Gebete zur Gottesmutter Maria von Thomas von Kempen - 4. Buch
Viertes Buch:
Die Fürbitte Mariens
1. Gebet über die Liebe und den Ruhm der Jungfrau Maria
Ich bitte dich, gütigste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, dich zu würdigen, deine Barmherzigkeit und zärtlichste Liebe, von der du stets erfüllt bist, mir, deinem armen und schwachen Diener, jetzt und fortwährend kundzutun und den innersten Fasern meines Herzens deine Süßigkeit einzuträufeln, die du in deinem Herzen trägst und in deinem allerheiligsten Schoß verborgen hältst. Denn ich möchte dich, gebenedeite Mutter, und deinen einzigen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, mit reinem und lauterem Herzen über alles lieben und voll Ehrfurcht loben. So wird mir ein großes Gut zuteil, daß ich alle Tage meines irdischen Lebens dir und deinem Sohn mit Liebe und geistlicher Inbrunst diene. O goldene Rose, ganz lieblich
und schön, Jungfrau Maria, möge - so bitte ich - mein inständiges und stürmisches Flehen zu dir gelangen, womit ich am Eingang deiner Wohnung im Haus des Herrn anklopfe. In der gegenwärtigen Stunde vertraue ich auf deine überströmende Barmherzigkeit, in welcher Bedrängnis und Schwierigkeit ich mich auch befinden mag. Denn du bist die Mutter der Barmherzigkeit und durch dich erlangt der Sünder die stärkste Hoffnung auf Verzeihung.
Aber deine Güte und Barmherzigkeit ist größer als was wir auf Erden ausdenken können, weil du jedes Lob und jeden Ruhm der Heiligen übertriffst und in deiner Liebenswürdigkeit und Sanftheit, selige Jungfrau und verehrungswürdige Herrin, auch den Engeln voranstehst. Woher könnte andernfalls den armen Sündern eine so große Wonne reichlichen Trostes, eine so große Zuversicht auf Verzeihung gewährt werden? Denn du wirst nicht versiegen, da in dir neun Monate lang die Quelle unendlicher Güte ruhte, Jesus Christus. Du bist die Zierde des Himmels der Himmel, du bist die Freude und der Jubel aller Heiligen. Du bist das goldene Ruhekissen des Heiligen der Heiligen, du bist das Jauchzen und die Erwartung der alten Väter.
Durch dich, gesegnete Mutter und einzigartig auserwählte Jungfrau, wird allen, welche die göttliche Barmherzigkeit anflehen, Nachlaß der Sünden, das Leben unter den Kindern Gottes und eine bleibende Glückseligkeit ohne Ende im Reich der Himmel geschenkt und versprochen. 0 strahlend leuchtender Stern am Himmel, du Königin des Himmels! O Herrin der Welt, keine andere mit himmlischer Tugend geschmückte Jungfrau kann mit deiner jungfräulichen Schönheit verglichen werden! Denn du bist nach deinem einzigen Sohn Jesus Christus die erste unter allen Heiligen und das erhabenste Geschöpf, das Gott Vater seit Ewigkeit vorherbestimmt und in der Fülle der Zeit erschaffen hat, auf daß du seinem einziggeborenen Sohn dessen unbefleckte Mutter seiest. Ihn hast du geboren mit unaussprechlicher Freude und ewig bestaunenswertem Wunder zum Heil aller Gläubigen.
Allerseligste und schönste Königin aller Jungfrauen, wirksame Vermittlerin der ganzen Welt, du fortwährend jungfräuliche Maria, das ganze Menschengeschlecht möge dich also mit frohestem Herzensjubel und reinster Zärtlichkeit loben, preisen, hoch verehren und innig lieben.
Und alle Kreatur des Himmels und der Erde, die Gott zum Lob und Ruhm seines allerheiligsten Namens geschaffen hat, spiele dir wohlklingende Melodien des Dankes. Amen.

