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Sühne
- Heute noch aktuell?
Von Erzbischof em. Dr. Karl Braun, Bamberg
(Fatima-Predigten, fe-medienverlag GmbH, Kisslegg)
Das Wort „Sühne" ist heute weithin unverständlich geworden
und so gut wie aus unserem Wortschatz verschwunden - und leider auch aus
vielen Christenherzen, obwohl es hier um eine Sache geht, die zum innersten
Kern der christlichen Berufung gehört. „Sühne" ist ein mittelhochdeutsches
Wort für Versöhnung, Ersatz, Wiedergutmachung, Wiederherstellung
eines gestörten Verhältnisses zwischen zwei Personen. Es bedeutet
für uns Christen nichts anders als, die durch die Sünde zerstörte
Beziehung zu Gott in Vereinigung mit
Christus wiederherzustellen und demzufolge vor Gott Genugtuung
für unsere eigenen Sünden zu tun, zu „büssen", und stellvertretend
für andere bei Gott einzutreten mit unserem Gebet und Opfer.
Johannes, der Lieblingsjünger des Herrn, leitet den Bericht
über den Abend des Gründonnerstags ein mit dem Wort: „Jesus
wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.
Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine
Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13,1): Liebe bis zum Ende, Liebe
bis zum Äussersten. Die Liebe Jesu wird sichtbar in der Fusswaschung
der Apostel und in der Abendmahlfeier. Diese Liebe zeigt sich dann am Ölberg
im Garten Getsemani. Hier musste der Heiland in tiefster Verlassenheit
die Ölbergs-Finsternis bestehen, die Nacht bitterer und schwerer Qual.
Jesus sieht in Getsemani die Sünden aller Zeiten - auch die
der Menschen unseres Jahrhunderts, das von einer „Kultur des Todes" gezeichnet
ist, die uns zu unseren eigenen Totengräbern macht. Ihre Palette reicht
im Kleinen von der Tötung ungeborener Kinder bis hin zur Euthanasie,
im Grossen von Frevel an der Umwelt und Ausbeutung der Natur bis zu Terrorismus
und barbarischem Völkermord: Symptome der Kultur des Todes, des Bösen,
der Sünde. Muss nicht gerade auch im Blick darauf das Thema „Sühne"
neu Aufmerksamkeit bekommen und wieder einen höheren Stellenwert im
Leben der Kirche gewinnen?
Jesus Christus hat für uns gesühnt, indem er sich in Liebe
dem Vater geopfert hat. Mit seiner Sühne hat er dem Vater an unserer
Stelle gegeben, was wir ihm durch die Sünde verweigert hatten. Im
Herzen des gekreuzigten Sohnes wird der Schmutz der Sünde umgeglüht
in das Gold der Liebe, die den Vater mit uns versöhnt.
Durch die Taufe nimmt uns Christus hinein in seine Sendung und in
sein Leben, so dass für uns immer mehr Wirklichkeit wird: „Nicht
mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Wir leben
das Leben Christi mit, wir haben deshalb teil nicht nur an seiner Auferstehung,
sondern auch an seinem sühnenden Leiden und Sterben für uns.
Wir können zu Jesus also nicht sagen: „Ich will einmal mit dir auferstehen,
aber ich möchte nicht mit dir leiden und sühnen!" Das Leiden,
das Sühnen und das Sterben des Erlösers setzen sich fort in den
Getauften. Unser ganzes
Christenleben ist aufs Innigste verbunden mit dem Grundgesetz der Erlösung,
nämlich dem Gesetz der stellvertretenden Genugtuung, der Sühne.
Wenn Christus uns als Gefährten seiner Sühne wünscht, dann
werden wir in all unserem Beten für andere mitbeten, in unserem Entsagen
für andere mitentsagen, in unserem Leid das Leid anderer mittragen
und in Christus dem Vater aufopfern. Papst Pius XII. sagte einmal, es sei
ein tiefes Geheimnis, dass das Heil vieler Menschen abhängig ist von
unseren Gebeten, Opfern und freiwilligen Bussübungen (Rundschreiben
„Mystici Corporis"). Das Sühnen in Einheit mit Christus ist keine
Begleiterscheinung unseres Christseins. Es bedeutet, mit Christus gleichförmig
zu werden. Es heisst, den nie vollendeten Auftrag der Liebe zu erfüllen,
nämlich wie Jesus „Menschen der Hingabe" zu sein.
Doch wie sieht solche sühnende Hingabe bei uns aus? „Sühnen"
heisst zunächst einmal so leben, wie Jesus Christus, der Sohn Gottes,
gelebt hat: offen für den Vater wie er; voll Vertrauen und Gehorsam;
einverstanden mit allem, was der Vater schickt; bemüht, alles zu seiner
Ehre zu tun und in Liebe mit ihm verbunden zu bleiben. Das ist der Kern
unserer Sühne für die eigenen Sünden und Armseligkeiten.
