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Ostern ist ein Fest der Freude. Deswegen ertönt tausendfach
der Ruf: „Alleluja - Laßt uns den Herrn preisen! Das ist der Tag,
den der Herr gemacht hat, laßt uns frohlocken und fröhlich sein!"
Worüber freut sich denn so die Kirche? Gewiß in nächster
Linie über die Täuflinge, denn in den alten Zeiten der Kirche
war das Osterfest der Tauftag, der einzige Tauftag des Jahres, und da entstiegen
den fruchtbaren Wassern die Scharen in weißen Gewändern. Aber
die Kirche hat freilich immer gewußt, dass die Erneuerung im Wasser
und im Heiligen Geiste nur die Auswirkung einer ganz anderen Erneuerung
war, eine Auswirkung der Auferstehung Jesu. Was den Täuflingen mitgeteilt
wurde, das hatte Jesus verdient, und das wurde ihnen jetzt zugewendet.
Und welches waren die Motive, von denen die Auferstehungsfreude
in Bewegung gesetzt wurde? Können wir noch an dieser Freude teilnehmen,
so wie Paulus es empfunden hat, der geschrieben hat: „Wenn Christus nicht
auferstanden ist, dann ist eitel unsere Predigt, dann ist eitel euer Glaube,
dann seid ihr noch in euren Sünden, dann sind wir die armseligsten
aller Menschen." Die Osterfreude der Kirche hat einen dreifachen Grund:
1. Christus wurde verherrlicht,
2. Die Jünger wurden getröstet,
3. Jede gläubige Seele wurde gestärkt.
Christus wurde verherrlicht.
Aus bitterstem Leiden und Sterben ist er hervorgegangen in die Herrlichkeit
und Seligkeit. Unbegreiflich tief wie seine Verlassenheit ist auch die
Glücksfreude, die jetzt sein Herz erfüllt. Und die Kirche nimmt
daran teil, wie sie an allem teilnimmt, was über Jesus gekommen ist,
was ihn bewegt von seiner Geburt im armen Stalle, sie nimmt teil an seiner
Verborgenheit in Nazareth, an seinem mühevollen Wanderleben, an seiner
Ölbergsnot, an seinem Kreuztragen, an seinem Sterben. So nimmt sie
auch teil an seiner Herzensfreude. Sein Leid ist ihr Leid, seine Freude
ist ihre Freude. Eine solche Freudens- und Leidensgemeinschaft ist aber
nur möglich, wenn es eine Herzensgemeinschaft gibt, wenn eine Liebesgemeinschaft
damit verbunden ist. Nur wer die Liebe hat, der versteht das. Die Freude
und das Glück über den, den man liebt, ist eine Freude, die auch
uns überströmt mit Glück und Freude. Wenn einer die Ölbergsnot
des Herrn so gesehen hat wie der Engel, den das Erbarmen zwang, herniederzusteigen,
um den Gebeugten zu trösten, wenn er so hinter dem geliebten Kreuzträger
hergegangen wäre wie seine Mutter, mit so schwerem Herzen, wenn einer
das Kreuz des Meisters so umfangen hätte wie Maria Magdalena mit ihrem
todeswunden Herzen, dann würde er verstehen, was Osterfreude sein
könnte. Dann würde er Himmel und Erde hineinreißen wollen
in seine Freude. Und das tut die Kirche. Sie sucht die glückselige
Mutter Maria noch zu übertreffen mit ihrer Freude. Wochenlang, tausendmal,
hunderttausendmal singt sie in diesen Tagen: „Sei
gegrüßt, Königin. Regina caeli laetare, freue dich, Himmelskönigin,
das Leid ist alles hin. Der Herr ist erstanden." Und an der
Osterbotschaft der Maria Magdalene kann sich die Kirche gar nicht genughören.
Die ganze Oktav von Ostern wird der herrliche Hymnus, diese herrliche Sequenz
gesungen: „Maria, künd uns, was staunend deine Augen sah'n." „Ich
sah das Grab, vom Tod befreit, der Herr erstand in Herrlichkeit. Und als
Zeugen die Engel drinnen, das Schweißtuch und die Linnen. Ich weiß,
dass mein Herr erstand, der meine Hoffnung ist, mein Heiland."
