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Nachfolge Christi: Einsamkeit, Schweigen und Herzensreue (Thomas von Kempen)

Thomas von Kempen
(Fortsetzung)

Zwanzigstes Kapitel
Liebe die Einsamkeit und das Schweigen

Suche dir eine passende Zeit aus, um ganz mit dir allein zu sein. Denke dabei oft über die Wohltaten Gottes nach.
Lass, was nur der Neugierde dient, beiseite. Lies solche Schriften, die dein Herz mit Reue erfüllen, statt Unterhaltung zu bieten.
Hast du dich überflüssigen Gesprächen, müßigem Umherlaufen und dem Anhören von Neuigkeiten und Gerüchten entzogen, wirst du genügend Zeit und Gelegenheit finden, heilsame Betrachtungen zu halten.
Die größten Heiligen mieden die Gesellschaft der Menschen, wo sie konnten, und zogen es vor, Gott in der Einsamkeit zu dienen. Jemand hat gesagt: Sooft ich unter Menschen war, kehrte ich als schlechterer Mensch zurück (Seneca, Epist. 7). Dies erfahren wir öfters, wenn wir lange miteinander plaudern. Es ist leichter, ganz zu schweigen, als im Sprechen Maß zu halten. Es ist leichter, daheim verborgen zu bleiben, als sich draußen genügend zusammennehmen zu können.
Wer also zu einem innerlichen und geistlichen Leben gelangen will, der muss mit Jesus der Volksmenge ausweichen.
Niemand tritt in der Öffentlichkeit sicher auf, der nicht gerne verborgen lebt. Niemand redet sicher, der nicht gerne schweigt.
Niemand kann sicher Vorgesetzter sein, der nicht gerne Untergebener ist. Niemand befiehlt sicher, der nicht gut gehorchen gelernt hat.
Niemand kann sich mit Sicherheit der Freude überlassen, der nicht das Zeugnis eines guten Gewissens in seinem Herzen hat.
Die Sicherheit der Heiligen war jedoch immer - voll der Furcht Gottes, und sie waren darum nicht weniger behutsam und innerlich demütig, weil sie durch große Tugenden und Gnade hervorleuchteten.
Die Sicherheit der Bösen aber entspringt dem Stolz und der Anmaßung und wird schließlich zur Selbsttäuschung.
Versprich dir niemals Sicherheit in diesem Leben, wenn du auch als ein guter Ordensmann oder frommer Einsiedler angesehen wirst.
Oft sind jene, die nach dem Urteil der Menschen die Besseren waren, in schwere Gefahr geraten, weil sie zu sehr auf sich selbst vertrauten.
Daher ist es für viele besser, nicht ganz von Versuchungen frei zu sein, sondern öfter angefochten zu werden, damit sie sich nicht in Sicherheit wiegen, nicht etwa hochmütig werden und sich auch nicht allzu sehr äußerem Trost überlassen. Welch gutes Gewissen würde jemand haben, der niemals vergängliche Freude suchte, der sich niemals mit der Welt befasste!
Welch tiefen Frieden und welche Ruhe würde einer besitzen, der alle eitle Sorge fahren ließe, nur an Heilsames und Göttliches dächte und seine ganze Hoffnung auf Gott setzte!
