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Wie soll ich beten?
Das beste Gebet ist jenes, das am meisten Liebe enthält
Ch. de Foucauld

Grundhaltungen im Gebet

Hier einige Gedanken zur inneren Haltung für das rechte Beten. Worauf soll man dabei achten?
1. Ehrfurcht
Gebet will uns das Geheimnis Gottes offenbaren, das größte uns angebotene Geheimnis. Ehrfurcht ist der Schlüssel w diesem Geheimnis. In der Struktur des Gebets bildet
daher die Ehrfurcht eine tragende Grundlage.
Ehrfurchtslosigkeit ist die große Krankheit unserer Zeit. Wo hat der Mensch noch Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Natur? Wo hat er noch Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Ehe, vor dem Geheimnis der Geschlechtlichkeit im anderen?
- Darum gelangt der Mensch kaum mehr zum Geheimnis Gottes. Ehrfurcht ist das tragende Fundament des Gebets, der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes.

Innere Sammlung
Beten wir nicht oft, ohne zu überlegen, was wir da eigentlich tun? So ungefähr in dem Stil: „Also, jetzt bete ich." Dann schlagen wir irgendeinen Schmöker auf, und das Nächstbeste liest man halt mal runter. Dem alten Mann mit Bart da oben hinter den Wolken muß man ja ein bißchen vorlesen.
Stellen wir uns einmal jeder für sich vor, er geht allein in einen Raum. Es ist kein Mensch da, und ich fange an zu reden, eine halbe Stunde lang nur so „in die Luft hinein". Da würde doch jeder zufällig Hinzukommende sagen: jetzt wird es aber Zeit, daß wir den Psychiater holen. Wie oft fangen wir an zu beten und haben nicht einmal den Adressaten vor Augen. Das ist doch verrückt! Da redet man in die Luft hinein und weiß überhaupt nicht, wo der liebe, gute Gott ist, zu dem man „betet". Irgendwo wird er schon „herum schwirren", er ist doch allgegenwärtig. Prüfen wir uns daher immer nach einer bestimmten Zeit des Betens: Zu wem habe ich eigentlich gebetet? Ja natürlich, zu Gott! Wo ist er denn? Und wo habe ich denn hingeredet?
Aber wichtig ist nicht allein, daß ich weiß, er ist allgegenwärtig, sondern wichtig ist, daß ich die Du-Beziehung herstelle: „Du in mir Jesus, Du ganz in mir." - Sich sammeln! Das Erste im Gebet ist die Sammlung: Wer bin ich denn? Und wer bist Du?

Die Sinne schweigen lassen
Dies gilt vor allem für das Innere Gebet. Das Innere Gebet richtet sich immer nach innen, nie nach außen! Deshalb gehen gegenüber der Außenwelt sozusagen die Jalousien
zu. Wir können nicht bei Gott sein und gleichzeitig alles um uns her noch mitbekommen, wie das häufig in unseren Kirchen passiert: „Was trägt die denn für eine Mode ...
Hl. Maria, Mutter Gottes, bitte für uns ..." So feiern wir Eucharistie und wundem uns, daß wir nicht zum Geheimnis der Eucharistie finden. Wir beten mit offenen Augen.
Da können wir unmöglich in die Tiefe gelangen. Man kann natürlich auch die Augen zuhaben und die Ohren offen. Da hört man genau am Schritt, wer kommt: „Ah, der Sowieso, der kommt auch schon wieder zu spät!" Und schon sind wir irgendwo anders.
Zu wem reden wir denn? Wem singen wir denn ein Loblied?
Diese Erfahrung kennen wir alle. Doch es muß uns bewußt werden, damit wir wirklich in die Sammlung gehen und dann ganz bei Gott sind. Alles, was ich mit den äußeren Sinnen aufnehme, unterbricht den Vorgang des Inneren Gebets. Deshalb kommen wir oft nicht ins tiefere Gebet, sondern bleiben beim „Plappern wie die Heiden" (vgl. Mt 6,7). Und das ist kein Gebet, obwohl wir uns eigentlich ehrlich mühen. Wir merken gar nicht, daß wir das ehrliche Mühen selber wieder kaputtmachen, weil wir uns nicht sammeln, weil wir nicht zur Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes kommen. Das hat nichts mit Gefühl zu tun. Gefühl braucht gar nicht dabeizusein. Es geht um das Sich Bewußtmachen: Wer bist Du? Wer bin ich? Wo bist Du - Du mein Gott?