Christus wurde verherrlicht. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaft
auferstanden. Achten Sie bitte, meine lieben Freunde, auf das Wort „wahrhaft".
Darin liegt nämlich die Abweisung der Meinung, Jesus sei nur in das
Kerygma auferstanden. Christus ist wahrhaft auferstanden, d. h. mit seinem
Leibe. „Secundum carnem", wie die Kirche im Brevier und in der Ostermesse
die ganze Festzeit über uns verkündet: „secundum carnem" - nach
dem Fleische ist er auferstanden. Nicht in seiner irdischen Gestalt. Das
ist geschehen mit Lazarus, mit dem Töchterchen des Jairus und mit
dem Jüngling von Naim. Nein, er ist auferstanden in einer himmlischen
Seinsweise. In dieser verklärten Wirklichkeit ging er zum Vater, kehrte
zurück zu dem, von dem er ausgegangen war. Jetzt, nachdem er alles
vollbracht hatte, was der Vater ihm aufgetragen hatte, nahm er den Lohn
für seinen Gehorsam, für sein unerhört schweres Leben und
für sein bitteres Sterben entgegen. Jetzt thront er zur Rechten des
Vaters. Jesus wurde verherrlicht.
Und damit kommen wir schon zu dem zweiten Grund der Osterfreude:
Die Jünger wurden getröstet.
Wir können uns kaum vorstellen, welche Verwüstungen der Karfreitag
in ihren Seelen angerichtet hatte. „Wir hatten gehofft", sagten die beiden
Jünger, die von Jerusalem nach Emmaus gingen. „Wir hatten gehofft."
Und was hatten sie gehofft? Nun, dass Jesus sein Volk erlösen werde.
Die größte, die sehnlichste Hoffnung, die in diesem Volke lebte,
die sollte durch ihn erfüllt werden, die Hoffnung des auserwählten
Volkes, dass er es erlösen werde. Aber jetzt war alles zu Ende. Er
war verraten, von einem Jünger ausgeliefert, von der geistlichen und
von der weltlichen Obrigkeit verurteilt, grausam und schmählich hingerichtet.
Und jetzt hofften sie nicht mehr. Und siehe da, es kam seine Auferstehung.
Mitten im starren Entsetzen, in der Nacht einer lichtlosen Verzweiflung
ging das Leben und das Licht auf, so strahlend und siegreich, wie sie es
sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können.
Nun war also nichts zu Ende; jetzt begann erst alles, nun, da die Sonne
schon aufgegangen war, wie uns Markus berichtet. Morgen war es, Morgenstunde
der Weltgeschichte, Morgenstunde eines unsagbar herrlichen Tages, Morgenstunde
ewigen Lichtes. Und wenn auch das Volk in seiner Masse und mit seinen Führern
noch nicht allzugleich an die Auferstehung glauben konnte, die Jünger
wissen doch, dass ihr Heiland lebt, dass der Meister die Welt überwunden
hat, denn sie haben ihn gesehen. Sie wissen, dass er ihr Herr und Gott
ist und dass er es immerdar und in alle Ewigkeit bleiben wird.
Diese triumphierende Gewißheit, meine lieben Christen, ist
auf die Kirche übergegangen und sie ist nicht kleiner, sie ist eher
stärker geworden. Die Kirche ist ja die fortlebende, wachsende Jüngerschar
von damals. Sie ist es, die mit jahrtausendelanger Unermüdlichkeit
den Weg von Emmaus nach Jerusalem läuft und die Osterbotschaft trägt.