2. Gebet für das Mitleiden mit Christus und seiner geliebten Mutter
Ich beuge meine Knie vor dir, Herr Jesus Christus, den ich für mich am Kreuz hängen sehe. Ich grüße dich, o verehrungswürdiges Bild meines gekreuzigten Herrn Jesus Christus; durch sein Blut bin ich losgekauft aus der Hand des Feindes. Sei gegrüßt, Heiland der Welt, du hast diesen
bittersten Tod für mich ertragen. Ich bitte dich, liebster Jesus, gewähre mir im Übermaß deiner Barmherzigkeit, mit dir alle Qualen mitzufühlen, besonders aber mit deiner allerheiligsten Mutter mit ganzer Herzenskraft mitzuleiden und zusammen mit dem heiligen Apostel Johannes unter dem Kreuz reichlich zu weinen.
Wisse aber, daß es für mich jetzt tröstlich wäre, wenn ich vor dem Bild deines Kreuzes auch äußerliche Tränen als Zeichen tiefen Mitleids vergießen könnte. Du hast dein Kostbares Blut für mich allzu oft im Übermaß vergossen.
Weil aber jede gute Gabe von dir kommt, erfülle diese meine Sehnsucht zu deiner Ehre: Von dieser Stunde an und für immer möge das Gedächtnis an dein heiligstes Leiden in mir eifrig entzündet werden, reichlicher wachsen und immer tiefer empfunden werden - zusammen mit dem einzigartigen Andenken an deine glorreiche Mutter und deinen Lieblingsjünger Johannes, ihren stets treuesten Beschützer. Dieses Gedächtnis mache schließlich meinen
Lebenswandel vollkommener.
Außerdem sei deine Kreuzigung das Zentrum meiner Betrachtung, der Schmerz deiner Mutter mein Trost und die Tränen des heiligen Johannes meine Fürsprache. Möge der Anblick deines so qualvollen Todes nicht ohne tiefes Mitleiden meines Herzens bleiben. Sooft ich also dein Leiden mir ins Gedächtnis rufe oder dich als Gekreuzigten sehe, verleihe, daß ich im Inneren meines Herzens das fühle, was du schon vielen Frommen erfahren ließest, der du lebst und regierst als Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

3. Gebet zur seligen Jungfrau Maria um besonderen Trost
Barmherzigste Gottesmutter Maria, nimm deinen Diener an, der sich in jeder Bedrängnis zu dir flüchtet. Nimm mich als jemanden an, gütigste Jungfrau, der allein keinen Tröster hat. O meine Herrin, sieh an meine Betrübnis und öffne mir den Schoß deiner Barmherzigkeit. Siehe, ich klopfe an und rufe, ich bitte und flehe. Ich entferne mich nicht und lasse dich nicht los, sondern ich werde immer in deiner Nähe bleiben, bis du dich meiner erbarmst. Ich weiß um deine unvergleichbare Liebenswürdigkeit, ich kenne die Zärtlichkeit deines mütterlichen Herzens, das aus dem Reichtum der göttlichen Liebe entspringt, so daß es völlig unverständlich wäre, an deinem Trost zu zweifeln.
Deshalb wende ich mich ganz häufig und zuversichtlich an dich: Ob es mir gut oder auch schlecht ergeht, immer möge ich es verdienen, von deiner gnadenvollen Hilfe beschützt zu sein und von den süßen Tröstungen deines Mundes erquickt zu werden. Wenn du nämlich Trostesworte sprichst, welche Traurigkeit kann dann noch im Herzen sein? Oder wie wird der Feind jemandem schaden können, dem es freisteht, immer von neuem zu dir zurückzukehren? Deshalb, o gütigste Mutter, neige jetzt deine demütigen Ohren meinen Bitten zu. Reiche mir, strahlende Jungfrau, deinen Krug und gib mir ein klein wenig zu trinken aus der Fülle deiner Gnade, die im Übermaß in dir verborgen ist. Überschütte mich mit einer kleinen Stärkung: Sie ist mir im Augenblick sehr notwendig, zu jeder Zeit willkommen und wegen ihrer Unaufdringlichkeit niemals überdrüssig. Denn schon ein kleiner Tropfen, der aus deinem Mund über meine Lippen träufelt, ist von solch großer und vorzüglicher Wirkung, daß im Vergleich dazu alles Angenehme in diesem Leben wertlos und ein Nichts ist.