Rechte Körperhaltung
Auch die Körperhaltung verlangt Aufmerksamkeit. Wie oft lassen wir uns im Gebet vom Gefühl bestimmen. Wenn ich keine Lust habe, lasse ich mich gehen. So hängen wir dann in den Kirchenbänken herum oder daheim irgendwo in einem Sessel. So würden wir nicht einmal vor einem Freund sitzen, wie wir uns manchmal „betend" vor Gott geben. Schon die Körperhaltung zeigt, daß ich mir überhaupt nicht bewußt bin, mit wem ich rede. Das ist doch keine Ehrfurcht!
Selbst in der geistlichen Trockenheit können wir uns in unserer Körperhaltung von dem Wissen um Gott bestimmen lassen: „Du bist anwesend. Ich weiß, wer Du bist." Wenn ich mich so in meiner Körperhaltung von meinem Glaubenswissen führen lasse und nicht vom Gefühl - denn das ist ja in der Zeit der Trockenheit weg -, wird diese Form der Ehrfurcht eine wichtige und oft auch erstaunlich große Hilfe sein. Das braucht nichts Übertriebenes zu sein, aber es wird helfen, tiefer zum Du Gottes zu kommen, zu dem ich spreche. Das spielt in der ganzen Tradition der Kirche eine Rolle. Die Heiligen hatten ganz klare Ausdrucksformen vor Gott - auch in der Körperhaltung.
Ehrfurcht bildet eine tragende Grundlage des Gebets. Ehrfurcht ist heilige Scheu, nicht nur vor Gott, sondern gegenüber allen Dingen, die von Gott stammen. Sie zeigt sich zunächst in der inneren Haltung zu Gott und zu den Menschen, aber darüber hinaus auch in der äußeren Haltung. Seele und Leib sind eins. Wenn ich sie auseinanderreiße,
indem der Körper irgendwie herumhängt, während sich die Seele in Freude erheben soll, so etwas können wir uns doch gar nicht vorstellen!

2. Andacht
Die Ehrfurcht vor Gott hängt sehr eng mit einer weiteren Gebetshaltung, der Andacht, zusammen. Wir sprechen häufig vom „andächtigen Beten".

In Gedanken ganz bei Gott
Andacht heißt allgemein: an das zu denken, was der Geist sich vorgenommen hat und wirklich ganz dabei zu bleiben. Andacht im Gebet bedeutet: ganz an den denken, zu dem ich rede, mit dem ich jetzt in Gemeinschaft bin. Der Geist richtet sich in der Andacht auf den Inhalt der Worte und verbindet sie mit meinem Leben, so daß ich lebenswahr bete. Man kann Andacht auch als Form der Sammlung bezeichnen.

Andacht als Frucht der Liebe
Wenn ich einen festen Gebetstext benutze, so ist das eine Gebetshilfe, ein Mittel zum Gebet. Dieses Mittelhafte des vorformulierten Gebets wird immer überflüssiger, je mehr das Ziel des Gebets erreicht ist, nämlich die Liebe. Je mehr wir in die Liebe zu Gott hineinwachsen, umso weniger Worte brauchen wir, und umso überflüssiger werden die Gebetsformeln, die am Anfang sehr wichtig sind.
Die Andacht, dieses anfängliche Sich-Sammeln auf den hin, zu dem ich spreche, wird dabei umfassender, inniger, lebendiger. Dabei wird der Seele deutlich, daß die Andacht nicht so sehr eine Angelegenheit des Kopfes, des Erkennens und des Denkens ist, sondern eine Sache des Herzens. Ein einfaches Mit-Gott-Zusammensein in Liebe
und Freude, in Gleichförmigkeit der Gesinnung. Das ist in einem tieferen Sinn mit Andacht gemeint.

