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Das
Wesen der christlichen Freude von hw. H.
Prälat Dr. georg May
Gott hat uns nicht nur zur Arbeit geschaffen und auch nicht nur
zum Kreuztragen. Er hat uns auch für die Freude geschaffen. Gewiß
ist seit der Sünde, seit der ersten Sünde und den zahllosen folgenden
Sünden, die Erde ein Tränental, aber auch in diesem Tränental
gibt es Freuden, viele, ungezählte Freuden, und Gott will, dass wir
diese Freuden sehen, genießen und uns aneignen. Wir sollen die Freuden
zu geheiligten Freuden machen. In jedem Menschen gibt es einen Trieb, einen
Urtrieb, einen unauslöschlichen Trieb zur Freude. Der Mensch trägt
in sich die Sehnsucht nach Glück. Das ist nicht verwunderlich. Wenn
der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, und wenn Gott
die Freude und die Wonne in höchstem Maße, in unausdenklichem
Maße ist, dann muss auch der Mensch für die Freude geschaffen
sein. Er muss Tropfen aus dem Meer der Freude auffangen können, das
Gott ist. Und der Hunger nach Freude ist eine Erinnerung an Gott, der eben
ein Meer von Freude ist und der uns zu seiner ewigen Seligkeit führen
will. Eine Erinnerung an das verlorene Paradies und eine Mahnung, nach
dem verheißenen Paradies zu streben.
Die Freude ist nicht nur ein Trieb, ein Urtrieb, sie ist auch eine
Lebensnotwendigkeit. Der Mensch kann nicht leben ohne Freude. Der Mensch
braucht Freude; so wie er die Sonne braucht, so braucht er die Freude.
Die Arbeit und die Mühen des Tages bedingen, dass wir uns auch erholen
und kräftigen müssen. Man kann nicht immer nur ausgeben und schaffen,
man muss auch einmal sich der Ruhe überlassen und die Hände falten
und am Feierabend sich auf ein Bänklein setzen und ausruhen. Gott
selber hat ja unserer Tätigkeit eine Schranke gesetzt. Er hat uns
die Nacht geschenkt, damit wir ausruhen. Er hat uns den Sonntag gegeben,
damit wir einen Tag der Ruhe und der Freude besitzen. Und der Herr hat
uns durch seinen Apostel den Aufruf ergehen lassen: „Freuet
euch! Freuet euch allezeit im Herrn!"
Welches sind nun die Quellen der Freude? Woher schöpfen wir
die Freude? 0, es sind ihrer viele, meine lieben Freunde, wir müssen
sie nur sehen. Die erste Freude, die uns Gott machen will, ist die Natur.
Der Wald, die Bäume, die Blumen, die Berge, das Meer, der rauschende
Bach, das alles sind Freudenquellen. Die Natur reicht uns Freuden mit ihren
Gaben, ja mit ihrem alleinigen Dasein. Das wogende Kornfeld, die wachsende
Saat, das sind Freuden. Ja selbst der Regen und der Schnee, auf den die
Kinder warten, sind Freudenquellen. Die Natur ist wahrhaftig uns als Geschenk
und Bote Gottes gegeben worden. Sie verweist uns auf die Allmacht und Barmherzigkeit
unseres Herrn. Der Heiland hat diese Freuden zu genießen verstanden.
Er hat auf die Lilien des Feldes verwiesen, und in den stillen Nächten
hat er zu den Sternen emporgeschaut. Der Herr wusste, dass die Natur eine
Quelle der Freude ist.
Zur Natur kommt die Kunst, das, was der Mensch mit dem Werkzeug
und aus den Materien der Erde schafft. Auch das ist eine Freudenquelle.
Die Kunst entschleiert uns, was die Natur verhüllt. In der Kunst spricht
die entschleierte Natur zu uns, die bildende Kunst, die Dichtkunst, die
Tonkunst. Ich glaube, was uns am meisten zu erfreuen vermag, ist die Musik.
Ich bin kein Freund von Lenin, aber Lenin hat einmal das treffliche Wort
gesagt: „Ich könnte den ganzen Tag Beethoven hören." Mir geht
es ähnlich. Die Musik ist eine reine, eine schöne Freude, aus
der wir schöpfen dürfen.
