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Fünftes Kapitel Erkenne dich selbst
Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen, weil es uns oft
an Gnade und rechter Einsicht fehlt.
Nur ein schwacher Lichtfunken glüht uns, und diesen bringen
wir durch Nachlässigkeit leicht zum Erlöschen. Oft bemerken wir
nicht einmal, wie finster es in unserem Innern ist.
Oft handeln wir böse und, was noch schlimmer ist: wir entschuldigen
unser Handeln.
Manchmal treibt uns die Leidenschaft, und wir halten es für
Eifer.
An anderen tadeln wir geringe Mängel, übersehen aber unsere
eigenen schlimmen Fehler.
Wir empfinden schnell und wägen genau ab, was wir von anderen
ausstehen; aber wie viel andere von uns auszustehen haben, darauf achten
wir nicht. Wer sein eigenes Handeln ernst und gerecht abwägen würde,
der hätte keinen Grund, hart über einen andern zu urteilen.
Der innerliche Mensch zieht die Sorge für seine Seele allen
anderen Sorgen vor.
Und wer auf sich selbst genau Acht gibt, der schweigt gern von anderen.
Du wirst nie ein innerlicher, frommer Mensch werden, wenn du nicht
von fremden Angelegenheiten schweigst und dein Auge vor allem auf dich
richtest.
Wenn du nur auf dich und Gott siehst, wird dich wenig aufregen,
was du draußen wahrnimmst.
Wo bist du, wenn du nicht bei dir selbst bist? Wenn du die ganze
Welt durcheilst, was hättest du gewonnen, wenn du dabei dich selbst
vernachlässigt hast?
Willst du Frieden und wahre Eintracht, so musst du alles zurückstellen
und dich allein vor Augen haben.
Du wirst gut vorankommen, wenn du dich von aller zeitlichen Sorge
freihältst. Du wirst aber sehr im Guten nachlassen, wenn du etwas
Irdisches hochschätzest. Nichts sei dir groß, nichts erhaben,
nichts willkommen, nichts angenehm als Gott allein, oder was aus Gott
ist.
Halte alles für eitel, was dir von irgendeinem Geschöpf
an Trost zuteil wird.
Eine Seele, die Gott liebt, schätzt alles gering, was geringer
ist als Gott.
Gott allein, der Ewige und Unermessliche, der alles erfüllt,
ist der Trost der Seele und die wahre Freude des Herzens.
Sechstes Kapitel
Der Lohn des guten Gewissens
Der Ruhm eines guten Menschen ist das Zeugnis eines guten Gewissens.
Wenn du ein gutes Gewissen hast, wirst du immer Freude haben.
Ein gutes Gewissen kann sehr viel ertragen und ist auch bei Ungemach
voller Freude.
Ein böses Gewissen ist immer furchtsam und unruhig.
Du wirst sanft ruhen, wenn dein Herz dir nichts vorwirft.
Freue dich nur dann, wenn du Gutes getan hast.
Die Bösen kennen keine wahre Freude und fühlen keinen
inneren Frieden; denn „die Gottlosen", spricht der Herr, „haben keinen
Frieden" (Ps 48,22. 57,21). Wenn sie sagen: Wir sind im Frieden, Schlimmes
wird nicht über uns kommen, und wer wird es wagen, uns zu schaden,
so glaube ihnen nicht; denn plötzlich wird der Zorn Gottes sich erheben,
und ihre Werke werden zunichte werden und ihre Anschläge vergehen.
Sich der Trübsal zu rühmen, fällt dem Liebenden nicht
schwer; sich so rühmen heißt, sich im Kreuze Christi rühmen.
Kurz währt der Ruhm, den die Menschen geben und voneinander
empfangen. Dem Ruhm der Welt folgt immer Traurigkeit.
Die Ehre der Guten ruht in ihrem Gewissen und nicht im Munde der
Menschen.
