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17. Jugendfestival 2006 in Medjugorje |
IM FOLGENDEN BERICHTE ICH, ALS MITGLIED DER EVANGELISCH-REFORMIERTEN KIRCHE, VON EINEM AUFENTHALT IN MEDJUGORJE IM RAHMEN DES JUGENDFESTIVALS ANFANGS AUGUST. DER LESER HAT NICHTS SPEKTAKULÄRES ZU ERWARTEN, ABER DEN EHRLICHEN UND OFFENEN BERICHT EINES (SOZUSAGEN) UNABHÄNGIGEN BEGUTACHTERS.
VORGESCHICHTE
Ich
hatte, obwohl meine Eltern in der Evangelischen Kirche engagiert waren,
lange keine besondere religiöse Bindung. In der Schulzeit war ich
dann mit einer ganzen Reihe von Christen in der gleichen Klasse. Unter
dem Einfluß von Gesprächen mit ihnen und einer relativ intensiven
Bibellektüre fand ich zu Jesus Christus. Im Sommer 1994 nahm ich ihn
in einem bewußten, vernunftgestützten Akt als persönlichen
Retter aus der Schuld in mein Leben auf. Seither betrachte ich mich als
bekehrten und wiedergeborenen Christen. Auf diesen Grundlagen
stehe ich grundsätzlich bis heute. Lange Zeit war ich streng antikatholisch
eingestellt. Ich hatte alle entsprechenden Argumente intus, wie sie etwa
im Büchlein „Sind Sie auch katholisch?" ausgebreitet sind. Besonders
beeindruckte mich 2004 ein Buch mit dem Titel „Projekt Einheit: Rom, Ökumene
und die Evangelikalen", das Ökumene-Bewegungen als einen Abfall der
Christen darstellt und dies mit Endzeit-Szenarien verbindet. Vor solchem
hatte ich große Angst, so daß ich mich gegen alles Katholische
scharf abgrenzte. Auch die Ereignisse um den Papsttod 2005 betrachtete
ich äußerst kritisch, was ich gegenüber Dritten auch kundtat.
In
jener Zeit lernte ich jedoch an der Universität St. Gallen - wo ich
als Assistent tätig war - eine Studentin aus Österreich (genauer:
Vorarlberg) kennen. Der ganze Hergang dieses Kennenlernens war so, daß
ich wußte, daß Gott diese Begegnung wollte und daß sie
wichtig war. Ich interpretierte das so, daß der Betreffenden von
mir irgendwie geholfen werden müßte. (Ich hielt mich für
religiös und moralisch ziemlich fortgeschritten.) Erst mit der Zeit
kam ich darauf, daß Gott durch diese Begegnung eher mich verändern
wollte als sie...
Ich
fand den Ansatzpunkt für meine Hilfsbemühungen rasch: Die junge
Frau war Mitglied der christlichen Gruppe an der Universität, aber
offensichtlich nicht bekehrt, wie ich es verstand, und zudem katholisch.
Ich begann deshalb bald, sie in meinem Sinne zu bearbeiten. Diese Bemühungen
führten aber zu immer stärkeren Irritationen. Denn ohne Zweifel
kannte sie Jesus Christus als ihren Heiland. Ich werde nicht vergessen,
wie sie auf entsprechende Erklärungen meinerseits lächelte und
sagte: „Das weiß ich doch!" Als ob sie sagen wollte: „Wie kannst
du dich nur bei diesen Banalitäten aufhalten!"
Die
christliche Gruppe an der Universität, in deren Rahmen ich die Person
hauptsächlich sah, war interkonfessionell ausgerichtet, aber doch
eher evangelisch/evangelikal bestimmt. Die Bekannte war in dieser Hinsicht
sehr offen. Als wir jedoch einmal über Katholizismus und Protestantismus
sprachen, sagte sie, daß Ereignisse wie die Marienerscheinungen in
Medjugorje vielleicht doch für den Katholizismus sprechen würden,
und sie jedenfalls unsicher machten im Hinblick auf die evangelische Richtung.
Ich wies das scharf zurück und sagte sinngemäß, Marienerscheinungen
seien totaler Humbug. Wie immer, begegnete sie diesen Ausführungen
mit großer Ruhe und Gelassenheit. Sie traute mir wahrscheinlich zu,
daß ich irgendwann noch schlauer würde...
