Der Glorreiche Rosenkranz
Dr. Anton Hostnik, Graz
1. Der von den Toten auferstanden ist
Mit dem Tode Jesu ist für die Apostel eine Welt zusammengebrochen. Sie haben ihren Beruf aufgegeben und sind Jesus nachgefolgt. Jetzt sind sie fassungslos und verzweifelt. Keiner denkt mehr daran, daß Jesus während seiner Lehrtätigkeit und noch auf dem Wege zum Ölberg auf seine Auferstehung hingewiesen hat. Im Gegensatz dazu konnten sich die Hohenpriester und Pharisäer sehr wohl erinnern, daß Jesus, als er noch lebte, gesagt hat: »Nach drei Tagen werde ich auferstehen«, sie baten Pilatus daher, daß er das Grab bis auf den dritten Tag bewachen lasse (Mt 27,63-64). Ja selbst, als die frommen Frauen vom Grabe zurückkamen und berichteten, daß Jesus auferstanden sei, glaubten die Apostel nicht daran und hielten ihre Worte für ein törichtes Gerede.
Nur von Maria kann angenommen werden, daß sie die Hinweise ihres Sohnes in Erinnerung behalten hat, denn sie hat ja auch die Worte der Hirten von Bethlehem behalten, und auch die Vorgänge bei der Auffindung ihres Kindes im Tempel in ihrem Herzen bewahrt (Lk 2,19 u. 51-52). Aus ihrer Hoffnung auf die Auferstehung ihres Sohnes dürfte sie daher die Kraft geschöpft haben, so tapfer unter dem Kreuze auszuharren.
Beim leeren Grabe hat ein Engel die frommen Frauen angesprochen und ihnen gesagt: »Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden ... gehet hin und saget seinen Jüngern, besonders dem Petrus, daß er euch vorangehe nach Galiläa« (Mk 16,6-7).
Aus diesem Gespräch geht eindeutig hervor, daß diese Mitteilung nur für die Jünger bestimmt war. Was aber ist mit Maria, sollte sie erst durch die Apostel von der Auferstehung ihres Sohnes erfahren? Das aber ist einfach undenkbar! Maria hat auf Grund ihrer Stellung als Mutter des Erlösers wohl das erste Anrecht darauf diese Frohbotschaft zu erfahren. Es ist daher mit Sicherheit anzunehmen, daß sie schon vor diesem Zeitpunkt in einer anderen Weise von der Auferstehung Kenntnis erlangt haben dürfte. Nachdem der auferstandene Heiland schon mehreren Personen erschienen war, erschien er später den Elfen, da sie zu Tische saßen. Er verwies ihnen ihren Unglauben und ihre Herzenshärte, daß sie denen nicht geglaubt, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. Er sprach zu ihnen: »Gehet hin in alle Welt und verkündet die Frohbotschaft allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden« (Mk 16,14-17). Das sind Worte des Herrn selbst, an denen nicht zu rütteln ist; und stehen in einem krassen Widerspruch zum »Dialog«.

2. Der in den Himmel aufgefahren ist
Seine Himmelfahrt hat Jesus bereits in seinen früheren Reden angekündigt, indem er sagte: »Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch einen Platz zu bereiten« (Jo 14,2). »Nun aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und niemand von euch fragt mich: Wohin gehst du? ... Es ist gut für euch, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn euch senden« (Jo 16,5 u. 7).
Nachdem der Auferstandene durch 40 Tage seinen Jüngern erschienen war, hielt er ihnen eine Abschiedsrede und befahl ihnen: »Jerusalem nicht zu verlassen, sondern die Verheißung des Vaters abzuwarten. ... Denn Johannes taufte mit Wasser, ihr aber sollt in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden« (siehe Apg 1,4). Dann führte er sie von Galiläa nach Bethanien zu, wo auf der mittleren Höhe des Öl-berges seit damals die Stätte der Himmelfahrt verehrt wird. »Er erhob seine Hände und segnete sie. Während er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr in den Himmel hinauf« (Lk 24,50-51). In der Apostelgeschichte wird dieser Augenblick noch etwas ausführlicher geschildert: »Er ward vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken. Als sie unverwandt zum Himmel schauten, während er hinging, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen. Diese sprachen: "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel hinauf? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel« (Apg 1,9-11). Wenn auch von einer Anwesenheit Mariens nicht berichtet wird, so ist kaum anzunehmen, daß sie diesem außergewöhnlichen Ereignis ferngeblieben ist, wo sie doch am engsten mit ihrem Sohn verbunden war. Sie ist eben in ihrer großen Demut und Bescheidenheit ganz zurückgetreten, damit ihr göttlicher Sohn ganz im Vordergrund stehe. »Dann kehrten sie nach Jerusalem zurück. Als sie hineingekommen waren, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie sich gewöhnlich aufhielten... alle verharrten einmütig im Gebete mit Frauen, besonders Maria, der Mutter Jesu« (Apg 1,12-14). Auch daraus kann man schließen, daß Maria mit den Aposteln gemeinsam nach Jerusalem zurückgekehrt sein wird.