Vom „Heidengebet" zum „Herzensgebet"
Ein Gebet, das ich ausschließlich mit den Lippen spreche, ist kein Gebet. Es ist bloßes „Plappern wie die Heiden" (Mt 6,7). Das sagt Jesus sehr klar. Und das sollten wir uns sehr gut merken, denn wir tun das sehr oft. Damit ist nicht gemeint, daß ich mich vergesse, obwohl ich ehrlich beten wollte. Gemeint ist ein Beten, wo ich mich schon gar
nicht bemühe, den Kontakt herzustellen, sondern einfach anfange, irgendetwas herunterzubeten. Die Zeit drängt, und ich sage jetzt schnell mein Brevier oder sonst etwas
herunter. Doch am Ende frage ich mich: Zu wem habe ich überhaupt gebetet? - Plappern wie die Heiden! Das ist kein Gebet.
Ebenso verhält es sich, wenn manche sagen, man müsse beim Beten ganz fest an das denken, was man sagt. Doch ich kann ein Vaterunser beten und dabei an jedes einzelne Wort denken: „Vater / unser / im Himmel /..." Ich habe an jedes Wort „gedacht", und so kann ich das ganze Vaterunser durchmachen. Trotzdem ist dieses bloße Beten „mit dem Verstand" noch kein Gebet. Ich habe alles gebetet und weiß überhaupt nicht, was ich gesagt habe: Ich tue nämlich nachher dasselbe, was ich vorher auch getan habe. Ich lasse mich nicht vom Gebet bestimmen.
Andacht meint das Gebet mit dem Herzen. Mit dem Herzen beten heißt, daß ich das, was ich sage, verbinde mit dem, was ich tue. Wenn ich Gott etwas sage, so muß ich
nachher entsprechend handeln. Das ist der Anfang des Gebets. Es ist wichtig, sich dieser Grundhaltungen bewußt zu sein. Gebet wird erst dann wahrhaft Gebet, wenn es
mein Leben verändert. Echtes Gebet nimmt Einfluß auf mein Leben.

3. Vertrauen
Eine dritte Gebetshaltung, nach Ehrfurcht und Andacht, besteht im Vertrauen. Wenn der Blick des Herzens auf Gott gerichtet ist, dann kann man eigentlich nicht anders, als ihm zu trauen.

Bittet, als hättet ihr schon empfangen
Es widerspräche dem inneren Sinn des Gebets, vor allem des Bittgebets, wenn zugleich der Zweifel an der Erfüllung dessen, was ich erbitte, mitginge. Dann brauche ich ja gar nicht erst zu bitten. Darum sagt Jesus: „Bittet so, als hättet ihr schon empfangen" (vgl. Mk 11,24). Das heißt auf gut deutsch: Dankt! - „Herr, ich danke dir für das, was Du, Gott, jetzt tust."

Unterscheiden zwischen Gefühl und Tun
Wenn mein Herz voller Zweifel ist, während ich Gott bitte, kann von Vertrauen nicht die Rede sein. Doch hier ist es sehr wichtig zu unterscheiden zwischen dem „Gefühl"
des Zweifels und dem wirklichen Zweifel. Ich werde sehr oft Gefühle des Zweifels haben, wenn ich um etwas bitte. Da wird immer wieder ein Zweifel „mitspazieren",
ob die Bitte überhaupt erfüllt wird. Hier ist wichtig zu wissen, woher solche Empfindungen kommen. Das bloße „Gefühl" des Zweifels stammt aus dem Bereich der Sinne. Doch unsere körperlichen Sinne können Gottes Tun nicht wahrnehmen. Rein gefühlhafte Zweifel berühren nicht mein Innerstes! Und sie geben keinesfalls Auskunft
darüber, ob man nun „glaubt" oder „zweifelt". Wahrer Glaube liegt tiefer. Er besteht jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Gefühle.
Franz von Sales lehrt: Viele Leute unterscheiden nicht zwischen dem Gefühl des Glaubens und Glauben, zwischen dem Gefühl des Vertrauens und Vertrauen. Und das ist ein großer Fehler. Wir müssen also immer unterscheiden zwischen dem bloßen Gefühl des Zweifels und dem tatsächlichen Zweifel. Daß ich einen Glaubensschritt - trotzdem - tue und gegen alle vielleicht in mir aufsteigenden Gefühle Gott ernsthaft bitte, das ist der Ausdruck meines Glaubens an sein Handeln! Ich bitte ihn und lasse dabei alle sinnenhaften Gefühlszweifel außer Acht.
Bewußter Zweifel hingegen wäre es zu sagen: „Lieber Gott, ich probiere es einmal mit Dir. Und wenn nichts herauskommt, ist es genauso wie vorher, verlieren kann ich ja nichts." Das ist echter Zweifel. Ich traue Gott nichts zu. Zweifel verschließt das Herz für Gottes Gabe, anstatt es zu öffnen.
Jedes Gebet soll also das Vertrauen, dieses Gott-Trauen, zum Ausdruck bringen. Wie gesagt, es geht nicht um das Gefühl. Das kann einmal dabei sein, dann ist es natürlich
leichter. Aber daß ich mit meinem Problem zu Gott gehe und sage: „Ich übergebe es Dir jetzt und ich warte einfach, was Du tust", das ist Vertrauen.