Mit
der Zeit kam in mir aber doch der Gedanke auf, mir dieses Medjugorje -
dessen Namen ich übrigens nie so ganz pannenfrei aussprechen konnte
- einmal anzuschauen. Bald ergab sich ziemlich unverhofft die Möglichkeit
dazu: Im Sommer 2006 erwähnte ich in einem Gespräch mit einer
Freundin, die ebenfalls in St. Gallen Assistentin war und die übrigens
auch aus Österreich stammte, jene frühere Bemerkung der anderen
Studentin zu Medjugorje. „Ach, dort wo ich im August sein werde!" antwortete
sie spontan. Sie nehme an einem Jugendtreffen teil. Ob ich auch mitkommen
wolle? Ich versprach, es mir zu überlegen. Es,zeigte sich aber, daß
schon alle Plätze in der betreffenden Reisegruppe vergeben waren,
so daß die Frage erledigt schien (was mir eigentlich nicht ungelegen
kam). Dann aber ergab es sich, daß doch noch ein Platz frei wurde
- und aus verschiedenen Gründen konnte ich mich schwerlich verweigern.
Und so reiste ich am 30. Juli 2006 mit einer Schweizer Reisegruppe nach
Medjugorje.
IN
MEDJUGORJE
Die
Zeit in Medjugorje war für mich mit einigen Anstrengungen verbunden:
Gruppenreisen liegen mir individuell nicht besonders, Busreisen auch nicht
sehr. Der Hitze-Sommer hatte mich schon vor der Reise ziemlich beansprucht,
und die Temperaturen in Medjugorje zusammen mit einem permanenten Schlafdefizit
bewirkten eine ziemlich schlechte körperliche Verfassung. Dazu kamen
verschiedene Belastungen persönlicher und beruflicher Art, die ich
mit mir trug. Meine Eindrücke von Medjugorje waren sehr gemischt.
Ich sah manches, was mir fragwürdig schien: Da und dort beobachtete
ich ein Herunterleiern von Gebetstexten, das mich an Mt 6,7 denken ließ.
Die sehr präsenten Händler erinnerten mich gelegentlich an die
Geschichte von Jesus im Tempel (Mt 21,12 ff.) Besondere Mühe
machte mir das Thema Bekehrung: Es war zwar sehr von Bekehrung die Rede,
aber es schien keine klare Vorstellung davon zu existieren. Stärker
waren jedoch die positiven Erlebnisse. Besonders beeindruckte mich die
Eucharistie-Feier. Mit Staunen verfolgte ich immer wieder - ich nahm die
Hostie selbst natürlich nicht ein -, wie sich in den Gesichtern der
Gläubigen im Moment der Einnahme des Brotes schlagartig eine Änderung
vollzog.
Auch bei denen, die das Ganze eher salopp anzugehen schienen, trat plötzlich
eine große Ernsthaftigkeit ein. Man merkte, was dieser Moment für
alle bedeutete und in ihnen auslöste.
Einmal,
als ich die Priester zu den Klängen von „Agnus Dei" mit den Hostien
vom Altar herunterkommen sah, hatte ich mit großer Klarheit den Gedanken
in mir: „Es ist die Wahrheit."
Ich blieb diesen Gedanken gegenüber aber kritisch, denn ich sah natürlich
auch, wie geschickt die Emotionen angerührt wurden. Auf der anderen
Seite blickte ich immer wieder zum Himmel, wo ich - die ganze Woche über
- die unglaublichsten Wolkenformationen sah. Und soweit, das Himmelsbild
zu beeinflussen, konnte das Inszenierungstalent der katholischen Kirche
ja wohl nicht gehen!
Die
Abendmahl-Feier macht aus der katholischen Messe etwas fundamental anderes
als einen evangelischen Gottesdienst. Der Glaube, daß Jesus mit realer
Präsenz in die Gemeinde der Gläubigen eintritt, verleiht der
heiligen Messe einen ganz anderen Sinn. Mit meinem Zimmerkollegen in der
Unterkunft in Medjugorje erörterte ich dieses Thema intensiv auch
unter biblischen Aspekten. Das katholische Verständnis
des Abendmahls scheint mir heute haltbar, ja plausibel. Jedenfalls
wurde mein Bewußtsein geschärft für die Bedeutung dieser
Frage, die dem Protestanten eher als absonderliches Nebenthema erscheinen
mag.
Neben
der Eucharistie beeindruckten mich in Medjugorje vor allem die Zeiten der
Anbetung.
Nie zuvor hatte ich es erlebt, daß alles Menschliche so vollkommen
zurücktritt und sich eine so vollständige Konzentration auf Jesus
Christus einstellt. Dies gerade im katholischen Rahmen zu erleben, verwunderte
mich -hieß es doch immer, daß im Katholizismus Jesus seinen
Platz mit zahlreichen „Konkurrenten" teilen müsse.
