Heroldsbach: Das „Jawort" Mariens - aus himmlischer Weisheit
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Am 25. März 2004 zelebrierte + Kardinal Leo Scheffczyk anläßlich des Hochfestes Maria Verkündigung in der Gebets- und Wallfahrtsstätte Heroldsbach ein Pontifikalamt, bei dem er nachfolgende Predigt hielt. Der Kardinal dachte an diesem Festtag insbesondere über die Weisheit Marias nach und darüber, welche Bedeutung auch wir dieser Tugend in unserem Leben beimessen sollten. Die Gottesmutter wird in Heroldsbach besonders unter dem Titel 
„Mutter der göttlichen Weisheit" verehrt.

Das Hochfest „Maria Verkündigung" oder „Verkündigung des Herrn" ist eines der ältesten Muttergottesfeste. Seine besondere Bedeutung besteht darin, daß mit diesem Ereignis der Anfang des Lebens Jesu Christi im Schoß seiner Mutter gesetzt wurde und damit auch der Anfang unserer Erlösung. Das Evangelium aber lenkt unsere Aufmerksamkeit auch auf das äußere Geschehen, in dem sich das Geheimnis ankündigte: auf die Erscheinung des Engels, auf das Gespräch Marias mit dem Engel und auf das Jawort der „Magd des Herrn". Es ist nicht zu übersehen, daß der Evangelist Lukas großen Wert auf die Darstellung dieser Szene legt. Er will uns klar machen, daß das Jawort von Seiten Marias wichtig und notwendig war, um die Menschwerdung Christi zu ermöglichen und die Erlösung der Menschheit in Gang zu bringen. Ohne das Jawort Mariens hätte unsere Erlösung nicht geschehen können; denn Maria stand hier an Stelle der ganzen erlösungsbedürftigen Menschheit. Darum ist Maria Mithelferin unserer Erlösung geworden.

   Maria - Sitz der Weisheit
Wenn wir die einzigartige Bedeutung dieses Jawortes der Gottesmutter bedenken, können wir auch verstehen, welche große geistige Leistung in dieser Tat des Glaubens und des Gehorsams Marias gelegen war. Maria mußte in diesem kurzen Gespräch mit dem Engel eine Entscheidung fällen, die das Schicksal des Menschengeschlechtes für Zeit und Ewigkeit bestimmte. Zu einer solchen treffenden Entscheidung bedurfte es vieler Überlegung, tiefer Erkenntnis des göttlichen Wortes und innerlichen Verständnisses für den Plan Gottes. Das alles mußte sich in wenigen Augenblicken in der Seele Marias zusammenfinden, damit sie auf das ungewöhnliche Angebot die richtige Antwort geben und das scheinbar so einfache Jawort sprechen konnte. Dazu war auf Seiten Marias eine besondere Wachheit des Geistes notwendig, ein erleuchteter Verstand, ein tiefreichendes Wissen, ja sogar das, was wir als das reichste, gründlichste Wissen bezeichnen: die Weisheit.
Darum ist es berechtigt, wenn wir an diesem Festtag einmal über Marias Weisheit nachsinnen, über jenen Vorzug, der ihr zuerkannt ist, wenn sie als „Mutter der Weisheit" oder als „Sitz der Weisheit" benannt wird.
Dazu bedarf es freilich eines gewissen Verständnisses der geistigen Tugend der Weisheit, deren Kenntnis der modernen Welt beinahe entschwunden ist. Heute strebt man mehr nach Wissen als nach Weisheit, weil Wissen Macht bedeutet, die man zur Beherrschung der Welt und zur Steigerung der Lebenslust braucht. Für uns Christen sollte es aber nicht so schwer sein, die Tugend der Weisheit zu verstehen, weil sie als Wirklichkeit und als Gestalt bereits im Alten Testament tief verankert ist.
Es gibt im Alten Testament einen ganzen Block zusammengehöriger Bücher, die als Weisheitsliteratur bezeichnet werden und die nur von der Weisheit handeln. Sie wird als Lehrerin aller Künste dargestellt, als Inhaberin der Wissenschaften, als Beraterin der Menschen, als Helferin in ihren geistigen Nöten. Sie gilt als eine so lebendige Macht im religiösen wie im geistlichen Leben, daß sie sogar leibliche Gestalt annimmt und als Person, als „Frau Weisheit" dargestellt wird. Aber sie ist eine überirdische Person und ragt über alles Irdische hinaus in die himmlische Welt hinein. Sie hat etwas Gottähnliches, ja, Gottgleiches an sich. So wird sie „Tochter Gottes" genannt, die zwar von Gott geschaffen wurde, aber die dem Schöpfer schon zur Seite stand, als er die Welt erschuf und gestaltete.
Nach dem Alten Testament vermag die Weisheit vom Throne Gottes aus mit ihrer geistigen Macht auch auf das irdische Leben einzuwirken. Sie steht an den Kreuzungspunkten, den Weggabelungen des Lebens der Menschen und wirkt als Predigerin und Mahnerin auf sie ein. In besonderer Weise hat sie ihr Zelt, ihre Wohnung in Jerusalem aufgeschlagen, wo sie vor allem im Gesetz Jahwes gegenwärtig wird und sich so den Menschen schenkt.

