich schon nicht mehr, denn der Kranke ist immer noch nicht gesund
und schließlich weiß ich ja nicht, ob mein Gebet einen Wert
hat. Das sage ich Gott natürlich nicht ausdrücklich. Aber ich
bete einfach nicht mehr. Wenn ich glauben würde, wenn ich wirklich
von Herzen (nicht vom Gefühl her) vertrauen würde, dann würde
das in der Beharrlichkeit zum Ausdruck kommen. Ich bete so lange für
den Kranken, bis er gestorben ist. Und selbst wenn er stirbt, weiß
ich, daß mein Gebet erhört worden ist. Er ist heil geworden
an der Seele und konnte den Tod annehmen, was er vorher nicht konnte -
da bin ich erhört worden.
Gott erhört jede
Bitte! Das muß uns einmal bewußt werden. Doch er erhört
mich nicht immer so, wie ich es will. Aber beobachten wir einmal, was wir
dabei erleben dürfen. Wir werden im Nachhinein feststellen, daß
bei dem Menschen, um den es geht, oder in der Situation, die uns am Herzen
liegt, etwas geschehen ist. Etwas hat sich anders ereignet, als ich es
mir vorgestellt habe. So entdecke ich im Nachhinein, wie Gott mich erhört
hat. Und ich werde mich fragen, ob das nicht das Größere und
Wichtigere war, anstatt einfach nur festzustellen: „Das, was ich gewollt
habe, ist nicht durchgegangen."
Wachstum im Glauben
Bei dem scheinbar
langen Warten-Müssen auf Erhörung setzt die Gebetseigenschaft
der Beharrlichkeit ein: Ausharren bis zum Ende, sagt die Schrift (vgl.
Mt 10,22; 1 Kor 13,7). Das Herz muß standhalten können und lernen,
im Glauben zu warten.
Denken wir daran,
wie der Herr die Heidin von Sidon hinter sich herlaufen ließ und
sie gar nicht schön behandelte, als sie schrie: „Mach meine Tochter
gesund." Und er sagte: „Ich bin nicht zu den Heiden gekommen, sondern zu
den Kindern Israels. Ich kann nicht das Brot den Hunden vorwerfen." Sie
antwortete: „Doch auch die Hündchen
freuen sich über
die Brotreste, die vom Tisch des Herrn fallen." Jesus prüfte sie so
im Glauben, damit er ihr durch ihren Glauben das Geschenk der Heilung machen
konnte: „Frau, dein Glaube ist groß!" (vgl. Mt 15,21-28).
Gott kann uns in manchen
Dingen nicht erhören, weil er uns liebt. Wir müssen lernen, glaubend
weiter zu warten, bis der Glaube so gewachsen ist, daß Gott handeln
kann.
Aber das geschieht
nicht, wenn ich nicht zu warten lerne, sondern stehen bleibe und zu beten
aufhöre, anstatt beharrlich meine Bitte fortzusetzen.
Wachstum hin zum Willen
Gottes
Wir haben ja immer
Termine, auch bei Gott. Nach einer bestimmten Zeit des Gebets hören
wir auf und sagen: „Jetzt reicht es." Eine solche Haltung ist nicht richtig.
Eigentlich müssen wir beten, bis wir sterben und wenn wir dann noch
nichts sehen, über den Tod hinaus vertrauen: Mein Gebet war nicht
umsonst, Gott wird mich erhören.
Im beharrlichen Gebet
wird die Seele geduldig und stark. Sie wird hart gegen ihre eigene Weichlichkeit
und Reizbarkeit und gegen ihre Neigung, Ansprüche zu stellen. Sie
wird reiner, bescheidener, selbstloser. Sie findet sich hinein in den Willen
Gottes.
Das geschieht nicht
geschwind durch einen Willensakt, sondern durch das längere, wartende
Aushalten in der Bitte wachsen wir hinein in den Willen Gottes. Oft geschieht
kein Wachstum, auch kein Hineinwachsen in den Willen Gottes, sodaß
„er meine Speise wird" (vgl. Joh 4,34), weil ich ihn bloß schnell
anrufe - wie bei einem Telefonat - und dann ist wieder Schluß. Gott
kann mich gar nicht wie die Frau von Sidon führen, weil ich nicht
mitgehe.
Mehr als wir erbitten
können
Im beharrlichen Gebet
wandelt sich oft der Inhalt der Bitte. Ich fange auf einmal an, anders
zu bitten als bisher. Und manchmal verwandelt sich auch der Bittende im
beharrlichen Gebet. Da kann es sein, daß ich beginne, Gott zu danken,
daß er mich nicht so erhört hat, wie ich es wollte. Der Inhalt
meines Gebets verändert sich plötzlich, weil ich spüre,
so ist es richtig. Und ich selber verwandle mich in einen Gott trauenden
Menschen, der sich in den Willen Gottes hineinlegt, so daß ich förmlich
darin wohne
und Gottes Wille mir
zur Heimat wird. Damit habe ich zu Beginn des Gebets gar nicht gerechnet.
Gott tut mehr, als
wir erbitten können. Das beten wir sehr oft im Kirchengebet. Der Mensch
wird reifer durch das Warten. Er sieht das Erbetene vielleicht ganz anders
und macht Abstriche von dem, was er ursprünglich gewollt und sich
vorgestellt hat.
Vielleicht gelangt
das Herz wie von selbst an einen Punkt, wo es jene erste Bitte völlig
überholt hat, sie aufgibt und die Nichterfüllung seiner Bitte
als die tiefste und Gottes würdigste Erhörung begreift. Wer ein
Gebetsanliegen in Beharrlichkeit durchgehalten hat, kann diese Prozesse
innerlich nachvollziehen. Prüfen wir uns, in welchen Punkten wir beharrlich
vor Gott ausgehalten haben.
