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Maria - ein Mensch voll der Gnade 

Audomar Scheuermann

Ein Mensch voll der Gnade
Wenn des Morgens die Glocke mit dem „Engel des Herrn" den Tag einläutet, wenn am Mittag erneut unser Werken von ihrer mahnenden Feierlichkeit zum Gedenken an den herniedergestiegenen Engel und das fleischgewordene Wort heimgerufen wird, wenn zuletzt des Abends die Marienglocke nochmals mit weihevollem Klang uns die Entlassung aus einem Arbeitstag kündet, dann sind jeweils Anfang, Mitte und Ende unseres irdischen Tages mit einem Mal göttlicher Unendlichkeit bezeichnet worden. Dann solltest du für ein kurzes Weilchen zwischen Zeit und Ewigkeit verharren, die Mutter grüßen und ihr Kind, ihnen die zerarbeiteten Hände zeigen und ein bedächtiges Antlitz zuwenden. Dann sollten von den Schwingungen der Glocke die Saiten deiner Seele ins Schwingen kommen und, der Kämpfe des oft so mühseligen Tages und seiner Plage entledigt, solltest du der übernatürlichen Kostbarkeit innewerden, die darin verborgen lag. Stelle so manchmal deine irdische Aufgabe in den Raum des Allmächtigen! So bleibst du ein Religiöser, ein Gottgebundener, einer, der zum Bild seines inneren Menschen den Hintergrund der Ewigkeit und den Gotteshimmel darüber sieht. Das Bild deiner äußeren Erscheinung, wie es die Fotografie bietet, braucht nur dich allein zu zeigen, so wie du aussiehst und was du vorstellst. Das Bild deiner inneren Erscheinung steht und fällt in seinem Wert, je nachdem, ob Gott mit darauf ist oder nicht.
Dieses Menschenbild, das Bild des Menschen vor Gott, bleibt unser Anliegen aus einem doppelten Grund: erstens, weil wir alle stehen und fallen mit der Art und Weise, wie wir dem Gott allen Lebens entsprechen, und zweitens, weil in Maria uns ein Menschenbild einziger und beglückendster Art vor Augen gestellt ist, das Bild der Frau, die zu Jesus Christus sagen durfte: „Mein Kind, du!"; das Bild der Frau, die ein Mensch war wie wir, die aber geadelt war wie keiner von uns; das Bild der Frau, die Christus nahe ist als Mutter, Jüngerin, Leidensgefährtin und herrlich Vollendete; das Bild der Frau, die als erste Christin einem jeden von uns Muster der Christlichkeit ist. Die weichen Töne, die so manchmal von Muttergottesverehrern angeschlagen werden, mögen die Marienverehrung als Sache abendlicher Romantik und ungreifbarer, unwirksamer Gemütserhebung erscheinen lassen. Wir aber lassen allen Gefühlsschwang, sondern in all unserem Sinnen vor Gott wollen wir nur um die Frage kreisen: Was ist im Marienbild vorgezeichnet für das rechte Bild vom Menschen über­haupt? Was tut Maria selbst aufgrund ihrer einzigartigen Stellung im Gottesreich in der Gestaltung unseres Menschenbildes?
Und eines gleich vorweg: Wir bleiben bei aller Rede von Maria nicht am Rande der Frömmigkeit, im peripheren Bereich der Wahlfächer in der Gottesschule, sondern wir stehen auch hier am Mittelpunkt. Christozentrisch muss unsere Frömmigkeit sein; ja, Christus muss Zentrum und alles für den Christen sein. Seht, aber gerade kann Maria nicht außer dem Bereich unseres seelischen Lebens bleiben. Christo heißt es ähnlich werden auch in der zartesten und innigsten Empfindung, in der Liebe zu seiner Mutter. Und ein anderes: Wer war denn je ein christozentrischer Mensch, wenn
nicht sie, die liebste Mutter, die nur eines im Sinne hatte: Jesum, ihr Kind, die sein Herz verstand wie niemals ein Mensch?