Sie ist es, die Petrus und die Elf mit sich führen, denen er erschienen
ist. Sie ist die Gemeinschaft der fünfhundert Brüder, die ihn
auf einmal gesehen hat. Sie ist das neue Volk, das aus den Finsternissen
und den Schatten des Todes an das Licht kam, gerufen von der Botschaft
des Lichtes und der Freude. Und so stark ihr Dasein ist, so gewaltig ist
der Ruf, der sie zusammengeführt hat, der Ruf: „Der
Herr ist wahrhaft auferstanden." Das Dasein der Kirche, meine
Freunde, das Dasein der Kirche ist der Beweis für die Auferstehung
des Herrn. Ohne die Auferstehung Jesu wäre die Sache Jesu zu Ende
gewesen, hätte sich die kleine Jüngerschar verlaufen, wäre
jeder wiederzu seiner Erwerbsarbeit zurückgekehrt. Man muss ja blind
sein, wenn man den Zusammenhang zwischen der Entstehung der Kirche und
der Auferstehung nicht sehen will. Jesus lebt, und die Jünger wurden
getröstet.
Darum ist die Kirche auch so zuversichtlich. Sie ist so zuversichtlich
wie die Ostergemeinde in Jerusalem, so froh und sicher trotz aller Dämmerungen
und Ärgernisse, die noch über dieser Erde liegen, ihres Weges
gewiß und ihres Sieges trotz des langen Wartens auf die Herrlichkeit
des Herrn Die Sonne ist aufgegangen, ist eben aufgegangen. Sie zieht schon
ihre Bahn, freilich mit der Langsamkeit der Jahrtausende. Aber sie ist
schon aufgegangen. Die Kirche weiß unbeirrbar sicher: Ich wandle
bereits am Tag und nicht in der Nacht. Und es wird nie wieder Nacht werden.
Es wird Abend, so sagen die beiden Emmausjünger, es wird Abend, Herr,
und die Schatten haben sich geneigt. Das war eine Äußerung des
Kleinmuts der Jünger, die noch nichts wußten. Aber nein, es
wird nicht mehr Abend werden. Im Laufe der Jahrhunderte sind viele Dunkelheiten
über die Kirche gekommen, aber Nacht ist es nicht mehr geworden. Die
Sonne steht allzeit über den Weinbergen des Herrn. Und auch heute,
meine lieben Freunde, wenn wir die Betrübnisse und die Bitterkeit
der letzten Wochen und Monate bedenken, die Irrungen und Wirrungen, die
Angriffe gegen den Stellvertreter Jesu, unseren Heiligen Vater: Das sind
nur Wolken, die über den Himmel ziehen, aber Nacht wird es nicht mehr.
Und darum ist die Kirche, die Jüngerschar so geduldig und so ruhig.
Die ersten Jünger wollten ja den Lauf der Dinge beschleunigen, und
deswegen fragten sie Jesus vor der Himmelfahrt: „Wirst du jetzt das Reich
Gottes aufrichten?" Jesus sagte: „Es ist nicht eure Sache, die Zeitläufte
und die Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner Allmacht bestimmt
hat." Die Kirche von heute will ihren Lauf nicht mehr beschleunigen. Sie
weiß, dass der Vater im Himmel mit Jahrtausenden rechnet und dass
diese Jahrtausende ihr gehören. Wie lange sie auch dauern mögen,
sie sind doch schon von der aufgegangenen Sonne erleuchtet. Es ist Tag,
ewiger Tag, der Tag, der der Herr gemacht hat.
Wahrhaftig, die Jünger wurden getröstet. Und so ist denn
auch das Dritte zu sagen, nämlich:
Jede einzelne Seele wurde gestärkt; denn Jesus lebt.
In ihm ist ihr ein lebendes Herz und ein liebendes Herz gegeben worden,
eine Heimat und eine Nähe jenseits von Grab und Tod. Wir Menschen
können eben doch das Gefühl nicht loswerden, dass die Toten weit
fort sind, weit fort in einem Lande, wohin zwar unsere Gebete gehen, aber
nicht unsere Tränen, unsere Einsamkeit und unser Heimweh. Darum liegt
ein Hauch von Schwermut und Kleinmut selbst noch über den christlichen
Gräbern. Und wenn wir auch darüber schreiben: „Wiedersehen ist
eine Hoffnung", so ist es halt doch nur eine Hoffnung und noch nicht Wirklichkeit.