Weisheit - ein Gnadengeschenk Gottes
Deshalb heißt es in einem Worte aus dem Buch Hiob, das uns bereits viel vom Wesen der Weisheit aufschließt: „Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht" (vgl. Hiob 28,28; Spr 1,7; 9,10). Aber es gibt im Alten Testament auch mit der Weisheit besonders innig verbundene Menschen, die als Träger der Weisheit dargestellt werden, wie der weise König Salomo, dem man die Abfassung der Psalmen zuschrieb.
Mit dieser hohen Auffassung von der göttlichen Weisheit verband sich auch der Glaube, daß die Weisheit Gottes als Macht Gottes von ihm den Menschen nur aus Gnade mitgeteilt wird, damit sie ganz im Sinne Gottes denken, handeln und leben. Weisheit war ein Gnadengeschenk Gottes, das freilich die Beschenkten in besonderer Weise zu einem Leben des Einsseins mit Gott und seinem Geist verpflichtete.

Wer so vom Alten Testament her über die Macht und Gnade der Weisheit belehrt wird, der muß unwillkürlich an Maria denken, die als „Tochter Zion" die höchste Frucht des Alten Israel war, in der sich die Geschichte des alttestamentlichen Bundesvolkes vollendete und auch die Weisheit Israels ihren Gipfelpunkt gewann. Von diesem Gipfel aus streckte sich Maria Christus entgegen und gab ihm als Mutter Wohnung in ihrem gläubigen Herzen. Wir können uns diese vorbehaltlose Hingabe Marias gar nicht recht erklären, wenn wir annehmen würden, daß sie gänzlich aus eigener Kraft gekommen und die Leistung eines gewöhnlichen Menschen gewesen wäre.
Wir müssen vielmehr annehmen, daß dies ein vom Licht des Heiligen Geistes und der Gnade erfülltes Geschehen war, in dem die auf Maria niedergegangene Weisheit Gottes sich offenbarte, die von da an aber immer auf Maria blieb, so daß die Christen sie später mit Recht als den „Sitz der Weisheit" rühmen konnten; denn zuletzt besteht die Weisheit im Wort Gottes, das in Maria Mensch geworden ist.
Daß Maria aber von der göttlichen Weisheit erfüllt war, zeigt sich nicht nur in der Verkündigungsszene, es beweist sich im ganzen Leben Mariens an der Seite Jesu Christi bis hin unter das Kreuz. Einen herausragenden Beweis dieser Weisheit bietet Maria bei der ersten öffentlichen Offenbarung Jesu Christi auf der Hochzeit zu Kana.
Sie allein vermochte die Bedeutung dieser außergewöhnlichen Situation im Leben Jesu zu verstehen und zu begreifen, daß es hier um die Offenbarung seiner Gottheit vor dem Glauben der Jünger ging. Weil sie tiefer blickte, vermochte sie auch die angebliche Abweisung Jesu ihrer Bitte „sie haben keinen Wein mehr" zu verstehen und den Menschen ihre Überzeugung zu vermitteln in dem Wort an die Diener: „Was er euch sagt, das tut".
 
Mit diesem Anspruch hat sie ein immer gültiges Wort der Weisheit vor uns aufgerichtet, das als bleibendes Programm für unser eigenes Sein und Leben in der Weisheit gelten darf; denn vollkommener können wir die Weisheit in unserem Leben nicht verwirklichen, als wenn wir das tun, was Christus sagt, der als der Sohn des Vaters die göttliche Weisheit selber ist.