Deswegen, geliebteste Maria, reich und freigebig in den Gaben, wunderbar und lieblich in den Worten der Gunst: Kräftige mich durch deine heilsamen Ermahnungen. In deinem jungfräulichen Schoß wohnte die höchste Weisheit. Der Heilige Geist nämlich heiligte dich von Anfang an, der Engel behütete dich, der Erzengel unterrichtete dich und die Kraft des Allerhöchsten umschattete dich. Sprich nur ein Wort und meine Seele wird getröstet. Ich
verlange nicht irgendeine schwierige oder unmögliche Sache, sondern ich erbitte nur dies eine, meine Herrin: Sage mir ein Wort des persönlichen Trostes, das meinem Gehör Freude und Wonne gibt. In meiner Not komme ich zu dir, nimm mich an mit gütigem Blick. Dein Diener wird daran erkennen, daß er Gnade vor deinen Augen gefunden hat, wenn du ihm etwas Liebevolles verleihst und wenn du den Trost, den er von dir erwartet, nicht länger verzögerst.
Geliebteste Maria, komm mit deiner süß duftenden Gegenwart und besuche mein Herz in seiner Bedrängnis, weil du am besten verstehst, seine Schmerzen zu lindern und den früheren Frieden wiederherzustellen. Komm, gütigste Herrin, mit einer neuen Gnade Christi und richte mit deiner heiligen Rechten deinen am Boden liegenden Knecht auf. Komm, auserwählte Mutter Gottes, und zeige mir den wohlbekannten Reichtum deiner Barmherzigkeit, weil ich, wie du siehst, zunichte gemacht bin. Aber ich habe dich nicht vergessen und werde in Ewigkeit dich nicht vergessen. Komm also, komm, du meine Hoffnung und meine Wonne, geliebte und süße Jungfrau Maria. Wenn du nämlich kommst und mit mir Zwiesprache hältst, wird ebenso alles Gute kommen, Schlechtes wird dagegen fernbleiben. O wie erwünscht, wie bedeutend und freudig wird es mir sein, ein Wort der Mutter meines Herrn Jesus Christus zu hören! Aber welches Wort? Jedenfalls ein liebevolles Wort, ein sehr zärtliches und vertrautes Wort, das bereits der heilige Apostel Johannes von seinem geliebten Meister, deinem Sohn, gehört hat, als er zu ihm sprach: Siehe, deine Mutter! Dieses Wort hörte jener von seinem Herrn; ich dagegen wünsche dasselbe zu hören von dir, meine Herrin, im Geist und frommen Gemüte. Sprich also zu mir: Siehe, deine Mutter! Schau, hier bin ich! Bei dieser deiner gütigsten Stimme wird meine Seele gesund und sie empfindet in deiner Gegenwart Freude, wie gewöhnlich der Sohn sich freut, wenn er seine Mutter wiedergefunden hat. Es trete ein, ja es trete ein diese vertraute Stimme in das Gehör meines Herzens und aus dem zärtlichen Zuspruch deines Mundes ströme zugleich ein einzigartig geistlicher Trost des Heiligen Geistes. Mein Herz schöpfe neue Zuversicht, die Furcht schwinde und Zweideutigkeit beunruhige mich nicht mehr weiterhin. Die Verzweiflung lahme mich nicht mehr mit verschiedenen Versuchungen, sondern dieses Wort tröste mich, das ich wünsche von dir zu hören und meinem Herzen aufmerksam anzuvertrauen: Siehe, deine Mutter!