Eine Freude soll auch unsere Familie sein. Die Liebe der Gatten,
die Liebe der Eltern, die Liebe der Kinder, die Liebe der Geschwister,
das sollen tiefe Quellen der Freude sein, das Gemeinschaftsleben in der
Familie, in der wir uns geborgen wissen. Hier soll man ungeschützt
und ungedeckt sprechen und wirken dürfen. In der Familie soll man
sich wohlfühlen; sie soll eine Stätte der Freude sein. Ein englischer
Missionar hat einmal gesagt: „Unsere Mutter machte unser Heim zu einem
Platz, der dem Himmel am nächsten war." Ein wunderbarer Satz. „Unsere
Mutter machte unser Heim zu einem Platz, der dem Himmel am nächsten
war." Die Verzweiflung geht durch die Welt, aber die Familie soll eine
Stätte der Hoffnung und der Freude sein.
Eine Freudenquelle ist auch die Heimat, also das Dorf, die Stadt,
das Land, in dem wir zu Hause sind, wo wir geboren wurden, wo die vertrauten
und verwandten Menschen weilen, wo die Stätten unserer Kindheit und
Jugend liegen, das Gotteshaus, in dem wir getauft wurden, in dem wir die
erste heilige Kommunion empfingen, in dem wir die Sonntagsmesse besuchten,
das ist Heimat. Auch die Schule, in der wir unseren Beruf vorbereiteten,
wo wir lernen durften, das ist Heimat. Der Friedhof, auf dem unsere Verstorbenen
ruhen, das ist Heimat. 0 wie glücklich, wer eine Heimat hat! Die Heimat
ist eine Freudenquelle.
Dazu kommt die Arbeit. Das Schaffen, das Wirken, das Schaffendürfen,
das Wirkendürfen, das ist ein Glück. Mit der Arbeit vermögen
wir auch die Traurigkeit und das Leid zu überbrücken. Mir
sagte einmal einer unserer Kirchenbesucher: „Wer leiden muss, braucht nicht
zu arbeiten." Das ist völlig falsch. Wer leiden muss, der soll doppelt
arbeiten, denn das Leid wird durch die Arbeit überwunden. Die Arbeit
ist ein Trost im Leid. Arbeit heilt Leid am sichersten. Es ist ganz falsch,
wenn man leidet, die Arbeit zu unterlassen. Der Mensch, der arbeitet, ist
niemals ganz unglücklich.
Das sind also die Freudenquellen, die natürlichen Freudenquellen,
die wir erschließen sollen. Dazu treten die übernatürlichen
Freuden, die Freuden, die uns der Glaube eröffnet. Wir denken an Gottvater,
wir dürfen seine Kinder sein. „Wir heißen nicht nur Kinder,
wir sind seine Kinder", sagt Johannes. „Seht, welche Liebe uns der Vater
erwiesen hat, dass wir Kinder Gottes heißen und sind." Er hat uns
geschaffen nach seinem Ebenbild. Wir sind keine Sklaven, sondern freie
Kinder Gottes, Erben seiner Herrlichkeit. Und dieser Gott, der gewaltige
Gott, ist Gesetzgeber. Er gab uns seine Gebote, und seine Gebote sind
der Weg des Lebens. Seine Gebote bewahren uns vor Irrwegen, führen
uns zum ewigen Ziele. „Deine Gebote sind meine Wonne", so beten wir Priester
jeden Sonntag. „Deine Gebote sind meine Wonne, nimmer will ich vergessen
dein Gebot." Wie glücklich dürfen wir sein, dass wir die Gebote
Gottes kennen.
Wir denken an Christus, den Sohn Gottes. Wir kennen sein Leben.
Um seine Wiege, da klang das Gloria der Engel. Er war der Sonnenschein
in Nazareth. Er ging Wohltaten spendend über die Lande. Aus seinem
Munde kamen Worte der Heilsbotschaft, und mit seinem Befehle wurde das
Meer zum Schweigen gebracht und wichen die Krankheiten. Dieser Jesus ist
nicht tot. Er lebt. Er lebt auch in unseren Tabernakeln, und er lebt in
unserem Herzen, wenn wir die heilige Kommunion empfangen. Wir sind Glieder
seines Leibes, und das ist eine Freude. Wir sind erhaben, wahrhaftig erhaben
und erhoben, weil Christus uns erhoben hat.