Gewiss, einleuchtend ist dies zuerst, wenn man menschlich schlicht sich hineindenkt, dass Maria und Jesus als Mutter und Kind mit dem natürlichsten Band, das unter Menschen besteht, einander verbunden waren. Treten wir aber auf den erhöhten Standpunkt der nicht bloß menschlichen, sondern der gläubigen Betrachtung, dann sehen wir zunächst nicht die Mutter, sondern wir sehen einen Gottesboten vor einem Mädchen stehen, wir hören ein Engelswort und ein Marienwort und im Zusammenklang dieser beiden Worte wird offenbar die Wesensgrundlage des ersten christlichen Menschen und jedes folgenden überhaupt.
Das Engelswort: „Du bist voll der Gnade", das Marienwort: „Ich bin eine Magd des Herren", das sind die Worte, die in ihrer ewigen Bedeutsamkeit in der Gottes-Offenbarung der Schrift ihren allzeit sichtbaren Platz bekommen haben, das sind die Worte, die wir nimmer im Bestand unserer Alltagsgebete entbehren können, das sind die Worte, die Göttliches und Menschliches einander verknüpfen im Heiligtume einer Menschenseele.
„Du bist voll der Gnade!" Es muss nicht sein, dass wir bei diesem Wort immer sofort an die außerordentlichen Gnaden Mariens denken und uns dabei ihr Bild in himmelferne Weiten entschwinden lassen, weil diese eine Gottesmutter anders ist als wir einfachen Gotteskinder. „Du bist voll der Gnade!" Maria, du bist voll von einem Reichtum, der nicht aus dir ist, du bist von dir aus zwar auch nicht anders als wir alle, leeres Gefäß nämlich, erfüllt aber von dem, der seinen Geist, sein Leben dareingegeben hat! Du bist gezeichnet von dem, der alles sein Eigentum nennen kann! Du bist von seinem Blick eingefangen, du bist von ihm angeschaut mit dem Blick göttlichen Begehrens. Du bist von ihm unter den Arm genommen und gehst fortan keinen Weg mehr allein!
„Du bist voll der Gnade", ob das zu Maria oder ob das zu euch gesagt ist, es mag im Einzelnen Verschiedenes bedeuten, aber es bleibt in jedem Fall wahr. Denn bei diesem Engelswort ist nicht nur die Lebenssituation Mariens bezeichnet, sondern der Standort eines jeden christlichen Lebens. Auch dich hat die Gnade nicht bloß angetippt, sondern du bist ihrer voll. Auch dir, dem Heilsjünger von der Taufe an, hat der Herr den Heilshunger nicht mit ein paar Bröcklein gestillt, sondern den Hungernden hat er mit Gütern satt gemacht, um es in der Sprache des Magnificat zu sagen. Auch auf deine Seele - wenn du nur einmal zu glauben und zu erfassen angefangen, dass du überhaupt eine Seele hast, - auch auf deine Seele ist das Gottesmal gezeichnet, unauslöschlich, dieses Eigentumszeichen, das zuweilen - sagen wir das in aller Ehrlichkeit - brennen kann und uns die Last Gottes erfühlen lässt; dieses Zeichen, das aber doch in der Besinnung unserer heiligsten Augenblicke zu unserer „Lust in Gott" wird, weil es froh machen kann zu denken, der Eigentümer-Gott wird dieses sein Eigentum, die Seele, zu erhalten, zu bewahren und heimzuholen trachten.
„Du bist voll der Gnade", du bist nicht voll der Gnade Mariens, aber du bist voll deiner Gnade! Könnte doch ein wirklicher Gottesbote, wie Gabriel zu Maria, zu uns kommen und uns mit seinem Wort die Wahrheit und Wirklichkeit erschließen, die wir alle zu klein nehmen, weil diesem Körper das Organ dafür fehlt, dass wir auserwähltes Volk und Neuschöpfung sind. Voll der Gnade, in der Gnade ist der Standort unseres von Christus gezeichneten Menschseins, vor dem Paulus bewundernd steht und die schlichten Worte sagt: „Das Alte ist vergangen, siehe, etwas Neues ist geworden!" Es kann kein Wort zu viel gesagt werden, wenn es gilt, mit diesem Glauben ernst zu machen, mit diesem Glauben, der eben da sein muss, wenn wir inne werden wollen, dass wir außer Naturwesen noch etwas sind: Gottesvolk nämlich, heilige Bürgerschaft, angeschaut und nimmer aus dem Auge gelassen, an der Hand genommen und nimmer freigegeben, freilich von einem Auge, von einer Hand, die von nur-menschlichen Sinnen ewig nicht wahrgenommen werden.