Umarme jetzt, meine Seele, diese Empfehlung, umarme die liebste Maria, umarme die Gottesmutter mit ihrem kleinen Sohn Jesus, dem Schönsten unter den Menschenkindern, der stets Dank verdient. Maria selber ist nämlich gewohnt, die Bitten der Armen anzuhören, und sie entläßt nicht ungetröstet, deren beharrliches Rufen zu ihr sie wahrnimmt. Sie ist jene jungfräuliche Gottesträgerin und jener geheimnisvoller Zweig, der aus königlichem Geschlecht abstammt und den Samen der göttlichen Blume hervorbrachte, Jesus Christus, den König und Erlöser aller. Ihm sei die Ehre und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

4. Gebet zur seligen Jungfrau Maria bei aufkommender Bedrängnis
Gegrüßt seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, frohe Jungfrau Maria! Sei gegrüßt, du einzigartige Hoffnung der Bedürftigen! Sei gegrüßt, du gütige Mutter der Waisenkinder! O Maria! Wenn alle Tore des Himmels verschlossen sind und mir wegen meiner Sünden von allen Seiten der Zugang zu Gott verwehrt ist, wenn mich jede Einsicht und Kraft des Verstandes verläßt und ich mich in keiner Sache selber helfen kann, wenn Überdruß an diesem gegenwärtigen Leben und Ängstlichkeit des Herzens mich so lahmen, daß ich fast kein Gefallen mehr an dieser Welt habe, wenn die Sonne des Frohsinns in eine Nacht der Angst und Trauer versinkt, wenn die Kraft der himmlischen Tröstung schwindet und eine schwere Trostlosigkeit
mich bedrängt, wenn Stürme von Versuchungen sich erheben und Erschütterungen durch Leiden aufkommen, wenn sogar eine unvermutete Schwäche eintritt oder irgendeine andere Widerwärtigkeit mir zustößt: Wenn das alles auf mich kommt, wohin soll ich flüchten, wohin mich wenden, wenn nicht zu dir, du gütigste Trösterin der Armen? Und wohin soll ich blicken, um den Hafen der Rettung zu erreichen, wenn nicht zu dem hellsten Meeresstern, der immer leuchtet und niemals die Huld seines Lichtes verbirgt?
0 Maria, geliebte und süße Mutter, du bist dieser hellste Meeresstern! Du spendest allen, die auf dich schauen und zu dir rufen, Trost und geleitest sicher zum Hafen der Stille. Also nehme ich heute zu dir Zuflucht und erbitte inständig von dir Hilfe, weil du von deinem Sohn leicht erlangen wirst, was immer du auch willst. Wenn du, o glorreiche Herrin, für mich bist, wer wird dann gegen mich sein? Und wenn du mir gnädig bist, wer ist es, der mich abweisen könnte? Breite also jetzt deine Arme über mich aus, damit ich mich unter sie flüchte. Sprich zu meiner Seele: »Ich bin deine Fürsprecherin, fürchte dich nicht. Wie die Mutter ihren Sohn tröstet, so werde auch ich dich trösten«.
Dies ist deine Stimme, o geliebte Maria. Aber wer verhilft meinem Herzen, diese Stimme auch immer zu hören? Wie süß sind deine Worte meiner Kehle. Sprich, meine Herrin, zum Herzen deines Dieners, weil dein Diener hört. Ich bin dein Diener und der Diener deines Sohnes.
Aber ich gehe noch weiter: Du bist meine Mutter und Jesus, dein Sohn, ist mein Bruder. Ich kann dies zuversichtlich sagen, da du Jesus nicht nur für dich, sondern für die ganze Welt geboren hast. Deshalb will ich auf Erden keine andere als meine Mutter anrufen. Ich lehne es ab, eine andere Mutter zu haben als dich allein, du Gottesgebärerin. Es ist dir keine ähnlich in der Tugend und Zierde, in der Liebe und Sanftmut, in der Gottesfurcht und Liebenswürdigkeit, in der Treue und im mütterlichen Trost, in der Barmherzigkeit und im vielfältigen Mitleid. Heute erwähle ich dich und nehme dich an. Heute übergebe ich mich dir voll Vertrauen und wünsche, daß dies durch dich in Ewigkeit bestätigt wird. Es genügt mir Schwachem nämlich, wenn ich fest mit dir verbunden bin. Deswegen werde ich mich freuen, bei dir reichlich Trost erfahren und hochherzig das Lob auf deinen heiligen Namen besingen.