Keiner ist der Tröstungen des Himmels wert, der sich nicht fleißig in heiliger Herzensreue geübt hat.
Willst du bis ins Herz reumütig werden, so gehe in deine Kammer und verschließe dich dem Lärm der Welt, wie geschrieben steht: „Auf eurer Lagerstätte zerknirscht euch" (Ps 4,5).
In der Zelle wirst du finden, was du draußen sooft verlierst.
Die Zelle wird dir lieb, wenn du ständig darin weilst; zum Ekel wird sie dir aber, wenn du sie nicht gut hütest.
Wenn du sie gleich zu Beginn deines Ordenslebens treu bewohnst und hütest, wird sie dir später eine liebe Freundin und eine Stätte wohltuenden Trostes sein. Im Schweigen und in der Ruhe macht die andächtige Seele Fortschritte und lernt die Geheimnisse der Schrift verstehen: Hier findet sie die Tränen, mit denen sie sich Nacht für Nacht wäscht und läutert, damit sie ihrem Schöpfer umso vertrauter werde, je entfernter sie von allem Lärm der Welt lebt.
Wer sich also den Bekannten und Freunden entzieht, dem wird sich Gott mit seinen heiligen Engeln nahen.
Besser ist es, verborgen zu sein und für sein eigenes Seelenheil Sorge zu tragen, als Wunder zu tun und sich selbst dabei zu vernachlässigen.
Löblich ist es für den Ordensmann, selten auszugehen, sich nicht sehen zu lassen, auch die Leute nicht sehen zu wollen.
Warum willst du das sehen, was du nicht besitzen darfst? „Die Welt und ihre Lust vergeht" (1 Joh 2,17). Die Begierden der Sinne locken zum Ausgehen; ist aber die Stunde vorüber, was bringst du anders heim als ein schweres Gewissen und ein zerstreutes Herz? Auf einen fröhlichen Ausgang folgt oft eine traurige Heimkehr; auf einen fröhlichen Abend oft ein trüber Morgen.
So schmeichelt sich jede Sinneslust ein, aber am Ende beißt und tötet sie. Was kannst du anderswo sehen, was du hier nicht siehst?
Du siehst den Himmel, die Erde und alle Elemente; denn daraus ist alles gemacht.
Kannst du irgendwo etwas sehen, was lange auf Erden zu bestehen vermag?
Du glaubst vielleicht durch den Anblick befriedigt zu werden; aber das wird dir nicht gelingen.
Wenn du alles auf der Welt vor Augen hättest, wäre es etwas anderes als ein eitler Anblick?
Erhebe deine Augen zu Gott in der Höhe und bete für deine Sünden und Versäumnisse. Überlass das Eitle den Eitlen; du aber achte auf das, was Gott dir geboten hat. Schließe hinter dir deine Tür und lade Jesus, deinen Geliebten, zu dir ein. Bleibe mit ihm in der Zelle, denn anderswo wirst du solchen Frieden nicht finden. Wärest du nicht hinausgegangen und hättest du von dem Geschwätz der Leute nichts gehört, so hättest du deinen schönen Frieden bewahrt.
Seitdem es dich reizt, zuweilen etwas Neues zu hören, musst du dich mit einem unruhigen Herzen abfinden.