Wer sich konsequent darum müht, der braucht nicht nach Opfern
und nach Leiden zu suchen - auf den kommen sie von selbst zu. Des Weiteren
sind „Sühne" auch in Liebe angenommene Leiden, Unannehmlichkeiten
und Schwierigkeiten. Denken wir an die Mühsal des Alltags und der
Arbeit, an Krankheiten und Schmerzen, an die sich ständig wiederholenden
Geduldsproben von innen und von aussen, an Traurigkeit, Einsamkeit und
schliesslich an das Sterbenmüssen. All das hat in Gemeinschaft mit
Jesus sühnende Kraft. Wie viele Menschen sehen in ihrem Leiden keinen
Sinn! Wir alle erfahren immer wieder Schweres und Kreuzesnahes auf
diese oder jene Weise. In der Gesinnung der Sühne können wir
es positiv umwandeln und sinnvoll machen.
Nur wenigen ist bekannt, dass Kardinal Karol Wojtyla, der spätere
Heilige Vater Johannes Paul II., als Erzbischof von Krakau an Papst Paul
VI. schrieb, er möge mit der ganzen Kirche eine verpasste Chance nachholen.
Die Jünger hätten sie damals am Ölberg „verschlafen". Wir
aber sollten durch unser Beten, Opfern und Sühnen dem Heiland in der
Stunde seiner Todesangst am Ölberg, seiner Agonie, die im Leib Christi,
in der Kirche, fortdauert, zur Seite stehen. Wir sollten die versäumte
Gelegenheit, den Herrn zu trösten, nachholen. Jesus wird „bis zum
Ende der Welt im Todeskampf, in Agonie sein; in dieser Zeit darf man nicht
schlafen, weil er Gesellschaft und Trost sucht.
Die Nacht des Gründonnerstags sieht den Heiland ohne Trost.
Alleingelassen von den Jüngern, schickt der Vater seinen tröstenden
Engel (vgl. Lk 22,43). Doch nicht allein er schenkt Trost und Kraft. Dieser
Bote des Himmels ist nur der erste der Anführer vieler Tröster
aus allen Jahrhunderten bis zum Ende der Tage. Jesus sieht sie alle: Tausende
und Abertausende Opfernder und Sühnender. Menschen, angetan mit den
Gewändern der Unschuld und der Busse, mit den Purpurkleidern des eigenen
Blutes; Menschen mit den Palmen der Treue bis zum Tod, Menschen mit Dornenkronen
auf dem Haupt und um das Herz. Sie alle ziehen am inneren Auge des Herrn
vorbei. Sie stehen in der Gemeinschaft seiner Leiden (vgl. Phil 3.10),
sie opfern und „erdulden" mit ihm Schweres. Sie tun dies, damit alle Menschen
„das Heil in Christus und die ewige Herrlichkeit
erlangen" (2 Tim 2.10). Sie ergänzen mit ihren Leiden "für
den Leib Christi, die Kirche, ... was an den Leiden Christi noch fehlt"
(vgl. Kol 1,24). Ihr Opfern und Sühnen fliesst zu einem gewaltigen
Strom zusammen. Es ist der Opferstrom der sühnenden Kirche. Sie ist
zwar für immer die Braut des österlichen Siegers, aber in dieser
Weltzeit bleibt sie stets auch die Gefährtin des blutschwitzenden,
gegeisselten, dornengekrönten, kreuztragenden und gekreuzigten Herrn.
Dieser Opferstrom muss weiter fliessen, wenn die
Welt nicht zugrundegehen soll in Sündennot und Gottesferne. Die Kirche
der christlichen Frühzeit war davon überzeugt, dass die Welt
ihr Fortbestehen gegenüber der Unheilsmacht „Sünde" den Christen
verdankt, vor allem denen, die sich sühnend einbringen in das Leiden
des Herrn. Mit unserer Sühne setzen wir dem grossen Gewicht des Bösen,
das es in der Welt gibt und das die Welt nach unten zieht, ein grösseres
Gewicht entgegen, das Gewicht der Liebe des Herrn, der uns einlädt,
bei ihm zu sein und an seinem erlösenden und heilenden Wirken teilzunehmen.
Freilich, wir wissen: Sühnen, Verzichten, Bussen, Opferbringen
ist auch für uns Christen weithin zum Fremdwort geworden - obwohl
es dabei um eine wesentliche Seite unserer christlichen Berufung geht.
Sicher: Wir Christen müssen die Welt so weit wie nur irgendwie möglich
von Hunger, Armut, Not, Leid befreien, vor allem durch mitmenschliches
Helfen und soziales Engagement. Und wir wissen auch, wie wichtig es ist,
uns im politischen Geschehen einzubringen. Allem voran muss unsere Sorge
jedoch dem ewigen Heil unserer Mitmenschen gelten. Hier geht es auch um
eine „Kultur des Lebens", um eine Kultur des Lebens im übernatürlichen
Sinn. Wir sind gerufen, in unserem Beten für andere mitzubeten, in
unserem Verzichten und Bussen für andere mitzuverzichten und mitzubüssen,
in unserem Leid das Schwere anderer mitzutragen und Gott, dem Vater, in
Christus aufzuopfern für ihre ewige Glückseligkeit.