Weisheit - eine tätige, praktische, aktive Tugend
Aber die höchste Bekräftigung ihrer Weisheit leistet Maria unter dem Kreuz. An ihrem Mitleiden und Mitopfern mit Christus wird erkennbar, daß die Weisheit eine tätige, praktische, aktive Tugend ist, die sich im Mitwirken mit Gott in Jesus Christus beweist und die auch und gerade im Leid ihre Bewährung erfährt; denn das mit Christus ertragene Leid macht den Menschen zu einem Mitarbeiter an der Erlösung und zu einem Mitwisser um den höchsten Plan Gottes mit der Welt, nämlich durch Leiden in die Vollendung zu gelangen. Maria wäre nicht unsere Mittlerin und unsere Mutter, Mutter der Kirche, geworden, wenn sie nicht wissen- und weisheitsvoll unter dem Kreuz ausgeharrt hätte. Seit ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel aber hat sie ihren „Sitz der Weisheit" wieder im Himmel neben dem Sohn aufgeschlagen, gleichsam an dem Ort, von dem alle Weisheit ausgeht, vom Dreifaltigen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Von dorther kann sie uns so wie ihre Gnade, auch die göttliche Weisheit in einem machtvollen Strom vermitteln und uns zukommen lassen. Von ihrer himmlischen Höhe her, die sie zu einer alle Welt überragenden Gestalt und Macht erhebt, vermag sie uns nicht nur unaufhörlich Gnade und Weisheit zu spenden, sie vermag uns mit ihrer Vorbildkraft an sich und an Jesus Christus heranzuziehen, so daß wir göttliche Weisheit direkt und unmittelbar aufnehmen und an ihr Anteil gewinnen können.
Jeder wird erkennen, wie wichtig das für uns ist in dieser Situation von Welt und Kirche. Wenn wir diese Situation mit einem inneren Blick zu erfassen suchen, der schon nicht ohne das Licht der Weisheit möglich ist, dann werden wir feststellen: Die Menschen der modernen Welt sind, aufs Ganze gesehen, mit ihrer Gier nach weltlicher Macht, nach irdischem und persönlichem Erfolg, nach Lebenslust und Lebensqualität nicht glücklicher geworden. Es fehlt dieser Jagd nach dem Leben und dieser Hast nach Mehr und nach besserem Leben der innere Sinn, die geistige Mitte und die lebendige Seele.
Im Alten Testament wird auch die Torheit manchmal in menschlicher Gestalt dargestellt, wie im Mittelalter die „Frau Welt", die den Menschen glänzende Versprechungen macht, sie aber zuletzt nur enttäuscht und narrt. Die Welt wird heute mehr von menschlicher Torheit als von göttlicher Weisheit beherrscht. Sie hält sich mehr an die alte Eva als an die neue Eva, die von Maria verkörpert wird. Aus dem Munde der Torheit gehen die großen Wirrnisse hervor: Maria aber vermag uns als Inhaberin der göttlichen Weisheit den Sinn und die Seele allen menschlichen Tuns zu erschließen. Um dem heutigen Sog der Sinnlosigkeit des Lebens zu entgehen, müssen wir gleichsam den Sinn Gottes und der Welt neu aufdecken, müssen die Gedanken Gottes denken und seinen Plan mit der Menschheit und der Welt neu zu entziffern suchen. Es bedarf heute einer gewaltigen Kurskorrektur des menschlichen Daseins, einer neuen Weichenstellung, angefangen vom Terrorismus im Großen bis hin zu moralischer Entfremdung des Einzelnen, damit der Zug des Menschlichen nicht entgleist und an der Sinnlosigkeit auffährt. Diese Kurskorrektur liegt in der Besinnung auf das Göttliche im Menschen, auf den Adel der Menschenschöpfung, auf die Bestimmung zu einem göttlichen Ziel, hinter dem das rein Irdische zurückstehen muß. Dies alles ist aber in der Gestalt und im Leben Marias verwirklicht.

In einem der Weisheitsbücher des Alten Testaments, von dem wir ausgingen, heißt es an einer Stelle über die göttliche Weisheit: „In ihr ist der Geist, sie ist gedankenreich, mannigfaltig und zart, beweglich, unbefleckt, wohltätig, menschenfreundlich. In ihrer Reinheit durchdringt sie alles, ein Ausfluß der Herrlichkeit des Allherrschers. Sie ist schöner als die Sonne und strahlender als das Licht".
Die Kirche hat in ihrer Liturgie diese Worte auf Maria übertragen, in ihr leuchtet das Bild der Mutter der Weisheit auf, das uns am Tage der Verkündigung mit seinem Glanz und seiner Schönheit wieder umstrahlt. Wir wollen an diesem Tage dieses Bild in unser Leben einprägen, dann wird uns eine himmlische Lebenskraft geschenkt werden, vor der alle irdischen Lebenskünste und alle Angebote des Glücks wie Spreu und Stroh sind.
In Maria besitzen wir das Angebot eines Lebens in der ewigen Weisheit. Dafür sollen wir unendlich dankbar sein, es aber auch mit Herz und Sinn ergreifen.
(Quelle: "Bote von Fatima" Nr. 3/2006, S. 34ff., Regensburg)


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