Ich
habe in Medjugorje aber in der Tat eine vollständige Ausrichtung auf
Jesus Christus erlebt. Heilige Messe und Anbetung
dienen in unvergleicher Weise der Verehrung und Erhöhung Jesu Christi.
Es geht in diesen Veranstaltungen nicht um menschliche Schlauheiten, es
geht nicht darum, daß man etwas mitnehmen müßte. Sondern
es geht darum, sich zu versammeln, um Jesus anzubeten und Raum zu schaffen,
damit er eintreten und jeden einzelnen berühren kann.
Die
Abendstunden der Eucharistie und der Anbetung in Medjugorje gehören
zu den stimmungsvollsten in meinem Glaubensleben. Wenn ich heute Melodien
höre wie „Dona la pace" oder „O Dio crea in me", dann ist mit einem
Schlag alles wieder da: die Lichter, das Aroma der Luft, der steinige Boden,
das weiße Zelt, die vielen Leute. Ich lasse mich immer wieder gerne
in diese einzigartige Atmosphäre zurückversetzen.
NACH
MEDJUGORJE
In
der Zeit nach meiner Rückkehr aus Medjugorje ging ich zunächst
ein wenig auf Abstand zur ganzen Thematik. Ich wandte mich meiner Arbeit
zu und wollte die religiösen Fragen für einige Zeit zurückstellen.
Eine
besondere
Bedeutung bekam für mich dann aber plötzlich das Rosenkranz-Beten.
Vor allem das „Gegrüßet
seist du, Maria", das ich in
Medjugorje so oft gehört hatte, betete ich nun selbst häufiger.
Am Anfang eher als Zeitvertreib, vor allem auf Zugfahrten. Später
tat ich es konzentrierter.
Was
ich früher als inhaltsleeres „Ritualgebet" verurteilt hätte,
spendete mir nun Freude und Frieden. Ich erkannte die Schönheit des
geformten Gebets: Man tritt in seiner Individualität ganz zurück,
reiht sich sozusagen ein in das Heer der Gläubigen und bekundet gemeinsam
seine Verehrung und Liebe. Man produziert - für einmal - keine eigenen
Gedanken, sondern begibt sich in eine gedankliche Ruhe, die erst frei macht,
auch hinzuhören und zu empfangen. Man bettelt nicht und fordert nicht,
sondern schenkt einfach Zeit. Besonders interessant finde ich die erstaunliche
Schriftnähe des „Gegrüßet seist du, Maria". Denkt man als
Außenstehender vielleicht, die Marienverehrung spiele sich in großer
Distanz zur biblischen Überlieferung ab, so zeigt sich hier das Gegenteil.
Die
Elemente sind direkt der Bibel entnommen (Lk 1,28; 42).
Vor
allem unter dem Einfluß dieses Betens habe ich zu einer persönlichen
Beziehung zu Maria gefunden. Ich habe sie kennengelernt als eine einfache,
sehr bescheidene Frau. Nichts will sie weniger, als vergöttert zu
werden. Aber sie ist voller Liebe für die Menschen, und tief besorgt
über die Verwirrungen unserer Zeit. Deshalb wendet sie sich in
neuerer Zeit verstärkt selbst den Menschen zu.
WIDERSTAND
GEGEN MARIA ALS AUSDRUCK VON UNREIFE IM GLAUBEN
Maria
war mir vor Medjugorje völlig fremd gewesen; ja schlimmer eigentlich:
sie war mir unsympathisch. Ich fand den Kult um diese Himmelskönigin
irgendwie geschmacklos. Wie viele Christen sah ich in Maria gleichsam eine
Konkurrentin zu Jesus. Ich betrachte diesen Widerstand gegen Maria heute
als Zeichen für eine Unreife im Glauben. Die Ablehnung ist in ihren
Wurzeln nicht schlecht: denn sie kommt aus einer Liebe zu Jesus. Aber sie
ist auch Ausdruck von Unsicherheit und mangelnder Souveränität.
Es fehlt ein bißchen das Vertrauen. Man hat Angst, Jesus durch die
Verehrung seiner Mutter zu beleidigen. Mir scheint eine ganzheitliche Christlichkeit
ohne eine angemessene Einbeziehung Mariens heute aber kaum mehr möglich.