5.
Hingabe an Gottes Willen
Eine letzte Grundhaltung
des Gebets besteht in der Hingabe an den Willen Gottes. Es ist die entscheidende
Eigenschaft, die Grundvoraussetzung jeglichen Gebets: das volle Einverständnis
mit Gott, mit seinem Willen, mit seinem Tun.
Kein Gebet ohne Hingabe
Ohne Hingabe kann
ich nie richtig beten und werde immer enttäuscht sein. Denn dann setze
ich mich gleichsam selbst an die Stelle Gottes, und Gott ist für mich
nur der Ausführende meines Willens. Ich sage ihm in meinen Bitten,
was er zu tun hat. Und ich bestrafe ihn, wenn er es nicht tut, indem ich
nicht mehr bete. Hingabe an den Willen Gottes lebt von der Überzeugung,
daß Gott hundertmal mehr mein Wohl und das Wohl aller will, viel
besser, als ich es je erbitten kann. Er kennt mich tiefer und wahrhaftiger
als ich. Ihm kann ich trauen, ihn kann ich bitten. Und ich kann unaufhörlich
bitten und warten, bis er mich erhört oder mich verwandelt oder die
Bitte verwandelt.
Hingabe ist
die Grundvoraussetzung für jedes Gebet.
Und diese Hingabe
ergibt sich aus all dem vorher Gesagten, denn es wäre eine seltsame
Ehrfurcht vor Gott, wenn man ihm etwas abzwingen wollte gegen seinen wirklich
weisheitsvollen, göttlichen
Entschluß. So wäre auch kein wahrer Lobpreis möglich.
Wie soll ich Gott
denn preisen, wenn ich nicht ganz seinem Willen gleichförmig bin?
Das ist doch unmöglich.
Deshalb ist viel von dem, was wir „Lobpreis" nennen, nur schöne Lieder
und nette Worte. Aber kein wahrer Lobpreis, wo mein Wille ausgerichtet
ist auf den Willen dessen, den ich preise. Oder wie könnte man wirklich
danken, wenn man doch gar nicht einverstanden wäre mit dem Willen
dessen, dem man dankt oder mit der empfangenen Gabe, für die man dankt?
Wie soll ich denn da danken, wenn ich nicht ganz mit Gott eins bin, wenn
ich nicht ganz in seinem Willen bin?
Heilung der Eigenliebe
Alles Beten zielt
letztlich auf das Einswerden meines Willens mit dem Willen Gottes ab. In
diesem Ringen mit dem Willen Gottes entdecken wir bis in die höchste
Form
des Gebets unsere
versteckte Selbstliebe: das Egoistische, die Eigenliebe im negativen, nicht
im positiven Sinn. Dieser Egoismus, dieser innere Stolz, das ist wohl auch
die
Giftwurzel, die bis
in die höchste Mystik in uns gereinigt werden muß.
Darin besteht der
ganze Prozeß, den wir im Gebet durchmachen. Das merken wir vor allem,
wenn wir innerlich revoltieren, weil das Gebet nicht so ist, wie wir es
gerne
hätten: „Lieber
Gott, so stelle ich es mir nicht vor! - Vielleicht wird es besser, wenn
ich weniger bete." Da erregt sich das eigene Ich und es geht mir nicht
mehr um Gott,
es geht nur noch um
mich. Ich frage nicht: „Was willst Du eigentlich?", sondern „Was bringt
es mir?" Das erfahren wir schon am Beginn des Gebets. Gott geht von Anfang
an daran, diese egoistischen
Hindernisse in mir aufzudecken. Dieser Prozeß hört nie auf,
aber je tiefer er geht, umso mehr offenbart Gott sich mir.
Gott zwingt sich nicht
auf
Das wären einige
Gedanken, was Jesus über das Gebet sagt und wie er betet. Jesus ist
mein Modell, er ist verbindlich für mich. Jeder kann das selbst einmal
in der Schrift studieren. Ebenso die Haltungen im Gebet: Es wäre ganz
gut, sie in Stichworten auf einen Zettel zu schreiben und sich vor dem
Gebet zu prüfen, ob man in der Sammlung steht, ob die Ehrfurcht geweckt
ist, die Andacht lebendig, ob ich bereit bin, beharrlich treu zu bleiben
bis zur Hingabe.
Wir Menschen sind
sehr vergeßlich. Manche Dinge, die uns plötzlich ins Herz treffen,
sind ein Jahr später vergessen, so wichtig sie wären. Aber wir
flattern ja manchmal
wie Schmetterlinge
von Blüte zu Blüte. Überall zupfen wir ein bißchen.
Und am Ende wundem wir uns, daß wir davon nicht satt geworden sind.
Viel wichtiger wäre es, bei
einem Punkt zu bleiben
und daran zu wachsen. Prüfen wir einmal, wie oft wir in unserem Leben
schon von Gott betroffen waren. Und wie lange hat es angedauert? Weiß
ich überhaupt
noch, was das war? - Gott zwingt sich nicht auf! Das ist ein wichtiger
Punkt im Gebet, in jedem geistlichen Tun. Gott hat größere Ehrfurcht
vor meiner Freiheit als ich selbst. Merken wir uns die Dinge, die uns betroffen
machen. Schreiben wir es auf. Prüfen wir unser Leben immer wieder
an dem, wo Gott uns angesprochen hat, bis es erfüllt ist. Dann kann
der nächste Schritt kommen.
(Quelle: "Dienst
am Glauben" Nr. 2, 2011, S. 58 - 64, Innsbruck)