4. Beharrlichkeit
Die vierte Haltung im Gebet ist die Beharrlichkeit, in der das wirkliche Vertrauen sich bewähren muß. Erst im beharrlichen Gebet erleben wir, ob wir tatsächlich vertrauen.

Nicht wie ich will
Wenn ich heute geschwind bete: „Lieber Gott, ich bitte Dich für diesen Kranken" - heute! Morgen bitte ich schon nicht mehr, denn der Kranke ist immer noch nicht gesund und schließlich weiß ich ja nicht, ob mein Gebet einen Wert hat. Das sage ich Gott natürlich nicht ausdrücklich. Aber ich bete einfach nicht mehr. Wenn ich glauben würde, wenn ich wirklich von Herzen (nicht vom Gefühl her) vertrauen würde, dann würde das in der Beharrlichkeit zum Ausdruck kommen. Ich bete so lange für den Kranken, bis er gestorben ist. Und selbst wenn er stirbt, weiß ich, daß mein Gebet erhört worden ist. Er ist heil geworden an der Seele und konnte den Tod annehmen, was er vorher nicht konnte - da bin ich erhört worden.
Gott erhört jede Bitte! Das muß uns einmal bewußt werden. Doch er erhört mich nicht immer so, wie ich es will. Aber beobachten wir einmal, was wir dabei erleben dürfen. Wir werden im Nachhinein feststellen, daß bei dem Menschen, um den es geht, oder in der Situation, die uns am Herzen liegt, etwas geschehen ist. Etwas hat sich anders ereignet, als ich es mir vorgestellt habe. So entdecke ich im Nachhinein, wie Gott mich erhört hat. Und ich werde mich fragen, ob das nicht das Größere und Wichtigere war, anstatt einfach nur festzustellen: „Das, was ich gewollt habe, ist nicht durchgegangen."

Wachstum im Glauben
Bei dem scheinbar langen Warten-Müssen auf Erhörung setzt die Gebetseigenschaft der Beharrlichkeit ein: Ausharren bis zum Ende, sagt die Schrift (vgl. Mt 10,22; 1 Kor 13,7). Das Herz muß standhalten können und lernen, im Glauben zu warten.
Denken wir daran, wie der Herr die Heidin von Sidon hinter sich herlaufen ließ und sie gar nicht schön behandelte, als sie schrie: „Mach meine Tochter gesund." Und er sagte: „Ich bin nicht zu den Heiden gekommen, sondern zu den Kindern Israels. Ich kann nicht das Brot den Hunden vorwerfen." Sie antwortete: „Doch auch die Hündchen
freuen sich über die Brotreste, die vom Tisch des Herrn fallen." Jesus prüfte sie so im Glauben, damit er ihr durch ihren Glauben das Geschenk der Heilung machen  konnte: „Frau, dein Glaube ist groß!" (vgl. Mt 15,21-28).
Gott kann uns in manchen Dingen nicht erhören, weil er uns liebt. Wir müssen lernen, glaubend weiter zu warten, bis der Glaube so gewachsen ist, daß Gott handeln kann.
Aber das geschieht nicht, wenn ich nicht zu warten lerne, sondern stehen bleibe und zu beten aufhöre, anstatt beharrlich meine Bitte fortzusetzen.

