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Beschützer der Kirche |
Im Jahre 314 hielt
der damalige Kaiser Konstantin sich in Konstantinopel
auf; er hatte sich gerade zu Christus bekehrt - eine Erhörung der
langen, inständigen Gebete der Kaisermutter Helena. Nahe bei der Stadt,
am Tempel der Göttin Vesta, schlief er, von Hitze ermattet, ein.
Da erschien ihm im
Traum ein Engel und sprach: «Ich bin Michael, der Fürst der
himmlischen Heere, ich bin der Beschützer des christlichen Glaubens»,
und stärkte den Kaiser auf diese Weise in seinem jungen Glauben. Höchst
verwundert über die Erscheinung ließ Konstantin an derselben
Stelle, auf der er eingeschlafen war, das Michaelion errichten, eine prächtige
Kirche, die dem Erzengel geweiht ist. Sie blieb bis zum Einfall des Islam
eine Zeugin der machtvollen Hilfe des Erzengels. Zur Zeit dieser unseligen
Eroberung gab es in Konstantinopel und Umgebung nicht weniger als fünfzehn
dem heiligen Michael geweihte Kirchen.
Im Jahr 590 wird Rom
plötzlich von einem verheerenden Ausbruch der Pest heimgesucht. Unter
den Opfern ist auch Papst Pelagius II. Sein Nachfolger Gregor I., der Große,
veranstaltet eine riesige Prozession, um die «Geißel Gottes»
durch Bittgebete und Buße von der heiligen Stadt abzuwenden. Während
der ganzen Prozession trägt der Papst ein Marienbild, dasselbe, das
die Überlieferung dem heiligen Evangelisten Lukas zuschreibt. Noch
heute wird dieses Bild in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore
verehrt. In dem Augenblick, als die Prozession betend und singend über
die Tiberbrücke zieht, erklingt plötzlich vom Himmel her ein
Engelchor mit der Osterhymne «Regina Coeli». Währenddessen
erscheint dem Papst der Erzengel Michael. Das geschah am Fuß des
Mausoleums des Kaisers Hadrian. Seitdem heißt die Brücke «Engelsbrücke».
Und das Mausoleum, die spätere Residenz des Papstes, wurde «Engelsburg»
genannt; die eindrucksvolle Anlage steht bis heute an derselben Stelle.
Was die Pest betrifft, sie war alsbald zu Ende...
Im Jahr 708, zur Regierungszeit
des Königs Childebert, erschien dem Bischof von Avranches, Aubert,
dreimal der Erzengel Michael im Traum, der ihn bat, ihm zu Ehren auf dem
Tombe-Berg eine Basilika zu errichten. Der Berg erhebt sich unweit der
normannischen Küste im Meer. Damals gehörte er, nahe am Ufer
stehend, noch zum Festland.
Der Bischof erfüllte
den Wunsch des Erzengels, dann ernannte er in Erinnerung an die zwölf
Apostel zwölf Priester, die den Kult in dem Heiligtum verrichteten,
zu dem sogleich viele Wallfahrer herbeiströmten. Der Felsen wurde
«Mont Saint-Michel», Michaelsberg, genannt. Schon bald geschahen
dort viele Wunder. Der Bischof erbat von dem Kloster Monte Gargano ein
Stück von dem Felsen, auf dem die erste und bedeutendste der dem heiligen
Erzengel Michael geweihten Wallfahrtsstätten des Westens errichtet
worden ist. Ende des 5. Jahrhunderts unter Papst Gelasius erbaut, dienten
die Basilika und der Wallfahrtsort als Sammelpunkt gegen eine der gefährlichsten
Irrlehren, die damals die Kirche bedrängte, die der Arianer, welche
Jesu Gottheit leugneten. Der heilige Michael ist der Beschützer der
Kirche. Der langwierige Kampf gegen den Arianismus ist unter seiner Leitung
geführt worden. Dieser wurde schließlich besiegt, nachdem es
ihm - wie wir zugeben müssen - geglückt war, einen Großteil
der Bischöfe vom wahren Glauben abzubringen. Auf dem Monte
Gargano, dem Garganoberg, befindet
sich ein mittelalterliches Kleinod der westlichen Kunst, eine prachtvolle
Bronzetür aus dem Jahr 1076, die in der ganzen Welt wegen ihrer Darstellungen
von Engelerscheinungen berühmt ist.
Als die Reliquie vom
Garganoberg auf den Michaelsberg überführt wurde - ein Stück
des Felsens, auf dem der Erzengel gestanden hatte, während er dem
Bischof von Manfredonia, dem heiligen Lorenz Maiorano erschien -, erhielten
zwölf Blinde das Augenlicht wieder, und es wurden viele Kranke geheilt.