Die Freude der Gerechten ist von Gott und in Gott, und ihre Fröhlichkeit
kommt aus der Wahrheit.
Wer wahren, unvergänglichen Ruhm ersehnt, kümmert sich
um den zeitlichen nicht. Wer aber zeitlichen Ruhm sucht oder nicht von
Herzen verachtet, der zeigt damit, dass er den himmlischen wenig liebt.
Große Ruhe des Herzens hat, wer sich weder um Lob noch um
Tadel kümmert. Leicht ist der zufrieden und beruhigt, dessen Gewissen
rein ist.
Du bist nicht heiliger, wenn du gelobt, und nicht schlechter, wenn
du getadelt wirst. Wie du bist, so bist du, und keine Menschenworte können
dich besser machen, als du nach dem Urteil Gottes bist.
Achtest du darauf, was du im Herzen wirklich bist, so kümmert
es dich nicht, was die Menschen von dir sagen.
Der Mensch sieht aufs Gesicht, Gott aber ins Herz.
Der Mensch urteilt nach den Handlungen, Gott aber wägt die
Absichten.
Immer recht handeln und wenig von sich halten, das ist das Kennzeichen
einer demütigen Seele.
Von keinem Geschöpf Trost begehren, das ist ein Zeichen großer
Lauterkeit und innerer Zuversicht.
Wer kein Zeugnis von anderen für sich sucht, zeigt damit, dass
er sich ganz Gott anheimgegeben hat.
„Denn nicht, wer sich selbst empfiehlt, ist bewährt", sagt
der heilige Paulus, „sondern der, den Gott empfiehlt" (Kor 10,18).
Im Herzen mit Gott wandeln und nach außen keiner Neigung verfallen
sein: dies ist die Haltung des innerlichen Menschen.
Siebentes Kapitel Liebe Jesus über alles
Selig, wer begreift, was es heißt, Jesus zu lieben und um
Jesu willen sich selbst zu verachten.
Um des Geliebten willen muss man von dem, was man liebt, ablassen,
denn Jesus will allein über alles geliebt sein.
Die Liebe zum Geschöpf ist trügerisch und unbeständig;
die Liebe zu Jesus treu und beharrlich.
Wer einem Geschöpf anhängt, fällt mit dem Hinfälligen;
wer Jesus umfasst, steht fest in Ewigkeit.
Den liebe und behalte dir zum Freunde, der dich nicht verlässt,
wenn alle dich verlassen, der nicht duldet, dass du am Ende zugrunde
gehst. Du musst dich einst von allen trennen, ob du willst oder nicht.
Halte dich im Leben und im Tode an Jesus und vertraue dich seiner
Treue an. Er allein kann dir helfen, wenn alle versagen.
Es gehört zum Wesen deines Geliebten, dass er keinen Fremden
duldet; er will vielmehr allein dein Herz besitzen und als König
in ihm thronen.
Wüsstest du dich von allem Geschöpflichen zu befreien,
würde Jesus gern bei dir wohnen.
Sozusagen alles wird sich dir als Fehlschlag erweisen, was du nicht
auf Jesus, sondern auf Menschen erbaut hast.
Vertraue nicht einem schwanken Rohr und verlass dich nicht darauf.
Denn die ganze Welt gleicht dem Grase, und all ihre Pracht verdorrt wie
eine Wiesenblume (vgl. Jes 40, 6-7).
Du wirst bald betrogen sein, wenn du nach der äußeren
Erscheinung der Menschen urteilst.
Wenn du bei anderen Trost und Vorteil suchst, wirst du oft Schaden
erleiden. Suchst du in allem Jesus, wirst du ihn überall finden.
Wenn du aber dich selbst suchst, wirst du auch nur dich selbst finden,
aber zu deinem Verderben.
Denn wenn jemand Jesus nicht sucht, schadet er sich selbst mehr,
als die ganze Welt und alle seine Feinde es vermöchten.
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 2, 2016, S. 39-41, Axams)