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 Gottes Wesenheit 

Die Wesenheit Gottes
Franz Spirago - Katholischer Volkskatechismus 1914
1.) Was Gott eigentlich ist, erkennen wir teilweise aus den erschaffenen Dingen, deutlicher aber aus der göttlichen Offenbarung.
Der hl. Paulus sagt: „Das Unsichtbare an ihm ist in den erschaffenen Dingen erkenn­bar" (Rom. 1,20). Die Geschöpfe sind ein Spiegel, worin sich der Schöpfer zeigt (hl. Vinz. Fer.). So zum Beispiel kann man aus der Schönheit der Geschöpfe schließen, dass derjenige, welcher sie gemacht hat, noch weit schöner sein muss (Weish. 13,1). Aus der ungeheuren Größe der Himmelskörper kann man wieder auf die große Kraft dessen schließen, der sie hält. Aus der herrlichen Einrichtung und aus der schönen Ordnung in der Welt kann man wieder auf die Weisheit des Schöpfers schließen usw. Doch kommen wir auf diesem Wege zu keiner klaren Gotteserkenntnis. „Aus einem schönen Bilde kann man wohl auf die Kunstfertigkeit des Künstlers schließen, aber noch nicht auf seine Sitten, Abkunft, Vaterland und Namen. So können auch wir aus der Schöpfung wohl auf die Weisheit und Allmacht schließen, aber über viele an­dere Dinge bleiben wir im Unklaren" (Lud. Gran.). Wir erkennen Gott in den erschaf­fenen Dingen nur wie in einem undeutlichen Spiegel (1. Kor. 13,12). Gott spiegelt sich in ihnen auf ähnliche Weise ab, wie die Sonne im fließenden Wasser. - Da aber die Menschen vor der Ankunft Christi sehr lasterhaft lebten, war ihre Vernunft ungemein getrübt; daher waren sie umso weniger imstande, Gott aus seinen Werken zu erkennen (Weish. 9,19). Deshalb offenbarte sich Gott; er redete mehrmals zu den Menschen, insbesondere durch die Patriarchen, Propheten und dann durch seinen Sohn Jesus Christus (Heb. 1,1). Die deutlichsten Aufschlüsse über die Wesenheit Gottes hat uns Christus gegeben; die übrigen konnten nicht so deutlich sprechen, weil sie Gottes Wesenheit nicht gesehen hatten (Joh. 1,18).
2.) Trotzdem aber sind wir nicht imstande, gründlich zu erklären, was Gott eigentlich ist; das kommt daher, weil Gott unendlich ist, wir aber nur endliche Wesen sind.
Wie wir ein großes Meer nicht in ein kleines Gefäß schöpfen können, ebensowenig können wir mit unserem endlichen Verstände die unendliche Majestät Gottes er­gründen. „Siehe, Gott ist groß und übertrifft unsere Wissenschaft" (Joh. 36,26). Gott wohnt in einem unzugänglichen Lichte (1 Tim. 6,16). Keiner erkennt, was Gott ist, nur der Geist Gottes (1. Kor. 2,11). Daher können wir auch mit den Worten nicht erklären, was Gott eigentlich ist. „Denn man kann mit Worten nicht ausdrücken, was man mit dem Geiste nicht erfassen kann" (hl. Aug.). Der Weltweise Simonides wurde vom Könige Hiero von Syrakus gefragt, was Gott sei; da nahm er sich einen, dann zwei Tage Bedenkzeit und verlängerte den Termin immer um das Doppelte. Endlich erklärte er dem Könige: „Ich kann die Frage nicht beantworten; je länger ich nachdenke, um so dunkler wird mir die Sache" (Cicero). Es ist leichter zu sagen, was Gott nicht ist, als zu sagen, was Gott ist (hl. Aug.). Weder die Erde, noch das Meer, weder die Luft, noch ihre Bewohner, auch nicht die Sonne, der Mond und die Sterne sind Gott. Alle diese rufen uns zu: Gott hat uns gemacht (hl. Aug.).
