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| "Die Kirchengeschichte und insbesondere die Heiligsprechungsprozesse stellen eine Dokumentation dar, die selbst im Lichte der strengsten historischen Kritik und der medizinischen Wissenschaft die Existenz jener Kraft aus der Höhe (Lk 24,49) belegt, die in der Ordnung der Natur wirkt und gleichzeitig über sie hinausgeht" (Johannes-Paul II. Am 13. Januar 1988). |
Renan widerlegt
Das Wunder, von dem wir nun berichten, geschah im 17.Jahrhundert.
Es handelt sich weder um einen Traum noch um eine Fabel, sondern um eine
Begebenheit, die in allen Einzelheiten durch unwiderlegbare historische
Beweise bezeugt ist. Und diese Begebenheit widerlegt die Behauptung Renans
ein für allemal! Die Person, an der das Wunder geschah, Miguel Juan
Pel-licer. ist dank zahlreicher Dokumente aus dem Archiv der Pfarrei von
Calanda (in der Provinz Aragon in Nordspanien), gut bezeugt.
Miguel Juan Pellicer wurde am 25. März 1617 getauft. Er war
das zweite von acht Kindern und stammte aus einer bescheidenen Bauernfamilie,
die nach einem tugendhaften Leben strebte. Die
Bildung der Kinder beschränkte sich auf den Katechismus. In diesem
elementaren Religionsunterricht wurzelte Miguels schlichter und fester
katholischer Glaube, der sich auf den regelmäßigen Empfang der
Sakramente sowie eine inbrünstige und kindliche Liebe zur Jungfrau
Maria stützte, die in Zaragoza als Nuestra Seriora del Pilar (Unsere
Liebe Frau von der Säule) und Patronin Spaniens verehrt wurde.
Mit 19 oder 20 Jahren verdingte sich Miguel als Landarbeiter bei einem
Onkel in der Provinz Valencia. Als er Ende Juli 1637 zwei Maulesel vor
einem mit Weizen beladenen Wagen zum Hof lenkte, fiel er vom Gespann; eines
der Räder überfuhr sein Bein unterhalb des Knies und brach ihm
das Schienbein.
Sein Onkel Jaime brachte den Verletzten unverzüglich in die
benachbarte Kleinstadt, dann rund 60 km weiter nach Valencia, wo er am
3. August eintraf. Miguel blieb fünf Tage dort; es wurden ihm verschiedene
Medikamente verabreicht, doch sie zeigten keine Wirkung. So reiste er nach
Zaragoza zurück und kam dort Anfang Oktober 1637 an. Erschöpft
und fiebernd wurde er in das Real Hospital de Gracia aufgenommen. Er wurde
dort von Prof. Juan de Estanga, Chef der chirurgischen Abteilung, sowie
von zwei weiteren ausgebildeten Chirurgen, untersucht. Da alle drei Ärzte
einen fortgeschrittenen Wundbrand am Bein diagnostizierten, hielten sie
eine Amputation für das einzige Mittel, das Leben des Kranken zu retten.
Als sie später vor den Richtern aussagten, beschrieben die Mediziner
das Bein als "sehr phlegmonös und brandig". Mitte Oktober führte
Estanga die Operation durch: er trennte das rechte Bein "vier Fingerbreit
unterhalb des Knies" ab. Obwohl der Patient durch ein damals übliches
narkotisierendes alkoholisches Getränk betäubt war, litt er qualvolle
Schmerzen. "In seiner Pein rief der junge Mann ununterbrochen und mit großer
Inbrunst die Jungfrau del Pilar zu Hilfe. Ein Student der Chirurgie namens
Juan Lorenzo Garcia sollte das abgetrennte Bein auf dem dafür vorgesehenen
Teil des Krankenhausfriedhofs würdig begraben. Zu jener Zeit gebot
die Achtung vor dem zur Auferstehung bestimmten Leib, daß selbst
abgetrennte Gliedmaßen pietätvoll behandelt wurden. Garcia bezeugte
im Nachhinein, daß er das Beinstück "in einem eine Handbreit
tiefen Loch", das entspricht nach der in Aragon üblichen Maßeinheit
21 Zentimetern, beerdigt hatte.
Die Macht der Mutter Gottes
Noch bevor die Wunde völlig vernarbt war, begab sich Miguel
nach einigen Tagen Krankenhausaufenthalt zum rund einen Kilometer entfernten
Heiligtum del Pilarunö dankte Unserer Lieben Frau dafür, daß
"sie ihm das Leben gerettet habe, so daß er ihr weiter dienen und
sie weiter verehren könne"; dann bat er sie inständig um ihren
Beistand, damit er "von seiner Arbeit leben könne". Im Frühjahr
1638 wurden ihm von der Krankenhausverwaltung ein Holzbein sowie eine Krücke
ausgehändigt. Zum Überleben blieb dem jungen Mann nichts anderes
übrig, als "pordiosero", d.h. ein vom Stiftskapitel del Pilar autorisierter
Bettler zu werden. Zaragoza zählte damals 25.000 Einwohner: Die meisten
von ihnen kamen täglich vorbei, um die "Jungfrau zu grüßen".