3. Der uns den Heiligen Geist gesandt hat
In der Erwartung auf das Kommen des Heiligen Geistes war die im Obergemach versammelte Schar von ungefähr 120 Personen durch neun Tage im Gebet vereint. Diese Zeitspanne wurde später daher auch für die neuntägigen Novenen gewählt. Diese urchristliche Gebetsgemeinschaft war ausgezeichnet durch die Anwesenheit der Jungfrau Maria, denn sie hatte auf die Botschaft des Verkündigungsengels schon den Heiligen Geist empfangen. Daher war es Gottes Wille, daß auch dieses zentrale Ereignis der Geistsendung mit und durch Maria erfolge. Deshalb ist ihre Anwesenheit auch ausdrücklich in der hl. Schrift erwähnt.
»Am Tage des Pfingstfestes begann um die dritte Stunde (neun Uhr) des Tages ein Brausen; gleich eines daherfahrenden heftigen Windes und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Auch erschienen ihnen zerteilte Zungen in feuriger Gestalt, und als sich je eine auf jeden einzelnen von ihnen niederließ, wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in verschiedenen Sprachen zu sprechen« (Apg 2, 1-4). Ebenso wird berichtet, daß vor der Taufe des römischen Hauptmannes Kornelius und seiner Verwandten sowie seiner nächsten Freunde, während Petrus noch zu ihnen redete, »auch über die Heiden die Gnade des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. Denn sie hörten sie in fremden Sprachen reden und Gott lobpreisen« (Apg 10, 44^4-6). Dazu stellt sich die Frage, weshalb in den späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten keine sichtbaren Ausgießungen des Heiligen Geistes mehr erfolgten? Der Grund wird wohl der gewesen sein, weil die Sprachenkenntnis für die rasche Ausbreitung des Christentums von entscheidender Bedeutung war, und nur durch den besonderen Gnadenbeistand des Heiligen Geistes möglich war. Die brausenden Winde sind symbolhaft, daß Gottes Geist die Menschen durch Stürme zu neuer Einkehr und Bereitschaft aufrüttelt und aufweckt. Die Feuerzungen sind Zeichen dafür, daß Gottes Geist die Glieder der Kirche durch die Glut des Feuers reinigt. So gibt der Heilige Geist den Ängstlichen Mut zum Bekenntnis und weckt den missionarischen Eifer. Ausgerüstet mit den Gnadengaben des Heiligen Geistes wurden die Apostel befähigt zur Verkündigung der göttlichen Wahrheiten. Und so wurden sie Zeugen bis an die Grenzen der Erde.

4. Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat
Es scheint für uns eine Selbstverständlichkeit, daß Jesus seine Mutter in den Himmel aufgenommen hat. Wer sonst hätte einen berechtigteren Anspruch darauf gehabt, als sie. Maria war nicht nur ohne Makel der Erbsünde, sondern auch das reinste und schönste Geschöpf, das Gott jemals erschaffen hat. Welch eine Freude dürfte es daher unter den Himmelsbewohnern gegeben haben, als sie erfuhren, daß Maria in den Himmel aufgenommen wird. Und in der Tat war Maria eine solche Bereicherung für den Himmel, daß man fast sagen konnte, Gott schuf einen neuen Himmel. Ihr göttlicher Sohn wird ihr ja auch nach seiner Himmelfahrt wohl die schönste Wohnstätte bereitet haben.
Als einziger Mensch war die Jungfrau Maria von der Erbsünde ausgenommen, daher auch von den Folgen der Erbsünde bewahrt. Durch die Sünde ist ja erst der Tod in die Welt gekommen (AT Gen 3,3 NT Rom 5,12). Der Fehler der Eva war der, daß sie überhaupt mit der Schlange einen Dialog geführt hat. Dadurch ist sie überlistet worden. Daher warnt uns die Hl. Schrift vor dem Dialog. Er ist ohne Nutzen und Segen. Auch wenn Christus gestorben ist, so folgt daraus nicht zwingend oder zwangsläufig, daß auch Maria hätte sterben müssen. Christus ist ja freiwillig gestorben, weil dies der Wille des Vaters war (Jo 10,17-18). Die Frage, ob die Aufnahme Mariens in den Himmel über den Tod erfolgte, läßt die Definitionsbulle von Papst Pius XII. über die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel vom 1. November 1950 offen. Historisch zuverlässige Berichte über den Tod gibt es nicht. Der hl. Epiphanius (t 403) wagt nicht zu behaupten, daß Maria gestorben sei. Auch der hl. Hieronymus (t 420), ein zuverlässiger Berichterstatter über die Gräber der Heiligen, weiß über ein Mariengrab nichts. Die möglichen Annahmen hierüber beziehen sich auf Jerusalem bzw. Ephesus. Möglich wäre es allerdings, daß Maria freiwillig den Tod auf sich genommen hat, um gleich ihrem Sohne drei Tage im Grabe zu verbringen.
Maria ist unter dem Kreuz nach dem Willen ihres göttlichen Sohnes auch unsere Mutter geworden. Sie hat diese Aufgabe ganz ernstgenommen. Schon als sie noch auf Erden lebte, war sie den Aposteln und ersten Christen die beste Helferin und Ratgeberin. Erst recht aber hat sie sich vom Himmel aus um uns Menschen gekümmert, indem sie immer wieder in wunderbarer Weise in die Geschicke einzelner Menschen und ganzer Nationen eingegriffen hat, um drohendes Unheil abzuwenden. Man denke nur an die Türkenzeit und die Seeschlacht von Lepanto vor mehr als 400 Jahren. Sie verdient daher unsere ganze Liebe.

5. Der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönet hat
Jesus hat von sich selbst ausgesagt, daß er ein König sei. Danach ist aber auch seine Mutter eine Königin. Da sie auf Erden die Magd des Herrn war, hat sie Gott erhöht und sie nach der Aufnahme in den Himmel zur Königin des Himmels und der Erde gemacht, und sie mit einer Krone gekrönt. Durch ihre Krone wird ihre Teilnahme am Königtum ihres Sohnes ausgedrückt. Damit ist Maria auch die Vermittlerin aller Gnaden geworden.
Maria war von der Erbsünde ausgenommen und hat in ihrem ganzen Leben nicht die geringste Sünde begangen, sonst hätte ja auch der Sohn Gottes nicht Wohnung in ihr nehmen können. Sie hat auch im Gegensatz zu uns Menschen nichts abzubüßen gehabt; und trotzdem war ihr ganzer Lebensweg ein ständiger Kreuzweg. Es ist ihr wahrlich kein Leid erspart geblieben. Aus den Evangelien sind ja nur jeweils die Höhepunkte ihrer Opfer und Leiden überliefert worden, so der beschwerliche Gang nach Bethlehem mit der ergebnislosen Herbergsuche, die Flucht nach Ägypten, der Verlust des zwölfjährigen Knaben, schließlich die qualvollen Stunden unter dem Kreuze ihres Sohnes. Konnte ein Leid größer sein als das ihre?
Dafür durfte sie auch in die Herrlichkeit ihres Sohnes eingehen und die Krone des ewigen Lebens empfangen. Aber auch im Himmel ist sie nicht untätig. Sie ist ja die ständige Fürsprecherin am Throne Gottes, um in ihrer Muttersorge den Menschen Hilfe und Rettung zu bringen, das zeigen nicht zuletzt die vielen Marienerscheinungen in den letzten Jahrhunderten.
Die Stelle in der Geheimen Offenbarung, in der es heißt: »Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau mit der Sonne umkleidet, der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen« (Offb 12,1), wurde schon sehr früh in der Kirche auf Maria bezogen. Aus diesen Worten kann man ermessen, welch überragende Stellung und hohe Würde Maria überhaupt besitzt.
Wenn man es heute wagt, ihren königlichen Herrschaftsanspruch in Frage zu stellen, was selbst innerhalb der Kirche geschieht, man denke nur an die wohlwollende Duldung und sogar Förderung des blasphemischen Musicals »Ave Eva« in vielen Pfarren, dann gilt es, ihre alle Menschen und Engel überragende Hoheit und Würde zu verteidigen. Sie aber wird uns unter ihren Schutzmantel stellen, damit wir diese apokalyptische Zeit unbeschadet bestehen können.
(Quelle: "Dienst am Glauben", Heft 3 - 1994, S. 84ff., Innsbruck)



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