Daher sagt Papst Innocenz III: „Wir wissen zwar, dass Gott ist, aber wir wissen nicht, was er ist." - Wer die Majestät Gottes ergründen will, der wird zuschanden. Der weise Salomon sagt. „Gleichwie es nicht gut bekommt, wenn jemand zuviel Honig isst, also wird der, der die Majestät erforscht, von der Herrlichkeit erdrückt (Spr. 25,27). Die Griechen erzählen von Ikarus, er habe sich Flügel von Wachs gemacht und mit diesen sei er gegen den Himmel geflogen; als er aber der Sonne zu nahe kam, seien die Flügel geschmolzen und er ins Meer gestürzt. Ähnlich ergeht es dem, der die Majestät ergründen will; er stürzt von der Höhe herab und zwar ins Meer der Zweifel und des Unglaubens. Wer lange in die Sonne schaut, wird geblendet; noch mehr ein solcher, der die Majestät Gottes ergründen will. Selbst die Engel verhüllen vor Gott ihr Angesicht (Ez. 1,23). Nicht einmal die vollkommensten Engel können die Majestät Gottes begreifen. Sie schauen zwar Gott, aber nur insoweit sie ihn fassen können (hl. Cyr. J.). Sie gleichen einem Menschen, der von einem hohen Standpunkte aus das Meer betrachtet; dieser sieht zwar das Meer, aber er sieht es nicht in seiner ganzen Ausdehnung. Und was die Engel nicht können, das sollten wir vermögen?
3.) Wir können nur eine unvollkommene oder unvollständige Erklärung der Wesenheit Gottes geben, und zwar folgende: Gott ist unser unsichtbarer Vater im Himmel, der von sich selbst, unendlich vollkommen, schön und glückselig, Schöpfer und Regierer der ganzen Welt ist.
Wir beten zu Gott: „Vater unser, der du bist in dem Himmel!" Wir nennen ihn „Vater", weil wir ihm das Leben verdanken. Gott ist für uns in diesem Leben unsichtbar, weil er ein Geist ist. - Dass Gott von sich selbst ist, folgt aus den Worten, die Gott im brennenden Dornbusche zu Moses sprach: „Ich bin, der ich bin" (2. Mos. 3,13), d.h. ich bin durch mich selbst. Da alle anderen Wesen ihr Dasein von Gott haben, so existieren sie, mit Gott verglichen, gleichsam nicht. Daher ruft David aus: „Mein Wesen ist wie nichts vor dir" (Ps. 38,6) und Isaias: „Alle Völker sind wie nichts vor ihm" (Is. 40,17). Die Juden bezeichneten daher Gott mit dem Namen „Jehova" = der Seiende. Gott besitzt die höchste Vollkommenheit. „Herr der Heerscharen, wer ist dir gleich" (Ps. 88,9). Wir sehen, dass die einen Wesen auf der Erde vollkommener sind, als die anderen; einige Dinge haben nur das Sein ohne Leben, wie die Steine; andere haben schon ein gewisses Leben, weil sie wachsen; die Tiere haben überdies Gefühl und Bewegung; der Mensch hat sogar ein geistiges Leben, da er erkennen und lieben kann; jedoch auch über ihn erhebt sich noch eine unermessliche Stufenleiter der reinen Geister, von denen jeder wieder eine eigentümlich hohe Vollkommenheit hat. Diese Stufenleiter kann nicht bis ins Unendliche fortgehen, weil sie sich zertei­len und gliedern lässt. (Etwas Unendliches lässt sich nicht teilen; denn sonst wäre des Unendliche unvollkommen, was sich nicht denken lässt). Wir müssen also endlich zu einem unendlich vollkommenen Wesen gelangen, das alle erdenklichen Vollkommenheiten besitzt (Scheeben). Alles, was wir Vollkommenes an den Geschöpfen bewundern, ist nur ein Abglanz der unendlichen Erhabenheit Gottes (Scupuli). Es lässt sich nichts Größeres denken, als Gott ist (hl. Ans.). Es gibt nichts Besseres mehr als Gott (hl. Aug.). Deswegen ist auch Gott das allerschönste Wesen. Wenn die Schönheit der Dinge auf Erden die Menschen so eingenommen hat, dass sie diese Dinge für Götter hielten, wie viel schöner muss erst der Herr dieser Dinge sein; denn er ist der Schöpfer der Schönheit (Weish. 