Sie hat Gott in ihrem Leib getragen. Sie hat Gott zur Welt gebracht. Sie
hat Jesus danach behütet und aufgezogen. Daß sie in der Zeit
seines Wirkens in den Hintergrund treten mußte, ist selbstverständlich:
Eine „Familienbindung" hätte sich mit dem Auftrag Jesu, der
auf die ganze Menschheit ausgerichtet ist, nicht vertragen. Aber daß
Jesus dann am Kreuz als eines seiner letzten Worte zu seinem Lieblingsjünger
sagte: „Sieh, deine Mutter!" (Joh 19, 27), zeigt ihre Bedeutung deutlich
an. Es ist unvorstellbar, daß Jesus in dieser Situation etwas Nebensächliches
oder Unüberlegtes gesagt hätte. Maria
ist dann dabei, als sich die Jünger nach Jesu Himmelfahrt versammeln
und in die neue Zeit ohne ihn eintreten (Apg 1,14). Sie spielt an der Schnittstelle
von Kreuzigung und Kirchengründung eine Schlüsselrolle. Sie kann
deshalb tatsächlich als geistige Mutter der Jünger-Gemeinschaft
betrachtet werden. Ich glaube kaum, daß es ein vollkommenes Christentum
geben kann, das Maria sozusagen ausblendet.
Die bedeutendste
Frau der Menschheitsgeschichte, die Frau, die den Erlöser gebar, muß
in der christlichen Gemeinschaft einen Ehrenplatz haben. Eine Kirche, die
für Maria keinen richtigen Platz hat, wird auf Dauer nicht bestehen
können.
Eine
solche Einbeziehung Mariens ist keine Gefahr für Jesus. Maria ist
keine Konkurrentin zu ihm. Die Sichtweise, daß das, was man ihr an
Verehrung entgegenbringt, ihm sozusagen genommen wäre, ist zu einfach.
Es ist nicht so, daß es ein bestimmtes Quantum an Liebe und Verehrung
geben würde, das man richtig aufzuteilen hätte. Man kann Jesus
nicht beleidigen durch die Verehrung seiner Mutter. Genauso wenig, wie
man einen Menschen beleidigen kann, indem man seine Mutter ehrt. Jesus
kennt keine „Eifersucht" in dieser Hinsicht. Im Gegenteil, er freut sich
über jeden Menschen, der seine Mutter liebt und zu ihr eine lebendige
Beziehung unterhält.
Die in protestantischen Kreisen verbreitete Furcht, Maria könnte den falschen Status einer Göttin erhalten, scheint mir unbegründet. Solches widerspricht ihrem ganzen Naturell. Es kommt jedem, der Maria kennt, eher absurd vor. Nur eine sehr unwissende und sehr unreife Marienverehrung könnte sie als Göttin betrachten.
SCHLUß
Ich
habe durch Medjugorje - so empfinde ich es - Maria
persönlich kennengelernt. Sie ist anders, als der Außenstehende
es sich denkt. Sie ist nicht die thronende Halbgöttin, die Jesus irgendwie
wegdrängt; sondern eine bescheidene
Frau voller Liebe, voller Anteilnahme und Wärme. Maria ist eine ganz
und gar liebevolle Mutter, die sich mit aller Kraft bemüht, ihren
Kindern die Lasten, die sie bedrücken, abzunehmen. Was wir alle als
Mutterliebe (hoffentlich) kennen, ist bei ihr sozusagen ins Extrem gesteigert.
Ich
halte es heute für ausgeschlossen, daß jemand durch die Verehrung
von Maria von Christus weggeführt werden kann. Im Gegenteil sie führt
immer zu Ihm hin und sie weist die Menschen - besonders auch in den Botschaften
von Medjugorje - beständig auf Jesus hin. Maria will nichts für
sich; aber alles für ihren Sohn und damit für die Menschen.
Ich
weiß nicht, ob man zu diesen Einsichten sozusagen aus der Distanz,
etwa durch das Lesen von Büchern, kommen kann. Ich glaube es eigentlich
nicht. Man muß sich wahrscheinlich in diese Erfahrungswelt hineinbegeben,
um es zu verstehen. In diesem Sinne kann ich jedem eine Reise nach Medjugorje
nur empfehlen. Er wird vieles lernen: über den Glauben, über
die Kirche, über die Mutter Gottes - und über sich selbst.
(Quelle:
"Medjugorje" Nr. 83, 4. Quartal 2006, S. 12ff.; zu beziehen durch Tel.:
0043 18930735)
Das 17. Jugendfestival begann am 1. August mit dem abendlichen Rosenkranzgebet und der hl. Messe am Altar im Außenbereich der Kirche zum hl. Jakobus und fand seinen feierlichen Abschluß am 6. August mit dem Rosenkranz und der Frühmesse beim Kreuz auf dem Kreuzberg. Der Auftakt zum Festival begann durch 40 Jugendliche aus ebenso vielen Ländern, die unmittelbar vor der Eucharistiefeier in ihren eigenen Sprachen die anwesenden Jugendlichen begrüßten.
(Quelle: Bild u. Text ebd. S. 30f.)