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Fürbitte der heiligen Jungfrau Maria

Das Heilswerk Jesu im Leben Mariens
Thomas von Kempen, aus der Nachfolge Mariens
(Fortsetzung und Schluss)

Die Fürbitte Mariens

4. Gebet zur seligen Jungfrau Maria bei aufkommender Bedrängnis
Gegrüßt seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, frohe Jungfrau Maria! Sei gegrüßt, du einzigartige Hoffnung der Bedürftigen! Sei gegrüßt, du gütige Mutter der Waisenkinder! O Maria! Wenn alle Tore des Himmels verschlossen sind und mir wegen meiner Sünden von allen Seiten der Zugang zu Gott verwehrt ist, wenn mich jede Einsicht und Kraft des Verstandes verlässt und ich mich in keiner Sache selber helfen kann, wenn Überdruss an diesem gegenwärtigen Leben und Ängstlichkeit des Herzens mich so lähmen, dass ich fast kein Gefallen mehr an dieser Welt habe, wenn die Sonne des Frohsinns in eine Nacht der Angst und Trauer versinkt, wenn die Kraft der himmlischen Tröstung schwindet und eine schwere Trostlosigkeit mich bedrängt, wenn Stürme von Versuchungen sich erheben und Erschütterungen durch Leiden aufkommen, wenn sogar eine unvermutete Schwäche eintritt oder irgendeine andere Widerwärtigkeit mir zustößt: Wenn das alles auf mich kommt, wohin soll ich flüchten, wohin mich wenden, wenn nicht zu dir, du gütigste Trösterin der Armen? Und wohin soll ich blicken, um den Hafen der Rettung zu erreichen, wenn nicht zu dem hellsten Meeresstern, der immer leuchtet und niemals die Huld seines Lichtes verbirgt?
O Maria, geliebte und süße Mutter, du bist dieser hellste Meeresstern! Du spendest allen, die auf dich schauen und zu dir rufen, Trost und geleitest sie sicher zum Hafen der Stille. Also nehme ich heute zu dir Zuflucht und erbitte inständig von dir Hilfe, weil du von deinem Sohn leicht erlangen wirst, was immer du auch willst. Wenn du, o glorreiche Herrin, für mich bist, wer wird dann gegen mich sein? Und wenn du mir gnädig bist, wer ist es, der mich abweisen könnte? Breite also jetzt deine Arme über mich aus, damit ich mich unter sie flüchte. Sprich zu meiner Seele: „Ich bin deine Fürsprecherin, fürchte dich nicht. Wie die Mutter ihren Sohn tröstet, so werde auch ich dich trösten."
Dies ist deine Stimme, o geliebte heilige Maria. Aber wer verhilft meinem Herzen, diese Stimme auch immer zu hören? Wie süß sind deine Worte meiner Kehle. Sprich, meine Herrin, zum Herzen deines Dieners, weil dein Diener hört. Ich bin dein Diener und der Diener deines Sohnes.