Und nun siehe, das liebste Herz, der vertrauteste Freund, das kostbarste
Leben, das wir je hatten, ist zurückgekommen aus dem fernen Land der
Toten. Wenn wir an Jesus denken, ist es nicht, wie wenn man an einen Toten
denkt, nein, er lebt. Seine Seele lebt, sein Leib lebt, sein Herz schlägt,
sein Auge strahlt, seine Hand ist warm und sein Mund redet. Und wenn er
auch in seiner Unsichtbarkeit verharrt für eine kleine Weile, er kann
doch jeden Augenblick hervortreten. Er ist da und nahe. Er hört unsere
leisen und lauten Worte. Er sieht unsere kleinen und armseligen Werke,
aber auch unser starkes und gutes Tun. Wir hören seine Worte: „Ich
bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt." Es ist
wahr, es ist keine Illusion: Er ist bei uns. Er nährt und tränkt
uns mit seiner Gnade und Wahrheit. Er stärkt und tröstet uns
mit seinen Führungen und Einsprechungen. Er erhellt und erleuchtet
uns mit seinem Licht uns seinen Geboten und mit seinen Verheißungen.
Er ist bei uns, und er bleibt bei uns, denn Jesus lebt und stirbt nicht
mehr!
Mag der Unglaube toben, mögen die Feinde der Kirche kläffen,
Jesus ist ihren Angriffen entzogen. Er thront in himmlischer Höhe,
und er wartet. Er wartet auf die Stunde, die der Vater bestimmt hat, und
in der es einmal heißen wird: „Ich sah den Gottlosen hoch erhaben
wie eine Zeder. Ich ging vorüber, und er war nicht mehr." An seiner
Hand gehen wir in die Unsterblichkeit, dem seligen ewigen Leben entgegen,
dem Leben mit ihm und in ihm. Wir wissen nun, dass auch wir überwinden
werden den Tod und die Sünde und alle Schrecknisse der Höhe und
der Tiefe, überwinden um dessentwillen, der uns geliebt hat, denn
er lebt und stirbt nicht mehr. Die Sonne ist schon aufgegangen für
einen jeden einzelnen von uns. Und das ist die erste Morgenstunde, die
Jahre und Jahrzehnte, die wir hienieden wandeln. Wie die Jünger, die
zum Grabe eilten, stehen auch wir an der Schwelle eines dunklen Gewölbes.
Auf der einen Seite schauen wir die Finsternis des Todes, die aus dem Grab
zu uns spricht, in das wir selbst hineingelegt werden, ich heute, du morgen.
Auf der anderen Seite aber sehen wir der aufgehenden Sonne entgegen, die
aus dem Grab erstiegen ist und über den Gräbern steht. Und in
ihrem warmen Schein werden auch wir ruhen, wenn einmal unser Leib dahinfällt.
Ihr warmer Schein wird auch uns auferwecken, auch dem Leibe nach. Denn
es ist unmöglich, dass etwas von der Liebe im Grabe bleibt. Es ist
unmöglich, dass die Liebe etwas im Grabe verkommen läßt.
„Ich stehe auf", so heißt es im Eingang der Ostermesse, „um immerfort
bei dir zu sein." So spricht die im Grab versenkte Liebe Gottes. „Ich stehe
auf, um immerfort bei dir zu sein." Und so wird auch uns dereinst unsere
heilandliebende Seele und unser Leib aus dem Tod heraus Gott entgegenlaufen:
„Ich stehe auf, um immerfort bei dir zu sein." Die Auferstehung ist das
Werk einer Liebe, die nur leben kann, einer Liebe, die nur lebendig machen
kann. Und sie stirbt nicht mehr. Der Tod hat keine Macht mehr über
sie.
(Quelle: "Erneuerung in Christus" Nr. 1/2/3/2013, S. 1-7, A-3292 Gaming; salvator-mundi.at herzliches Vergelt's Gott für die Erlaubnis!)