Wie schön und liebenswürdig bist du, meine Herrin, heilige Maria, voll jeder Gnade. Wenn jemand die Sterne des Himmels zu zählen vermochte, könnte er auch deine Tugenden erklären. Wie nämlich der Himmel von der Erde entfernt ist, so hoch erhoben steht dein Leben über dem Leben der Menschen. Und der Glanz deines Ruhmes ragt unter allen Chören der Engel heraus. Möge also jetzt mein ärmliches Gebet zu dir, meiner edelsten Herrin, aufsteigen und meine Sehnsucht zu dir gelangen, damit du vor dem Angesicht deines Sohnes für meine Sache eintrittst. Denn nach seinem Urteil wird von ihm niemand als unschuldig gefunden. O gütigste Herrin, aus inniger Liebe und tiefem Vertrauen heraus, das ich zu dir hege, habe ich dir meinen Fall kundgetan und werde ihn gewiß auch weiterhin kundtun! Ich fühle nämlich, daß von dir eine große Kraft ausgeht, und das Andenken an deinen Namen wird für meine Seele immer ein Trost sein.
O süßester Name Mariens, o Name der Heilung und der Gnade, welcher immer gedacht, immer ausgesprochen und verehrt werden muß! O himmlischer und wahrhaft engelgleicher Name, welcher bekanntlich durch den Mund des Evangelisten den Gläubigen liebevoll offenbart wurde, und zwar mit den Worten: Und der Name der Jungfrau war Maria (Lk 1,27). O heiligste und allen Lobes überaus würdige Maria! Du Pforte des Himmels, du Tür zum Leben, du Tempel Gottes, du Heiligtum des Heiligen Geistes! Was immer an Schönheit und Liebenswürdigkeit ich unter den Geschöpfen sehe, was immer an Größe und Tugendhaftigkeit ich bei den Heiligen Gottes bewundere: Alles wünsche ich deiner erhabenen Größe anzugleichen.
Denn es ist würdig (und recht), daß ich mich zusammen mit allen Geschöpfen deinem fortwährenden Lob zuwende, die ich mir nun als besondere Mutter und treueste Fürsprecherin erwählt habe. Und so hoffe ich nach diesem Leben die Herrlichkeit deines gebenedeiten Sohnes Jesus Christus zu erlangen. Amen.

5. Gebet zur seligen Jungfrau Maria um eine gute Todesstunde
O liebevollste Gottesgebärerin, allzeit Jungfrau Maria, du bist überreich an wunderbarer Wonne, wie sie der menschliche Geist nicht zu ersinnen und auszusprechen vermag. Siehe, hier bin ich, dein Diener, und verneige mich mit inniger Zuneigung meines Herzens demütig vor deinem glorreichen Thron, der über alle Chöre der Engel im himmlischen Reich erhoben ist. Du hast dies deshalb verdient, ehrwürdigste Mutter Gottes, weil du unter allen Töchtern Jerusalems als die Demütigste gefunden wurdest und du, schöne Jungfrau, in seinen Augen Wohlgefallen fandest und keine auf der ganzen Erde dir gleich war.
Noch einmal beuge ich mich vor dem Schemel deiner Füße und verlange danach, dich mit ehrfürchtigen Lippen und reinem Herzen gebührend zu grüßen und zu loben. Aber ich weiß, auserwählte Mutter, daß ich nicht würdig bin, meine unreinen Augen, die ich allzu oft durch die Begierde des Fleisches, durch die Begierde der Augen und durch die Hoffart des Lebens beschmutzt habe, zu deinem klarsten Angesicht zu erheben, das vom göttlichen Lichtglanz strahlt und der Bewunderung des ganzen himmlischen Heeres würdig ist.