Aber ich gehe noch weiter: Du bist meine Mutter und Jesus, dein Sohn, ist mein Bruder. Ich kann dies zuversichtlich sagen, da du Jesus nicht nur für dich, sondern für die ganze Welt geboren hast. Deshalb will ich auf Erden keine andere als meine Mutter anrufen. Ich lehne es ab, eine andere Mutter zu haben als dich allein, du Gottesgebärerin. Es ist dir keine ähnlich in der Tugend und Zierde, in der Liebe und Sanftmut, in der Gottesfurcht und Liebenswürdigkeit, in der Treue und im mütterlichen Trost, in der Barmherzigkeit und im vielfältigen Mitleid. Heute erwähle ich dich und nehme dich an. Heute übergebe ich mich dir voll Vertrauen und wünsche, dass dies durch dich in Ewigkeit bestätigt wird. Es genügt mir Schwachem nämlich, wenn ich fest mit dir verbunden bin. Deswegen werde ich mich freuen, bei dir reichlich Trost erfahren und hochherzig das Lob auf deinen heiligen Namen besingen.
Wie schön und liebenswürdig bist du, meine Herrin, heilige Maria, voll jeder Gnade. Wenn jemand die Sterne des Himmels zu zählen vermochte, könnte er auch deine Tugenden erklären. Wie nämlich der Himmel von der Erde entfernt ist, so hoch erhoben steht dein Leben über dem Leben der Menschen. Und der Glanz deines Ruhmes ragt unter allen Chören der Engel heraus. Möge also jetzt mein ärmliches Gebet zu dir, meiner edelsten Herrin, aufsteigen und meine Sehnsucht zu dir gelangen, damit du vor dem Angesicht deines Sohnes für meine Sache eintrittst. Denn nach seinem Urteil wird von ihm niemand als unschuldig gefunden. O gütigste Herrin, aus inniger Liebe und tiefem Vertrauen heraus, das ich zu dir hege, habe ich dir meinen Fall kundgetan und werde ihn gewiss auch weiterhin kundtun! Ich fühle nämlich, dass von dir eine große Kraft ausgeht, und das Andenken an deinen Namen wird für meine Seele immer ein Trost sein.
O süßester Name Maria, o Name der Heilung und der Gnade, welcher immer gedacht, immer ausgesprochen und verehrt werden muss! O himmlischer und wahrhaft engelgleicher Name, welcher bekanntlich durch den Mund des Evangelisten den Gläubigen liebevoll offenbart wurde, und zwar mit den Worten: "... und der Name der Jungfrau war Maria (Lk 1,27). O heiligste und allen Lobes überaus würdige Maria! Du Pforte des Himmels, du Tür zum Leben, du Tempel Gottes, du Heiligtum des Heiligen Geistes! Was immer an Schönheit und Liebenswürdigkeit ich unter den Geschöpfen sehe, was immer an Größe und Tugendhaftigkeit ich bei den Heiligen Gottes bewundere: Alles wünsche ich deiner erhabenen Größe anzugleichen.
Denn es ist würdig (und recht), dass ich mich zusammen mit allen Geschöpfen deinem fortwährenden Lob zuwende, die ich mir nun als besondere Mutter und treueste Fürsprecherin erwählt habe. Und so hoffe ich nach diesem Leben die Herrlichkeit deines gebenedeiten Sohnes Jesus Christus zu erlangen. Amen.