Wachstum hin zum Willen Gottes
Wir haben ja immer Termine, auch bei Gott. Nach einer bestimmten Zeit des Gebets hören wir auf und sagen: „Jetzt reicht es." Eine solche Haltung ist nicht richtig. Eigentlich müssen wir beten, bis wir sterben und wenn wir dann noch nichts sehen, über den Tod hinaus vertrauen: Mein Gebet war nicht umsonst, Gott wird mich erhören.
Im beharrlichen Gebet wird die Seele geduldig und stark. Sie wird hart gegen ihre eigene Weichlichkeit und Reizbarkeit und gegen ihre Neigung, Ansprüche zu stellen. Sie wird reiner, bescheidener, selbstloser. Sie findet sich hinein in den Willen Gottes.
Das geschieht nicht geschwind durch einen Willensakt, sondern durch das längere, wartende Aushalten in der Bitte wachsen wir hinein in den Willen Gottes. Oft geschieht kein Wachstum, auch kein Hineinwachsen in den Willen Gottes, sodaß „er meine Speise wird" (vgl. Joh 4,34), weil ich ihn bloß schnell anrufe - wie bei einem Telefonat - und dann ist wieder Schluß. Gott kann mich gar nicht wie die Frau von Sidon führen, weil ich nicht mitgehe.

Mehr als wir erbitten können
Im beharrlichen Gebet wandelt sich oft der Inhalt der Bitte. Ich fange auf einmal an, anders zu bitten als bisher. Und manchmal verwandelt sich auch der Bittende im beharrlichen Gebet. Da kann es sein, daß ich beginne, Gott zu danken, daß er mich nicht so erhört hat, wie ich es wollte. Der Inhalt meines Gebets verändert sich plötzlich, weil ich spüre, so ist es richtig. Und ich selber verwandle mich in einen Gott trauenden Menschen, der sich in den Willen Gottes hineinlegt, so daß ich förmlich darin wohne
und Gottes Wille mir zur Heimat wird. Damit habe ich zu Beginn des Gebets gar nicht gerechnet.
Gott tut mehr, als wir erbitten können. Das beten wir sehr oft im Kirchengebet. Der Mensch wird reifer durch das Warten. Er sieht das Erbetene vielleicht ganz anders und macht Abstriche von dem, was er ursprünglich gewollt und sich vorgestellt hat.
Vielleicht gelangt das Herz wie von selbst an einen Punkt, wo es jene erste Bitte völlig überholt hat, sie aufgibt und die Nichterfüllung seiner Bitte als die tiefste und Gottes würdigste Erhörung begreift. Wer ein Gebetsanliegen in Beharrlichkeit durchgehalten hat, kann diese Prozesse innerlich nachvollziehen. Prüfen wir uns, in welchen Punkten wir beharrlich vor Gott ausgehalten haben.

5. Hingabe an Gottes Willen
Eine letzte Grundhaltung des Gebets besteht in der Hingabe an den Willen Gottes. Es ist die entscheidende Eigenschaft, die Grundvoraussetzung jeglichen Gebets: das volle Einverständnis mit Gott, mit seinem Willen, mit seinem Tun.