Die Leidensmiene des jungen Krüppels, der sie um eine milde Gabe bat,
zog die Aufmerksamkeit unzähliger Besucher auf sich. Miguel nahm jeden
Tag an der heiligen Messe in der Kirche teil; wenn die Messe zu Ende war,
pflegte er seinen Beinstumpf mit dem Öl der vor der Statue Unserer
Lieben Frau immer brennenden Lampen einzusalben. Professor Estanga konnte
ihm noch so oft erklären, daß dadurch die Vernarbung der Wunde
verzögert werden könnte, Miguel fuhr mit dem andächtigen
Salben seines Beins fort: Dieser Akt des Glaubens an die Macht der Jungfrau
war ihm wichtiger als alle Gesundheitsregeln. An jenem 29. März versuchte
Miguel den Seinen zu helfen, indem er die Tragkörbe auf dem Rücken
seines kleinen Esels mit Mist belud. Er tat das neunmal hintereinander,
obwohl es ihm schwerfiel, sich auf seinem Holzbein aufrecht zu halten.
Als es dann Abend wurde, ging er müde ins Haus, wobei sein Stumpf
noch mehr wehtat als gewöhnlich. Diese Nacht mußte die Familie
Pellicer auf Befehl des Gouverneurs einen Soldaten der königlichen
Kavallerie beherbergen: Miguel mußte ihm sein Bett überlassen
und auf einer Matratze auf dem Boden im Schlafzimmer seiner Eltern übernachten.
Er legte sich gegen zehn Uhr hin. Er hatte sein Holzbein abgenommen und
breitete einfach einen viel zu kurzen Mantel über sich, um seinen
Körper zuzudecken, denn er hatte seine Bettdecke an den Soldaten abgetreten;
dann schlief er ein «
Wieder zwei Füße und
zwei Beine
Gegen elf Uhr betrat Miguels Mutter mit einer Öllampe in der
Hand das Zimmer. Sofort stieg ihr ein "lieblicher Duft" in die Nase. Neugierig
hielt sie die Lampe höher: Unter dem Mantel, mit dem ihr tief schlafender
Sohn zugedeckt war, schauten zwei Füße hervor, nicht nur einer;
"ein Fuß über dem anderen". Bestürzt holte sie ihren Mann;
dieser hob den Mantel hoch: Kein Zweifel, da waren zwei Füße,
jeder am Ende eines Beins! Sie hatten einige Mühe, ihren Sohn zu wecken.
Als dieser sich nach und nach bewusst wurde, was passiert war, war er ganz
verzückt; das erste Wort, das ihm über die Lippen kam, war die
Bitte an seinen Vater, "ihm die Hand zu reichen und alle Kränkungen
zu vergeben, die er ihm jemals zugefügt hatte". Diese spontane und
unmittelbare Reaktion der Demut bei jemandem, dem ein Wunder widerfahren
ist, ist ein deutlicher Hinweis auf den göttlichen Ursprung des Wunders.
Als die Eltern Miguel voller Rührung fragten, ob er "eine Ahnung häte,
wie das passiert sei", antwortete dieser, er wüsste es nicht; doch
als er aus dem Schlaf geweckt worden sei, "hätte er gerade geträumt,
er sei in der heiligen Kapelle del Pilar und würde, wie er es gewohnt
war, seinen Beinstumpf mit dem Öl einer Lampe einsalben". Er war sich
auch sofort sicher, daß ihm Unsere Liebe Frau del Pilar sein abgetrenntes
Bein wiedergeschenkt hatte. Am folgenden Montag bestätigten seine
Eltern ihrerseits vor dem Notar, sie "seien der Ansicht, daß die
Allerheiligste Jungfrau del Pilar ihren Sohn, unseren Erlöser, um
dieses Wunder gebeten und es von Gott erhalten hatte, und zwar wegen der
Gebete Miguels oder, weil das ihr verborgener Wille war". Diese Christen
hatten völlig klar erkannt, daß nicht die Gottesmutter selbst
die Wunder "tut", sondern sie durch ihre Fürbitte von der heiligen
Dreifaltigkeit erhält. Mag die heilige Jungfrau auch noch so geliebt
und verehrt werden, sie wird nicht als eine heidnische Göttin betrachtet,
sondern als Mittlerin zwischen uns und ihrem Sohn, gemäß ihrer
Mutterrolle, die dieser ihr zuwies, als er zum hl. Johannes sagte: „Siehe
da, deine Mutter!" (Joh 19,27).
Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, begann der junge Mann
sein Bein zu bewegen und zu betasten. Bei näherer Betrachtung wies
es Merkmale auf, die seine Echtheit belegten: Zunächst war da die
von dem Wagenrad hinterlassene Narbe, als ihm das Schienbein gebrochen
worden war; zwei tiefe, von einem Dornengewächs hinterlassene Kratzer;
schließlich die Spuren eines Hundebisses an der Wade. Miguel und
seine Eltern waren sich demnach sicher, daß die heilige "Jungfrau
del Pilar" von Gott, unserem Herrn, das Bein wiederbekommen hat, welches
mehr als zwei Jahre zuvor beerdigt worden war". Sie beeideten das ohne
zu zögern vor den Richtern in Zaragoza. Eine Zeitung aus jener Zeit,
der "Aviso Histórico", schrieb am 4. Juni 1640, einen Tag vor Prozessbeginn,
das beerdigte Bein sei trotz aller Nachforschungen auf dem Hospitalfriedhof
von Zaragoza nicht gefunden worden: Das Loch, in welches es gelegt worden
war, sei leer!
Wie vor den Kopf geschlagen
Bereits am frühen Morgen des 30. März verbreitete sich
die unglaubliche Nachricht im ganzen Dorf. Don Juseppe Herrero, der Vikar
der Gemeinde, eilte zu den Pellicers, gefolgt vom Friedensrichter, vom
Bürgermeister, vom königlichen Notar und zwei Ärzten aus
Calanda. Alle waren wie vor den Kopf geschlagen, als sie ihn wieder mit
seinem rechten Bein erblickten, obwohl sie ihn bis zum Vorabend nur einbeinig
gesehen hatten. Der durch ein Wunder geheilte Miguel beichtete und empfing
während der vom Pfarrer zelebrierten Dankmesse die heilige Kommunion.
Doch das Bein sah anfänglich nicht schön aus: Es war violett
verfärbt, die Zehennägel waren verkrümmt, die Muskeln verkümmert,
und vor allem war das Bein um einige Zentimeter kürzer als das andere.
Es dauerte drei Tage, bis es wieder normal aussah und seine Gelenkigkeit
sowie seine Kraft wiedergewonnen hatte. Diese Umstände, die beim Prozess
sorgfältig dokumentiert und untersucht wurden, bestätigen, daß
es sich nicht um einen Zaubertrick handelte; sie beweisen, daß das
wiedergeschenkte Bein dasselbe Bein war, welches zwei Jahre und fünf
Monate zuvor und über 100 km weit entfernt beerdigt worden war «
Im Juni bestätigten Zeugen vor den Richtern in Zaragoza, daß
Miguel "seine Ferse auf die Erde drücken, die Zehen bewegen
und ohne Schwierigkeiten laufen kann". Darüber hinaus wurde festgehalten,
daß das wiedergeschenkte Bein seit Ende März "um beinahe drei
Fingerbreit gewachsen" und nun ebenso lang war wie das andere. Ein einziges
Mal an diesem Bein verschwand nicht: die Narbe, die einen roten Kreis an
der Stelle bildete, wo die beiden Beinteile zusammengewachsen waren. Das
war gleichsam ein unauslöschliches Zeichen des Wunders.
"Ein Wunder müsste demnach durch eine bestimmte Anzahl von
vernünftigen Menschen festgestellt werden, die keinerlei Interesse
an der Sache haben", forderte Voltaire. "Und ihre Zeugenaussagen müssten
in korrekter Form aufgezeichnet werden: Denn wenn wir so viele Formalitäten
bei Vorgängen wie einem Hauskauf, einem Ehevertrag oder einem Testament
beachten müssen, wie viele wären dann eigentlich bei der Überprüfung
von Natur aus unmöglicher Dinge notwendig?" (Artikel "Wunder" in seinem
Philosophischen Wörterbuch).
unwiderlegbare Urkunde
Genau solch eine Urkunde war 120 Jahre vorher in Calanda erstellt
worden. Am 1. April 1640, einem Montag sowie dem vierten Tag nach dem Wunder,
machten sich der Pfarrer sowie ein Vikar aus Mazaleon, einem 50 km entfernten
Dorf, zusammen mit dem königlichen Notar vor Ort auf den Weg, um die
Wirklichkeit der Fakten zu überprüfen und eine offizielle Urkunde
darüber auszustellen.
(Quelle: unbek.)