Es geht uns um keine Kleinigkeiten, sondern um Grundfragen unseres Christseins. Da muss denn also vorangestellt werden, dass es im Menschen ist wie in einem durchglühten Eisen. Das bleibt Eisen, so wie wir Menschen bleiben, und doch ist es von der Kraft des Feuers erfüllt, ist heiß und leuchtet, so wie wir von der Kraft Gottes - nichts anderes ist nämlich die Gnade - durchformt sind. Und hier in der Verkündigungsstube, wo dieses Wort „voll der Gnade" erstmals gefallen ist, wollen wir das wieder sehen lernen. Hier ist der Ausgangspunkt allen Christentums!
Mit einer Dosis Moralismus und einer Dosis Fatalismus kann man nämlich das christliche Unternehmen, das unser Leben nun einmal ist, nicht finanzieren. Auch nicht, wenn's beide Male eine sehr kräftige Dosis ist.
Der Moralismus bezeichnet das, was man tun soll, und das, was man büßend gutzumachen hat. Pflicht und Sünde sind seine beiden Hauptbegriffe. Weil aber Erstere oft vernachlässigt und Letztere viel geübt wird, besteht beim Einzelnen und in der Gesamtheit ein ziemlich beklagenswerter Zustand, an dem zu korrigieren man jedoch nicht aufhören darf. Gewiss sind auch im christlichen Wörterbuch die beiden Begriffe enthalten: Pflicht und Sünde. Sollen und Versagen bleiben auch für uns Probleme, mit denen wir zurechtkommen müssen. Aber das eigentlich Christliche in der Moral bleibt doch das, dass wir für die christliche Pflicht nicht in erster Linie genau detaillierte Vorschriften haben, sondern vor allem Vorbilder, die uns mit ihrer Gesinnung voranleuchten, allen voran Jesus Christus, zu dessen Nachfolge wir eingeladen sind, und Maria, seine Mutter und Jüngerin, die das Wesentliche auch des schwersten christlichen Lebens uns vorgelebt hat.
Der Fatalismus ist bei Christen keineswegs so unbekannt, wie es scheint. Denn manche Ergebung in ein Geschick geschieht zwar mit dem müden Seufzer: „Es ist halt Gottes Wille gewesen", und doch deutet der Ton schon an, dass die Phrase diesmal nichts anderes bedeutet, als wenn der andere sagt: „Man kann halt nichts machen, wenn man auf der Schattenseite zu Hause ist." Fatalismus ist nur Betäubung. Ergebung aber ist für das Gotteswesen Mensch immer nur dann eine Möglichkeit, wenn auch in der äußeren Krisis das Bewusstsein bleibt, noch und vielleicht gerade jetzt in der Gnade zu sein. Fatalismus ist das Narkotikum für den gottverlassenen Menschen. Voll der Gnade zu sein, ist der Lebenshalt des gottgeborgenen Christen.
Sein Vorzug ist darin begründet, dass sein Standort vor dem Angesichte Gottes ist. Das ist Gnade. Wir stellen diese Wirklichkeit uns oft so klein vor, als kleine Hilfe, ei­nen Vorsatz zu halten, einen Fehler zu meiden. Ja, das ist Gnade auch. Aber sie ist unendlich mehr noch. Dass Gott zu einem unbekannten Menschenkind, wie Maria es war, seinen Engel sandte, der ihr sagte, dass sie voll der Gnade und mit ihr der Herr sei, dass Gottes Wort an dieses Menschenohr klang und mit diesem Wort sein Leben, sein Geist, seine Kraft in diese zarte Menschenhülle drang, das war die Gnade Mariens.
Dass - und seht nun ganz von dieser Formalität der Engelssendung ab - Gott aus sich heraus sein Wort in anderer Form zwar, durch seinen Sohn, durch seine Offenbarung, durch unser Gewissen, diese Gottesfiliale in uns, an uns gerichtet hat, dass er aus seinem Ich hinaus- und uns gegenübergetreten, in uns herübergeflutet ist mit seinem Leben, seinem Geist und seiner Kraft, das ist unsere Gnade und macht uns der Gnade voll.