13,3). Besäße er nicht diese Schönheit in weit höherem Grade, so könnte er sie andern nicht geben. Schon Plato sagte: „Gott ist das höchste Gut, die Quelle alles Guten und Schönen." Gott ist überaus glückselig (1. Tim. 6,15). Gott lebt beständig in unendlichen Freuden; diese werden nicht durch das geringste Leid gestört. Kein Geschöpf ist imstande, die Glückseligkeit Gottes zu vermindern oder zu vermehren (Job. 35,6). Gott bedarf daher keines einzigen Geschöpfes (Apost. 17,25). Sowie die Sonne nicht des Glanzes bedarf, weil sie ihn selbst gibt, so bedarf auch Gott nicht unser; denn alles Gute, was wir ihm geben können, haben wir ja nur von ihm (hl. Aug.). Gott ist der Schöpfer der ganzen Welt; denn er hat Himmel, Erde und Meer und alles, was darin ist, gemacht (Apost. 14,14). Gott ist auch der Beherrscher, Herr und König der ganzen Welt. Denn er hat alle Wesen, die außer ihm da sind, festen Gesetzten unterworfen (Ps. 148,6). Alle Himmelskörper müssen sich nach festen Gesetzen bewegen. Zum Beispiel die Erde muss sich in 365 l/4 Tagen um die Sonne bewegen und in 24 Stunden um ihre Achse drehen. Der Mond muss in 27 l/3 Tagen um die Erde kreisen. Diese Gesetze werden von den Himmelskörpern so genau eingehalten, dass man schon Jahre zuvor künftige Sonnen- und Mondfinsternisse oder auffallende Erscheinungen am Himmel auf die Minute vorausbestimmen kann. Nach festen Gesetzten pflanzt sich das Licht fort (42.000 Meilen in der Sekunde), nach festen Gesetzen der Schall (333 Meter in der Sekunde), nach festen Gesetzen fallen die Körper zur Erde (die in den einzelnen Sekunden zurückgelegten Wege wachsen wie die ungeraden Zahlen) usw. Auch die vernünftigen Wesen bekamen von Gott feste Gesetze oder Gebote. Da aber diese den freien Willen haben, können sie diese Gebote übertreten. Die Übertretung der Gebote wird wieder nach festen Gesetzen geahndet. Gott ist also mit Recht ein König (Ps. 94,3), er ist der „König der Könige" (1. Tim. 6,15), der König der Ewigkeit (Tob. 13,6). Die Majestät der irdischen Könige ist nur ein ganz schwaches Abbild der unendlichen Majestät Gottes. - Weil also Gott unser höchster König ist, so sind wir ihm Gehorsam schuldig (Apost. 5,29). Gott unterwirft sich alle, entweder wider ihren Willen, und dann sind sie elend, oder mit ihren Willen, und dann sind sie selig (hl. Bern.).
4.) Gott ist daher von der Welt ganz verschieden.
Gott ist unaussprechlich erhaben über alles, was außer ihm ist und gedacht werden kann (Vatik. Konz. 2,1). Der hl. Paulus erklärte auf dem Areopag zu Athen, man dürfe nicht glauben, Gott sei Gold, Silber, Steine und dgl. ähnlich (Apost. 17,29). Es irren also jene Philosophen, die meinen, die Welt habe sich aus dem Wesen Gottes entwickelt, etwa wie der Schmetterling aus der Raupe. Gott ist vielmehr ein persönlicher Gott und steht über der Welt, die er aus dem Nichts gemacht hat.