Du bist mit ganz reinen Lippen, roten Rosen und goldenen Blumen in jeder Hinsicht voll Anmut geschmückt. Ich bin da wegen meiner Unreinheit verwirrt und denke traurig an meine Unwürdigkeit. Aber wegen deiner großen Barmherzigkeit schöpfe ich wieder gute und feste Hoffnung, Gnade und volle Vergebung rasch zu erlangen. Denn du zeigst dich mir gütig und trittst für mich ein. Was kann ich anderes von der barmherzigsten Mutter und
liebevollsten Jungfrau denken, als daß sie eine barmherzige und zärtliche Zuflucht für mich und alle Sünder ist? Wegen dieser Milde und Sanftmut fliehe ich unter deinen Schutzmantel, wo die Schwachen Kraft erhalten und die Gefangenen die Befreiung. Sei also mir und meinem Herzen eine barmherzige und gütige Mutter, damit ich nun voll Freude erfahren darf: Du bist die Trösterin aller, besonders all' deiner Diener, und das zuverlässige Heilmittel aller, die auf dich hoffen.
Außerdem bitte ich dich, glorreichste Gottesmutter Maria, nicht darin zu ermüden, von diesem gegenwärtigen Augenblick an bis zur Todesstunde mit gewogenem, klarem Blick und liebreichem Herzen auf mich zu schauen.
Nimm mich vielmehr in deinen Schutz und breite mütterlich deine heiligsten Arme über mich aus, wohin ich auch gehen mag.
Wenn aber mein letzter Tag kommen wird, den ich nicht kenne, und die Todesstunde, die ich sehr fürchte, der ich aber nicht entkommen kann, o gütigste Herrin - meine einzige Zuversicht in jeder Bedrängnis, besonders aber in der Todesstunde - dann denke an mich! Steh mir bei, wenn mein Leben endet, und stärke meine ängstliche Seele. Schütze sie vor jenen schrecklichen und unreinen Geistern, damit sie sich mir nicht zu nähern wagen.
Deine gnadenvolle Gegenwart würdige sich, zusammen mit einer Schar von Engeln und Heiligen meine Seele zu besuchen. Bevor ich aus diesem Leben scheide, versöhne auch eifrig mit deinen lauteren Bitten das göttliche Angesicht deines Sohnes, den ich so oft und so schwer durch meine Sünden beleidigt habe.
Dann nimm meine arme Seele auf, die aus dieser Verbannung auszieht, und führe sie durch die Pforten des Himmels ein in die lieblichen Wohnungen des Paradieses. Stelle mich neben dir und sprich für mich bei deinem Sohn, dem König aller Zeiten, ein gutes und sanftes Wort. Du hast aus dem Mund Gabriels jenen gebenedeiten Gruß empfangen; durch seine Kraft würdige dich, mich im Leben und im Sterben zu bewahren. Gib mir, ich beschwöre
dich, daß ich diesen Gruß oft mit andächtigem Herzen kundtun kann zum Lob und Ruhm deines süßen und gesegneten Namens.
Nimm schließlich die Bitte deines Dieners an, die er gerade vor dir ausspricht; und schaue auf mich, barmherzigste Mutter Jesu, Jungfrau Maria, über alles Geliebte, und denke immer an mich. Sollte ich dich aber einmal vergessen, passiert dies auf alle Fälle zu meinem großen Bedauern. Aber du, vergiß mich dennoch nicht! Du hast ja die Barmherzigkeit für alle Menschen geboren.
Ich grüße dich nun, Jungfrau Maria: Schau, ich grüße dich auf den Knien, ich verneige mich in frommer Ergebung vor dir und sage dir mit gefalteten Händen Dank.
Und damit du mein Gebet gerne hörst und erhörst, will ich außerdem dein Antlitz noch einmal mit dem ehrwürdigen Gruß ehren:
Gegrüßt seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus Christus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

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