Kein Gebet ohne Hingabe
Ohne Hingabe kann ich nie richtig beten und werde immer enttäuscht sein. Denn dann setze ich mich gleichsam selbst an die Stelle Gottes, und Gott ist für mich nur der Ausführende meines Willens. Ich sage ihm in meinen Bitten, was er zu tun hat. Und ich bestrafe ihn, wenn er es nicht tut, indem ich nicht mehr bete. Hingabe an den Willen Gottes lebt von der Überzeugung, daß Gott hundertmal mehr mein Wohl und das Wohl aller will, viel besser, als ich es je erbitten kann. Er kennt mich tiefer und wahrhaftiger als ich. Ihm kann ich trauen, ihn kann ich bitten. Und ich kann unaufhörlich bitten und warten, bis er mich erhört oder mich verwandelt oder die Bitte verwandelt.
Hingabe ist die Grundvoraussetzung für jedes Gebet.
Und diese Hingabe ergibt sich aus all dem vorher Gesagten, denn es wäre eine seltsame Ehrfurcht vor Gott, wenn man ihm etwas abzwingen wollte gegen seinen wirklich
weisheitsvollen, göttlichen Entschluß. So wäre auch kein wahrer Lobpreis möglich.
Wie soll ich Gott denn preisen, wenn ich nicht ganz seinem Willen gleichförmig bin?
Das ist doch unmöglich. Deshalb ist viel von dem, was wir „Lobpreis" nennen, nur schöne Lieder und nette Worte. Aber kein wahrer Lobpreis, wo mein Wille ausgerichtet ist auf den Willen dessen, den ich preise. Oder wie könnte man wirklich danken, wenn man doch gar nicht einverstanden wäre mit dem Willen dessen, dem man dankt oder mit der empfangenen Gabe, für die man dankt? Wie soll ich denn da danken, wenn ich nicht ganz mit Gott eins bin, wenn ich nicht ganz in seinem Willen bin?

Heilung der Eigenliebe
Alles Beten zielt letztlich auf das Einswerden meines Willens mit dem Willen Gottes ab. In diesem Ringen mit dem Willen Gottes entdecken wir bis in die höchste Form
des Gebets unsere versteckte Selbstliebe: das Egoistische, die Eigenliebe im negativen, nicht im positiven Sinn. Dieser Egoismus, dieser innere Stolz, das ist wohl auch die
Giftwurzel, die bis in die höchste Mystik in uns gereinigt werden muß.
Darin besteht der ganze Prozeß, den wir im Gebet durchmachen. Das merken wir vor allem, wenn wir innerlich revoltieren, weil das Gebet nicht so ist, wie wir es gerne
hätten: „Lieber Gott, so stelle ich es mir nicht vor! - Vielleicht wird es besser, wenn ich weniger bete." Da erregt sich das eigene Ich und es geht mir nicht mehr um Gott,
es geht nur noch um mich. Ich frage nicht: „Was willst Du eigentlich?", sondern „Was bringt es mir?" Das erfahren wir schon am Beginn des Gebets. Gott geht von Anfang
an daran, diese egoistischen Hindernisse in mir aufzudecken. Dieser Prozeß hört nie auf, aber je tiefer er geht, umso mehr offenbart Gott sich mir.

Gott zwingt sich nicht auf
Das wären einige Gedanken, was Jesus über das Gebet sagt und wie er betet. Jesus ist mein Modell, er ist verbindlich für mich. Jeder kann das selbst einmal in der Schrift studieren. Ebenso die Haltungen im Gebet: Es wäre ganz gut, sie in Stichworten auf einen Zettel zu schreiben und sich vor dem Gebet zu prüfen, ob man in der Sammlung steht, ob die Ehrfurcht geweckt ist, die Andacht lebendig, ob ich bereit bin, beharrlich treu zu bleiben bis zur Hingabe.
Wir Menschen sind sehr vergeßlich. Manche Dinge, die uns plötzlich ins Herz treffen, sind ein Jahr später vergessen, so wichtig sie wären. Aber wir flattern ja manchmal
wie Schmetterlinge von Blüte zu Blüte. Überall zupfen wir ein bißchen. Und am Ende wundem wir uns, daß wir davon nicht satt geworden sind. Viel wichtiger wäre es, bei
einem Punkt zu bleiben und daran zu wachsen. Prüfen wir einmal, wie oft wir in unserem Leben schon von Gott betroffen waren. Und wie lange hat es angedauert? Weiß
ich überhaupt noch, was das war? - Gott zwingt sich nicht auf! Das ist ein wichtiger Punkt im Gebet, in jedem geistlichen Tun. Gott hat größere Ehrfurcht vor meiner Freiheit als ich selbst. Merken wir uns die Dinge, die uns betroffen machen. Schreiben wir es auf. Prüfen wir unser Leben immer wieder an dem, wo Gott uns angesprochen hat, bis es erfüllt ist. Dann kann der nächste Schritt kommen.
(Quelle: "Dienst am Glauben" Nr. 2, 2011, S. 58 - 64, Innsbruck)



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