5.) Wir können Gott in diesem Leben nicht sehen, weil er ein Geist ist, d. h. ein körperloses unsterbliches Wesen mit Verstand und freien Willen.
Christus sagt: „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten" (Joh. 4,24). Weil Gott ein Geist ist, war bei den Juden jede Abbildung Gottes streng verboten (Mos. 20,4). Zwischen unserem Auge und der Gottheit ist gleichnam ein Vorhang (hl. Chrys.). Die Sterne sind am Himmel, und wir sehen sie am Tage doch nicht; erst wenn es finster geworden ist, sehen wir sie, falls keine Wolken am Himmel sind. Ebenso können wir auch Gott nicht sehen, so lange der Tag unseres Lebens dauert; erst nach dem Tode werden wir ihn sehen (1. Joh. 3,2), falls wir frei von schweren Sünden sind. Unser Gott ist ein verborgener Gott (Is. 45,15). Zu Moses sagt Gott: „Kein Mensch kann mich sehen und leben." (2. Mos. 33,20).
Doch nahm Gott oft verschiedene sichtbare Gestalten an.
Zum Beispiel die Gestalt eines Reisenden (als er dem Abraham erschien), die einer Taube bei der Taufe Jesu, die feuriger Zungen am Pfingstfeste. Doch in keinem dieser Fälle zeigte sich Gott, wie er wirklich ist. Gleichwie unser Gedanke, der in unserem Verstande verborgen ist, mittels des Schalls hörbar wird, ebenso hat sich Gott in einer sichtbaren Gestalt gezeigt. Aber gleichwie der Schall nicht der Gedanke selbst ist, ebenso war auch die sichtbare Gestalt, in der Gott erschien, nicht Gott selbst (hl. Aug.). Durch die sichtbare Gestalt, in der Gott erschien, sollte die eine oder andere Eigenschaft Gottes versinnbildet werden. - Ferner ist auffallend, dass die Hl. Schrift oft von Augen, Ohren, Händen ... Gottes spricht. Diese Ausdrucksweise wird nur deswegen angewendet, damit wir die Eigenschaften Gottes besser verstehen. Sinnliche Menschen können Gott nicht anders als sinnlich auffassen (hl. Fulg.). Mittels solcher Ausdrücke begreifen wir leichter, Gott sehe, höre usw. (hl. Ephrem).
6.) Es ist nur ein einziger Gott (5. Mos. 5,6)
Das allervollkommenste Wesen kann nur ein einziges sein. Die Ordnung in der Welt lässt auf einen einzigen Ordner schließen. Es können ebenso wenig mehrere Götter sein, als es auf einem Schiffe mehrere Steuerleute, im Leibe mehrere Seelen geben kann (Lact.). Selbst die Heiden verehrten eine Gottheit als die höchste, die Römer verehrten den Jupiter, die Griechen den Zeus. In der Not, beim Schwur, bei Glückwünschen und Danksagungen riefen auch die Heiden nur einen Gott an. Ihre Seele war also von Natur aus christlich (Tert.). - Die Vielgötterei ist dadurch entstanden, dass die Menschen die Offenbarungen Gottes in der Natur, die Naturkräfte, die sie mit Furcht erfüllten (Blitz, Donner, Feuer usw.), für Gott selbst ansahen. Auch hielten Sie die bösen und die guten Engel für niedere Götter und beteten sie an. Endlich war die gänzliche Versunkenheit der Menschen ins Irdische daran schuld, dass irdische Dinge für das „höchste Gut" angesehen und angebetet wurden.
(Quelle: "Dienst am Glauben", Heft 3, Juli-Sept. 2013, S. 78 - 81, Innsbruck, mit freundl. Genehmigg.)



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