5. Gebet zur seligen Jungfrau Maria um eine gute Todesstunde
O liebevollste Gottesgebärerin, allzeit reinste Jungfrau Maria, du bist überreich an wunderbarer Wonne, wie sie der menschliche Geist nicht zu ersinnen und auszusprechen vermag. Siehe, hier bin ich, dein Diener, und verneige mich mit inniger Zuneigung meines Herzens demütig vor deinem glorreichen Thron, der über alle Chöre der Engel im himmlischen Reich erhoben ist. Du hast dies deshalb verdient, ehrwürdigste Mutter Gottes, weil du unter allen Töchtern Jerusalems als die Demütigste gefunden wurdest und du, schöne Jungfrau, in seinen Augen Wohlgefallen fandest und keine auf der ganzen Erde dir gleich war.
Noch einmal beuge ich mich vor dem Schemel deiner Füße und verlange danach, dich mit ehrfürchtigen Lippen und reinem Herzen gebührend zu grüßen und zu loben. Aber ich weiß, auserwählte Mutter, dass ich nicht würdig bin, meine unreinen Augen, die ich allzu oft durch die Begierde des Fleisches, durch die Begierde der Augen und durch die Hoffart des Lebens beschmutzt habe, zu deinem klarsten Angesicht zu erheben, das vom göttlichen Lichtglanz strahlt und der Bewunderung des ganzen himmlischen Heeres würdig ist.
Du bist mit ganz reinen Lippen, roten Rosen und goldenen Blumen in jeder Hinsicht voll Anmut geschmückt. Ich bin da wegen meiner Unreinheit verwirrt und denke traurig an meine Unwürdigkeit. Aber wegen deiner großen Barmherzigkeit schöpfe ich wieder gute und feste Hoffnung, Gnade und volle Vergebung rasch zu erlangen. Denn du zeigst dich mir gütig und trittst für mich ein. Was kann ich anderes von der barmherzigsten Mutter und liebevollsten Jungfrau denken, als dass sie eine barmherzige und zärtliche Zuflucht für mich und alle Sünder ist? Wegen dieser Milde und Sanftmut fliehe ich unter deinen heiligen Schutzmantel, wo die Schwachen Kraft erhalten und die Gefangenen die Befreiung. Sei also mir und meinem Herzen eine barmherzige und gütige Mutter, damit ich nun voll Freude erfahren darf: Du bist die Trösterin aller, besonders all deiner Diener, und das zuverlässige Heilmittel aller, die auf dich hoffen.
Außerdem bitte ich dich, glorreichste Gottesmutter Maria, nicht darin zu ermüden, von diesem gegenwärtigen Augenblick an bis zur Todesstunde mit gewogenem, klarem Blick und liebreichem Herzen auf mich zu schauen.
Nimm mich vielmehr in deinen Schutz und breite mütterlich deine heiligsten Arme über mich aus, wohin ich auch gehen mag.
Wenn aber mein letzter Tag kommen wird, den ich nicht kenne, und die Todesstunde, die ich sehr fürchte, der ich aber nicht entkommen kann, o gütigste Herrin - meine einzige Zuversicht in jeder Bedrängnis, besonders aber in der Todesstunde - dann denke an mich! Steh mir bei, wenn mein Leben endet, und stärke meine ängstliche Seele. Schütze sie vor jenen schrecklichen und unreinen Geistern, damit sie sich mir nicht zu nähern wagen. Deine gnadenvolle Gegenwart würdige sich, zusammen mit einer Schar von Engeln und Heiligen meine Seele zu besuchen. Bevor ich aus diesem Leben scheide, versöhne auch eifrig mit deinen lauteren Bitten das göttliche Angesicht deines Sohnes, den ich so oft und so schwer durch meine Sünden beleidigt habe.
Dann nimm meine arme Seele auf, die aus dieser Verbannung auszieht, und führe sie durch die Pforten des Himmels ein in die lieblichen Wohnungen des Paradieses. Stelle mich neben dich und sprich für mich bei deinem Sohn, dem König aller Zeiten, ein gutes und sanftes Wort. Du hast aus dem Mund des heiligen Erzengels Gabriel jenen gebenedeiten Gruß empfangen; durch seine Kraft würdige dich, mich im Leben und im Sterben zu bewahren. Gib mir, ich beschwöre dich, dass ich diesen Gruß oft mit andächtigem Herzen kundtun kann zum Lob und Ruhm deines süßen und gesegneten Namens.
Nimm schließlich die Bitte deines Dieners an, die er gerade vor dir ausspricht; und schaue auf mich, barmherzigste Mutter Jesu, Jungfrau Maria, über alles Geliebte, und denke immer an mich. Sollte ich dich aber einmal vergessen, passiert dies auf alle Fälle zu meinem großen Bedauern. Aber du, vergiss mich dennoch nicht! Du hast ja die Barmherzigkeit für alle Menschen geboren.
Ich grüße dich nun, Jungfrau Maria: Schau, ich grüße dich auf den Knien, ich verneige mich in frommer Ergebung vor dir und sage dir mit gefalteten Händen Dank.
Und damit du mein Gebet gerne hörst und erhörst, will ich außerdem dein Antlitz noch einmal mit dem ehrwürdigen Gruß ehren:
Gegrüßt seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus Christus. Amen.

(Quelle: Thomas von Kempen in: "Dienst am Glauben", Heft 2, April-Juni 2015, Innsbruck)



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