Damit realisieren wir auf höchste Weise „Mitmenschlichkeit"
und „Dasein für andere". Dabei denken wir auch an die Verstorbenen
im Zustand der Läuterung, im Fegfeuer.
Wir wissen uns ebenso in die Pflicht genommen, zu sühnen für
die pilgernde Kirche, für das Volk Gottes in all seinen Gliedern heute.
Kardinal Joseph Ratzinger erinnerte daran beim Karfreitags-Kreuzweg 2005
im römischen Kolosseum: „Wie oft wird das heilige Sakrament seiner
Gegenwart missbraucht, in welche Leere und Bosheit des Herzens tritt er
da oft hinein? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht
wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? Wie wenig Glaube
ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es? Wie viel Schmutz
gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm
ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? Wie
wenig achten wir das Sakrament der Versöhnung, in dem er uns erwartet,
um uns von unserem Fall aufzurichten? All das ist in seiner Passion gegenwärtig.
Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und
Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten
ins Herz trifft." Mitten ins Herz treffen soll den Herrn nicht solcher
Schmerz, mitten in sein Herz soll vielmehr dringen unsere Bereitschaft
zur Sühne. Wir sind eingeladen, die Finsternis der Ölbergsnacht
von damals und von heute mit Jesus zu teilen. Wir dürfen nicht undankbar
für sein Leiden sein und keine schlafenden Jünger und Jüngerinnen.
Solche sind wir nicht, wenn wir dem Bussruf von Fatima folgen. Die
Seherin von Fatima, Schwester Lucia, schreibt in ihren Aufzeichnungen vom
Auftrag der Gottesmutter: „Betet,
betet viel und bringt Opfer für die Sünder!" „Opfert
euch für die Sünder und sagt immer wieder, besonders wenn ihr
ein Opfer bringt: Es ist aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder
und als Wiedergutmachung für die Sünden ..."
Unsere Liebe Frau von Fatima verlangt als Werk der Sühne und
des Opfers zuerst und vor allem anderen, dass wir unsere „Standespflichten"
in Treue und Liebe erfüllen - die Pflichten des täglichen Lebens,
wie sie sich ergeben auf Grund unserer Berufung und unseres Berufes als
Laienchristen, Ordensleute und zum sakramentalen Dienst Christi Geweihte.
Auf die Frage der Seherkinder von Fatima, wie sie Opfer bringen sollten,
antwortete der Engel: „In allen Dingen könnt
ihr Gott ein Opfer darbringen. Opfert alles zur Bekehrung der Sünder
durch Sühneakte für die Sünden auf durch die Er beleidigt
wird... Vor allem nehmt die Leiden an, die der Herr euch senden wird, und
ertragt sie mit Ergebung!" Wir sollen unsere Opfer mit dem gekreuzigten
Jesus darbringen, der auf dem Altar und im Tabernakel gegenwärtig
ist. Die Sühnetat Christi am Kreuz wird in jeder heiligen Messe erneuert
und fortgesetzt. Indem wir uns bei der Eucharistiefeier mit dem Kreuzesopfer
des Herrn vereinigen, bekommen auch unser Arbeiten, Beten, Opfern, Leiden
und Lieben höchsten Sühnewert.
Der Papst des Lächelns, Johannes Paul I., sagte einmal über
unser Bemühen um Heiligkeit: „Wir sollen uns mit Trippelschritten,
mit kleinen Flügelschlägen zum Himmel bewegen nach Art der Tauben,
wenn uns die Art der Adler nicht gegeben ist. Heiligkeit in kleinen Portionen!
Wie die Tauben: ein Hüpfer von hier nach dort, ein kleines Stück
von einem Dach zum anderen, von einem Schornstein zum nächsten. Ein
Schritt nach dem anderen, so können wir auch mit geringen Kräften
ankommen. Mancher mag ein Adler sein, aber wir anderen bescheiden uns darin,
Tauben zu sein, und machen uns so auf den Weg zum Himmel."
Ähnliches gilt auch für unsere Antwort auf den Ruf zur
Sühne. Der Herr freut sich, selbst wenn wir bloss bescheidene „Trippelschritte"
und leise „Flügelschläge" der Sühne tun. Er freut sich,
wenn wir uns entgegen der Schwerkraft der Bequemlichkeit und des Egoismus
Tag für Tag neu bemühen, in der sühnenden Gemeinschaft mit
ihm zu bleiben - hinter der Gewöhnlichkeit des Alltags verborgen,
in ungezwungener Fröhlichkeit und selbstloser Treue: so wie Maria.
Sie, die von der erbarmenden Liebe ihres göttlichen Sohnes so tief
ergriffen war, dass sie bis unter das Kreuz bei Jesus bleibt, sie, Unsere
Liebe Frau von Fatima, erbitte uns den Mut, ihr Vorbild in unser Leben
umzusetzen.
1. Dezember 2007
(Quelle: "Schweizer Fatima-Bote", 1/2017,
S. 10-13, Basel)