Wir sind auch Geschöpfe des Heiligen Geistes. Er hat uns neugeboren
im Wasser der Taufe. Er hat uns das Buch der Bücher geschenkt, die
Heilige Schrift. 0 meine Freunde, was ist das ein glückverheißendes
Buch, die Heilige Schrift! Der große Regensburger Bischof Sailer
hat einmal das schöne Wort gesagt: „Leben möchte ich nicht mehr,
wenn ich ihn nicht mehr reden hörte." Wahrhaftig, so ist es. Leben
möchte ich nicht mehr, wenn ich ihn nicht mehr reden hörte. Und
wir hören ihn reden in seinem Buch, in der Heiligen Schrift. Der Heilige
Geist hat uns dieses Buch geschenkt. Er ist wirksam in den Sakramenten
der Kirche, auch und nicht zuletzt im Sakrament der Buße. Meine lieben
Freunde, ich bin über 50 Jahre Beichtvater, und ich weiß, dass
die Beichte ein Quell der Freude ist. Beicht macht leicht. Und deswegen
sollten wir die Feier der Umkehr, die Feier der Bekehrung im Bußsakrament
nicht missen und nicht aufgeben. Es gibt keine schönere Freude als
das Bewusstsein eines im Bußsakrament gereinigten Gewissens.
Freuden bringen uns auch die Gottesdienste, bringt uns das heilige
Messopfer, das Opfermahl mit der heiligen Kommunion. Eine Freude ist unser
Gotteshaus. Es mag noch so schlicht sein, aber hier sind wir zu Hause,
hier sind wir geborgen. Hier ist wahrhaftig das Zelt Gottes unter den Menschen.
Ich erinnere mich, als ich als junger Mensch in Sachsen war, wie ich glücklich
war, wenn ich eine katholische Kirche fand in diesem protestantischen Land.
Wie glücklich dürfen wir sein über unsere Gotteshäuser!
Und wie sehr dürfen wir uns freuen über das Kirchenjahr, über
seine Höhepunkte mit der seligen Weihnachtszeit und dem Osterjubel.
Und das alles ist ja nur ein Vorgeschmack der ewigen Himmelsfreude, der
wir entgegengehen.
Das sind die übernatürlichen Freudenquellen, aus denen
wir schöpfen dürfen. Wir müssen freilich aus diesen Quellen,
seien sie natürlich oder übernatürlich, in der rechten Weise
schöpfen. Das heißt erstens nur aus reinen Quellen der Freude
schöpfen, nur aus reinen Quellen. Der Satan versteht es, uns unreine
Quellen anzubieten, den Rausch, die Sensation, den Zeitvertreib. Der Satan
besitzt die Gabe, uns zu verlocken, indem er uns an unreine Quellen führen
will. Und wie viele Menschen verfallen dieser Verlockung! Es tut mir in
der Seele weh, meine lieben Freunde, wenn ich sehe, wie Menschen mit ihrem
Glückstrieb, der ja berechtigt ist, wenn sie mit ihrem Glückstrieb
zu den unreinen Quellen der Freude eilen
und sich damit vergiften. Nein, mit Weltfreuden kann man nicht satt
werden, man wird nur ihrer satt. Die Weltfreuden sind wie Seifenblasen.
Sie steigen in die Luft, und dann zerplatzen sie. Neben dem Lustbecher
sinnlicher Genüsse liegt der Revolver der Verzweiflung. Deswegen,
jede Freude, die anders erlangt wird als Gott es will, verwandelt sich
in eine Bürde und bleibt, wenn die Freude vergangen ist, eine Last.
Wir dürfen also nur aus reinen Quellen Freude schöpfen.
Und das zweite: Wir dürfen es nur im rechten Maß. Auch
die Freuden sollen im rechten Maß genossen werden, nicht im Übermaß.
Das Leben lehrt uns, dass Leid und Freude abwechseln wie Sonnenschein und
Regen. Einen Himmel auf Erden, ein wolkenloses Glück gibt es nicht.
Denken Sie an das schöne Wort: „Glück und Glas, wie leicht bricht
das!" Deswegen, die Freuden müssen im rechten Maß genossen werden,
und die sinnlichen Freuden sind die höchsten nicht. Sie sind uns nicht
verwehrt, aber sie müssen im rechten Maß genossen werden.
Über den sinnlichen Freuden sind die geistigen Freuden, und aus denen
sollen wir schöpfen. Sie sind ja auch nur Strahlen aus dem ewigen
Licht. Sie sind nicht das Licht selbst, sie sind nur Strahlen aus dem ewigen
Licht. Wir sollen durch die irdischen Güter hindurchgehen, dass wir
die ewigen nicht verlieren.
Auf diese Weise, meine lieben Freunde, soll unsere Freude eine geheiligte
Freude werden. In dieser Adventszeit mahnt uns der Apostel: „Freuet euch,
Brüder! Noch einmal sage ich: Freuet euch, denn der Herr ist nahe!
Euer gütiges Wesen soll allen Menschen bekannt werden. Freuet euch
im Herrn!"
(Quelle: "Erneuerung
in Christus", Heft Nr. 11/12-2016, S. 3-6, Gaming) -
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