Die Erscheinung des heiligen Michael auf dem nach ihm benannten Berg wird
in den Bistümern Coutances und Avranches am 16. Oktober gefeiert.
Nicht zu vergessen
auch die Rolle des Erzengels Michael bei einer der bewegendsten Gestalten
der Menschheitsgeschichte, Johanna
d´Arc, der Hirtin aus Lothringen!
Der heilige Erzengel
Michael erscheint der jungen Hirtin im Jahr 1428: «Steh auf, Johanna,
eile dem König von Frankreich zu Hilfe und gib ihm sein Königreich
wieder!» Wunderbare, «verrückte» Worte des Fürsten
der Himmelsheere an ein sanftes junges Mädchen, das, folgsam und fromm,
keinerlei Erfahrung mit Waffen besitzt... Unüberwindliche Kraft wendet
sich an äußerste Schwachheit! Wenn es Ereignisse gibt, bei denen
der Himmel sich auf die Erde stützt, dann eindeutig bei diesem. Der
Erzengel wird seiner Schutzbefohlenen in den Schlachten unablässig
beistehen, sie beraten und unterstützen. Ein unergründliches
Geheimnis, diese kleine Hirtin, die ihren König zur Krönung nach
Reims führt. Und die kurz danach auf dem Scheiterhaufen verbrennt!
Zuvor hatte Johanna im Gefängnis noch die Freude, ihren heiligen Beschützer
bei sich zu sehen: «Kümmere dich nicht um deinen Martertod,
du kommst ins Paradies.» - «Trug er Kleider?», fragten
die ungerechten Richter Johanna. «Glauben Sie, Gott hätte für
sie nichts anzuziehen?», fragte Johanna mit einer Prise Humor, ja
Spott, zurück. «Hatte er Haare?» - «Warum hätte
er sie sich abschneiden sollen?», erwiderte Johanna im selben Ton.
Als die Flammen in
den Himmel von Rouen emporschlugen und eine der ergreifendsten und reinsten
Heldinnen der unendlichen Saga der Menschen verschlangen, hörten zwei
Priester, die beim Scheiterhaufen standen, wie die Heilige mitten aus den
Flammen den Erzengel Michael anrief.
Hätte der heilige
Michael Johanna nicht befreien können? Ist Jesus auf dem Golgotha
befreit worden? Sein Tod am Kreuz, Johannas Tod auf dem Scheiterhaufen
und der Tod unzähliger Märtyrer seit zweitausend Jahren, sie
sind das Lösegeld, das der Herr zahlt, um das aufrechtzuerhalten,
was die Größe - und gleichzeitig eine furchtbare Herausforderung
- des Menschen ausmacht: die Freiheit, die freie Entscheidung zwischen
dem Guten und dem Bösen.
Der Erzengel versieht
sein Beschützeramt für die Menschen selbstverständlich bis
in unsere Tage hinein - und bis zum Ende der Zeiten.
Am 30. Dezember 1820
hatte die stigmatisierte
Augustinerin Anna Katharina Emmerich
wieder eine Schauung. Sie sah die künftigen Erschütterungen in
der Welt und in der Kirche, die offensichtliche Herrschaft des Teufels.
Die Kirche war blutüberströmt. Dann sah Anna den heiligen Erzengel
Michael in glänzend scharlachroter Kleidung auf der hohen Kuppel von
Sankt Peter zu Rom stehen und eine Kriegsfahne schwenken. «Sie wird
jetzt im Blut gewaschen!», vernahm die Seherin. Die riesige Blutlache
um die Kirche wurde größer. In demselben Maß stießen
immer mehr feindliche Gruppen auf die Reihen der ganz in Weiß gekleideten
Streiter. Über dem Kampfgetümmel sah Anna Katharina eine große
Schar von Heiligen; die triumphierende Kirche wachte über die streitende
Kirche. Sie waren vollkommen(!) eines Sinnes miteinander. Da stieg der
Erzengel, der Anführer der Heere, von dem Dom herunter. Am Ende der
Schlacht erglänzte Michael heller denn je, desgleichen die Kirche.
Immer wird die Kirche in der Schlacht des Lichtes gegen die entfesselten
Legionen des Teufels am Ende obsiegen.
(Quelle: Aus
"Maria heute", Heft 4 - Okt. 2012, S. 22f., Parvis-Verlag, Route de
L´Eglise 71, CH-1648 Hauteville -
parvis.ch.
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