Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt
P. Raniero Cantalamessa 

Kommentar zum 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., der der Prediger des päpstlichen Hauses in Rom ist, ermahnt in seinem Kommentar zum kommenden Sonntag (Zac 9,9-10; Röm 8,9.11-13; Mt 11,25-30) alle Denker und Gelehrten, die Flügel der Vernunft nicht zu beschneiden.

Die Einladung Jesu: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich… Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“, gelte nicht nur den Unmündigen und Törichten, sondern allen. Die Wahrheit könne allerdings nur in einer Haltung der Demut angenommen werden.

Das den Weisen und Klugen Verborgene und den Unmündigen Geoffenbarte

Das Evangelium dieses Sonntags, eine der eindringlichsten und tiefsten Seiten des Evangeliums, setzt sich aus drei Teilen zusammen: aus einem Gebet („Ich preise dich, Vater“), einer Erklärung Jesu über sich selbst („Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden“) und einer Einladung („Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt“). Ich beschränke mich darauf, auf das erste Element einzugehen, das Gebet, denn es enthält eine Offenbarung, die von außerordentlich großer Bedeutung ist: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.“

Vor kurzem hat das Paulusjahr begonnen, und der beste Kommentar zu diesem Wort Jesu ist das, was Paulus im ersten Korintherbrief schreibt: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott“ (1 Kor 1,26-29).

Die Worte Christi und die Worte des Paulus werfen ein einzigartiges Licht auf die Welt von heute. Es ist dies eine Geschichte, die sich wiederholt. Die Weisen und Gescheiten halten sich vom Glauben fern; sie schauen bemitleidend auf die Schar der Gläubigen, die beten, an Wunder glauben und die sich um Pater Pio sammeln. Es sind allerdings, um die Wahrheit zu sagen, nicht alle Gelehrten so, ja vielleicht nicht einmal die Mehrheit von ihnen, aber gewiß der einflußreichste Teil, jener, dem die mächtigsten Mikrofone zur Verfügung stehen, die „chatting society“, wie man auf Englisch sagt, eben die Gesellschaft, die zu den großen Kommunikationsmitteln Zugang hat.

Viele von ihnen sind aufrechte und höchst intelligente Menschen, und ihre Haltung ist mehr das Ergebnis ihrer Ausbildung, der Umwelt und der Lebenserfahrungen als eines Widerstands gegen die Wahrheit. Also: Kein Urteil über Einzelpersonen! Auch ich kenne einige von ihnen und habe große Achtung vor ihnen. Das darf uns aber nicht daran hindern, den Kern des Problems klar und deutlich hervortreten zu lassen. Die Abkapselung gegenüber jeglicher Offenbarung aus der Höhe und somit gegenüber dem Glauben ist nicht von der Vernunft verursacht, sondern vom Stolz; von einem ganz besonderen Stolz, der in der Ablehnung jeder Abhängigkeit und in der Beanspruchung einer absoluten Autonomie besteht.

Man verschanzt sich hinter dem Zauberwort „Vernunft“, aber in Wirklichkeit geht es nicht um die berühmte „reine Vernunft“, die dies fordern würde, noch um eine „souveräne“ Vernunft, sondern um eine knechtische Vernunft, der die Flügel beschnitten sind. Philosophen, die gewiß nicht des Mangels an Intelligenz und dialektischer Fähigkeit anzuklagen sind, haben geschrieben: „Die höchste Handlung der Vernunft besteht darin anzuerkennen, daß es eine Unendlichkeit von Dingen gibt, die über sie hinausgehen“ (Pascal). Und ein anderer schrieb: „Bisher hat man immer gesagt: ‚Die Rede davon, daß das oder jenes nicht verstanden werden kann, befriedigt die Wissenschaft, die verstehen will, nicht’. Hier liegt der Fehler. Man muß im Gegenteil sagen: Wenn die menschliche Vernunft nicht anerkennen will, daß es etwas gibt, das sie nicht verstehen kann, oder – noch genauer – daß es etwas gibt, von dem sie eindeutig verstehen kann, daß es nicht verstanden werden kann, dann ist alles auf den Kopf gestellt. Es ist somit Aufgabe der menschlichen Erkenntnis zu verstehen, daß es Dinge gibt und wie diese Dinge sind, die sie nicht verstehen kann“ (Kierkegaard). Es setzt somit derjenige der Vernunft eine Grenze und erniedrigt sie, der ihr diese Fähigkeit zur Selbsttranszendenz aberkennt – nicht der Gläubige, der sie ihr zuerkennt.

Was ich gesagt habe, erklärt, warum das moderne Denken nach Nietzsche den Wert der Wahrheit mit dem der Forschung nach der Wahrheit und somit der Aufrichtigkeit ersetzt hat. Diese Haltung wird manchmal mit Demut verwechselt (insofern man sich mit einem „schwachen Denken“ zufrieden gibt), und die Haltung dessen, der an absolute Wahrheiten glaubt, mit Vermessenheit. Es handelt sich dabei aber um ein sehr oberflächliches Urteil. Solange der Mensch forscht, ist er der Protagonist, der Hauptspieler. Ist die Wahrheit einmal gefunden, so ist es die Wahrheit, die den Thron besteigt, und der Forscher muß sich vor ihr beugen, was das „Opfer der Vernunft“ kostet, wenn es sich um die transzendente Wahrheit handelt.

Vor diesem kulturellen Horizont hört sich das, was Jesus im Johannesevangelium sagt, wie eine Provokation an: „Ich bin die Wahrheit.“ Und genauso hört sich auch das an, was er im Anschluß an unsere Evangeliumsstelle sagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich… Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Das ist eine Einladung, kein Tadel! Und sie gilt auch denen, die es müde sind zu suchen, ohne zu finden; jenen, die ihr Leben damit verbracht haben, sich abzumühen und jedesmal gegen das undurchdringliche Gestein des Geheimnisses gestoßen sind. Der Psychologe C.G. Jung sagt in einem seiner Bücher, daß alle Patienten eines gewissen Alters, die sich an ihn gewandt hatten, an etwas litten, was „Abwesenheit von Demut“ genannt werden konnte, und sie genasen nicht, bis sie nicht eine Haltung des Respekts gegenüber einer Wirklichkeit angenommen hatten, die größer ist als sie, das heißt eine Haltung der Demut.

Jesus wiederholt seine Einladung auch gegenüber den vielen Gescheiten und aufrechten Weisen, die in der heutigen Welt leben: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen und jenen Frieden, den ihr vergebens in euren verquerten Überlegungen sucht.“
(Quelle: P. Raniero Cantalamessa: Kommentar zum 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A))
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