Diese Gottesbewegung auf uns zu verlangt freilich nach dem Gesetz allen Lebens von uns auch eine Gegenbewegung, die fürs Erste nichts anderes ist als die schlichte Entsprechung.
„Ich bin eine Magd des Herrn", hat die heiligste Frau erwidert, und sie hat damit dem Gunsterweis ihres Gottes, der ihr im Engelsgruß und in der Engelsbotschaft geworden, entsprochen mit der Hörigkeit der Magd. Sie hat entsprochen in der Stunde, da alles, was an Maria Mensch war, vor einem undurchdringlichen Rätsel stand; da Schrecken über sie gekommen, weil in ihre kleine Welt plötzlich Gott selbst eingebrochen war; da Furcht sie erfüllte, weil die Jungfrau menschlich in keiner Weise dem Gedanken einer leiblichen Mutterschaft zugetan war; in einer Stunde, da Gott das Opfer ihres jungfräulichen Leibes zurückzuweisen schien. Maria hat entsprochen, wie­wohl sie mit ihrem Verstehen vor einem „Unmöglich" stand, über das ihr vorerst nur das Wort des Boten hinweghalf: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich." Und dennoch: „Ich bin eine Magd des Herrn!"
Dieses Wort ist und bleibt das Urwort allen Menschentums vor Gott, von Maria geprägt in dem geschichtlichen Augenblick, als Gott nicht bloß sie, sondern alle Menschheit ansprach in der fleischlichen Herabsendung seines Sohnes. Sein Sohn Jesus Christus wird in der neutestamentlichen Sprache das Wort Gottes genannt. Verstehen wir das, unbeschwert von langen, philosophischen Einleitungen, einfach so: Indem Gott seinen Sohn zu uns schickt, spricht er uns an. „Wort", sehen wir ab vom Klang des Wortes, von der Artikulation, mit der es geformt wird, und achten wir nur auf das Wesentliche: nämlich, das Wort will nicht in den leeren Raum klingen, sondern gehört werden. Wo niemand ist, kein Göttlicher und kein Menschlicher, da spricht man nicht. Das Wort will gehört werden und verlangt ein Wort dafür, ein Gegenwort, eine Antwort.
Wort Gottes fordert Antwort des Menschen und ist so die Einleitung des Dialogs zwischen Gott und Mensch, der steten Unterredung beider. Monologe, Selbstgespräche führt der Einsame. Wo Gespräch und Dialog ist, da ist der Mensch hereingeholt in die Zweisamkeit, da ist ein Ich und ein Du zum Wir verbunden. Wo Gottes Wort gekommen und des Menschen Wort dawidergeklungen, da hat der von Gott ausgegangene Lebensstrom im Menschen gewendet und ist zurückgeflossen zu Gott und damit ist der Lebenskreis geschlossen und das Geschöpf ist für immer ins Göttliche hereingenommen.
Gewissermaßen dramatisch dargestellt ist diese Beziehung von Mensch zu Gott, dieses Stehen der Kreatur vor ihm in den beiden Worten, derer wir gedachten: „Du bist voll der Gnade", das ist der Anruf, - „Ich bin eine Magd des Herren", das ist die Antwort.
Hier sei uns von Maria mit den einfachsten Worten - wie eine Mutter eben die Kinder lehrt - die innerseelische Wirklichkeit erschlossen, in der ein jeder steht, der in Christo ist. Seit Maria zur Gottespartnerin berufen worden, hat Gott jedes christliche Sein in seine Gesellschaft hereingeholt und es, gebend und empfangend, mit sich verknüpft.
Ihr, heilige Christenheit, vernehmt so aufgeschlossen, als ihr könnt, die Kunde von eurem Stand vor Gott. All eure Christlichkeit raffe sich zusammen und löse sich los von dem immer nur bedrückenden Blick auf den Staub am Gotteskleid, die Steine am Lebensweg und all das Zweitrangige, erhebt das Auge und schaut! Ihr blickt alle geradewegs in das Gottesauge, das unabwendbar auf euch gerichtet bleibt, so gütig, so glühend, so zwingend, so voll der Gottesfreude, weil Gott sein eigen Leben zu sich kommen sieht!

(Quelle: "Dienst am Glauben", Heft 4 - 2015, S. 99-103,  A-6094 Axams)



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