Einundzwanzigstes Kapitel
Wahre Herzensreue bringt Glück und Frieden

Willst du im Guten fortschreiten, so bewahre dich in der Furcht Gottes und sei nicht allzu frei, sondern halte alle deine Sinne im Zaum und überlass dich keiner törichten Freude. Erwecke von Herzen Reue, und du wirst Andacht finden.
Die Reue erschließt viele Güter, die wir aber durch Leichtfertigkeit gewöhnlich schnell wieder verlieren.
Es ist ein Rätsel, dass der Mensch in diesem Leben jemals unbekümmert fröhlich sein kann, wenn er sein Erdendasein bedenkt und im Herzen erwägt, wie viele Gefahren seiner Seele drohen.
Aus Leichtsinn und Gewissenlosigkeit gegenüber unseren Fehlern empfinden wir nicht das Elend unserer Seele, sondern lachen oft töricht, wo wir lieber weinen sollten. Wahre Freiheit und echte Freude ist nur in der Gottesfurcht und in einem guten Gewissen zu finden.
Wohl dem, der jede hinderliche Zerstreutheit beseitigen und sich zu heiligem Reueschmerz sammeln kann!
Wohl dem, der sich von allem befreit, was sein Gewissen beflecken und beschweren kann!
Kämpfe mannhaft; Gewohnheit wird durch Gewohnheit überwunden. Wenn du die Leute in Ruhe lassen kannst, so werden sie wohl auch dich nicht behindern.
Mische dich nicht in fremde Dinge und verwickle dich nicht in die Händel der Großen. Achte immer zuerst auf dich und rede dir selbst erst zu Herzen, bevor du andere ermahnst, die dir lieb sind.
Wenn du die Gunst der Menschen entbehren musst, so werde darüber nicht missgestimmt; aber dies sei dir schmerzlich, dass du dich nicht so treu und umsichtig verhältst, wie es sich für einen Diener Gottes und frommen Gottesmann geziemt. Es ist oft nützlicher und sicherer, wenn der Mensch in diesem Leben nicht viele Tröstungen hat, besonders solche sinnlicher Art. Dass wir jedoch den göttlichen Trost entbehren müssen oder selten empfinden, daran sind wir selbst schuld, weil wir die Herzensreue nicht suchen und uns den eitlen und äußerlichen Tröstungen nicht ganz versagen. Erkenne: Des göttlichen Trostes bist du nicht würdig, aber Trübsale hast du umso mehr verdient!
Wenn das Herz eines Menschen von Reue durchdrungen ist, dann wird ihm die ganze Welt lästig und bitter.
Ein guter Mensch findet Anlass genug, zu trauern und zu weinen.
Ob er sich selbst betrachtet oder an den Nächsten denkt, immer weiß er, dass niemand hier auf Erden ohne Trübsal lebt.
Und je sorgfältiger er in sein Herz schaut, umso trauriger wird er. Anlass genug zu begründeter Traurigkeit und innerer Zerknirschung sind unsere Sünden und Laster. In diese sind wir so verstrickt, dass wir nur selten himmlische Dinge zu betrachten vermögen.
Dächtest du häufiger an deinen Tod als an die Dauer deines Lebens, würdest du ohne Zweifel auf eine innere Umkehr bedacht sein. Wenn du dir die künftigen Strafen der Hölle oder des Fegfeuers recht zu Herzen nähmest: so würdest du ganz gewiss gern Mühsal und Schmerz auf dich nehmen und keine große Anstrengung scheuen. Aber weil uns diese Gedanken nicht zu Herzen gehen und wir noch lieben, was den Sinnen schmeichelt, darum bleiben wir kalt und träge.
Oft ist es Mangel an innerer Kraft, dass der armselige Leib so leicht in Klage ausbricht. Bete also demütig zum Herrn, dass er dir den Geist der Zerknirschung gebe, und sprich mit dem Propheten: „Speise mich, Herr, mit dem Brote der Tränen und tränke mich in vollem Maße mit dem Trost der Zähren" (Ps 79,6).
 

Zweiundzwanzigstes Kapitel
Was ist der Mensch?

Wo du auch bist und wohin du dich wendest, immer bleibst du ein armer, elender Mensch, wenn du dich nicht zu Gott wendest. Warum wirst du unruhig, wenn dir nicht alles nach Wunsch und Willen geht?
Wer hat denn alles, wie er will? Ich so wenig wie du, überhaupt kein Mensch auf Erden. Niemand ist in der Welt ohne Plage oder Bedrängnis, mag er König oder Papst sein. Wer hat es am besten? Ohne Zweifel, wer für Gott etwas zu erleiden vermag. Viele Schwache und Kranke sagen: Welch glückliches Leben hat jener. Wie reich ist er, wie mächtig und angesehen!
Aber schau auf die himmlischen Güter, und du wirst bemerken, dass alle diese zeitlichen Dinge nichtig, ganz unsicher und eher beschwerlich sind, weil man sie niemals ohne Sorgen und Furcht besitzt.
Das Glück des Menschen ist nicht, zeitliche Dinge im Überfluss zu haben, sondern es genügt ein bescheidenes Maß.
Es ist wirklich ein Elend, auf Erden zu leben.
Je geistlicher der Mensch sein will, umso bitterer wird ihm das irdische Leben, weil er die Mängel seiner menschlichen Verderbtheit tiefer empfindet und klarer erkennt. Denn essen, trinken, wachen, schlafen, ruhen, arbeiten und den übrigen Bedürfnissen der Natur unterworfen sein, das ist in Wahrheit ein großes Elend und eine Plage für den frommen Menschen, der gerne davon frei sein möchte und aller Sünde ledig. Der innerliche Mensch wird eben durch die leiblichen Bedürfnisse in dieser Welt sehr bedrängt.
Darum fleht der Prophet innig, von all diesem frei sein zu können: „Von meinen Bedürfnissen errette mich, Herr!" (Ps 24,17).
Wehe aber denen, die ihr Elend nicht erkennen und erst recht wehe denen, die dieses elende, vergängliche Leben lieben!
Denn so sehr hängen manche an diesem Leben, obwohl sie sich kaum durch Arbeit oder Betteln das Notwendigste erwerben, dass sie sich, wenn sie nur immer hier bleiben könnten, um das Reich Gottes nicht kümmern würden.
Diese törichten, ungläubigen Menschen! So tief sind sie in das Irdische verstrickt, dass sie nur am Sinnlichen Geschmack finden!
Die Unglücklichen werden es am Ende noch bitter zu fühlen haben, wie wertlos und nichtig das war, was sie liebten.
Die Heiligen Gottes aber und alle vertrauten Freunde Christi achteten nicht auf das, was dem Leibe behagte, noch auf das, was hier auf Erden wie eine Blüte anlockte, vielmehr war all ihr Hoffen und Trachten auf die ewigen Güter gerichtet. Ihr ganzes Verlangen erhob sich zu den ewigen, unsichtbaren Gütern, um nicht durch die Liebe zu den sichtbaren in die Tiefe gezogen zu werden.
Bruder, verliere das Vertrauen nicht, im geistlichen Leben Fortschritte zu machen; noch bleibt dir Zeit und Stunde.
Warum willst du dein Vorhaben verschieben? Erhebe dich, beginne augenblicklich und sprich: Jetzt ist es Zeit zu kämpfen, jetzt ist die rechte Zeit, mich zu bessern. Wenn du zu leiden hast und in Trübsal bist, ist die Zeit, Verdienste zu sammeln. Du musst durch Feuer und Wasser hindurchgehen, bevor du in das Land der Erquickung gelangst.
Wenn du dir nicht Gewalt antust, wirst du die Sünde nicht überwinden.
Solange wir unseren gebrechlichen Leib tragen, können wir nicht ohne Sünde sein und nicht ohne Überdruss und Plage leben.
Gerne wären wir von allem Elend frei; aber weil wir durch die Sünde die Unschuld verloren haben, büßten wir auch die wahre Glückseligkeit ein.
Darum müssen wir Geduld haben und auf die Barmherzigkeit Gottes harren, bis diese „Bosheit vorübergeht" (Ps 56,2) und die „Sterblichkeit vom Leben verschlungen wird" (2 Kor 5,4).
Wie groß ist doch die menschliche Gebrechlichkeit! Immer ist sie zum Bösen geneigt! Heute beichtest du deine Sünde, und morgen begehst du die gleiche wieder, die du gerade gebeichtet hast.
Jetzt nimmst du dir vor, dich vor der Sünde zu hüten, und nach einer Stunde handelst du, als hättest du nie einen Vorsatz gemacht. Haben wir also nicht Grund genug, demütig zu sein und nichts Großes von uns zu erwarten, weil wir so gebrechlich und unbeständig sind?
Es kann auch durch Nachlässigkeit schnell verloren gehen, was unter großer Mühe mit Hilfe der Gnade gerade erworben wurde. Was wird am Ende noch aus uns werden, wenn wir schon so früh lau werden?
Wehe uns, wenn wir uns so der Ruhe überlassen wollten, als wenn wir schon Frieden und Sicherheit hätten, während sich doch noch keine Spur von wahrer Heiligkeit in unserem Wandel zeigt.
Es täte uns wirklich Not, von Neuem zu beginnen und uns wie gute Schüler zu einem tugendhaften Leben unterrichten zu lassen; vielleicht wäre dann für die Zukunft eine Besserung und ein größerer Fortschritt im geistlichen Leben zu erhoffen.

(Quelle: "Dienst am Glauben", Heft 2 - 2015, S. 38 - 42, Moosweg 27, A-6094 Axams)
Bild oben: (C) Kirche-in-Not.de - herzlichen Dank!



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