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Als man am 22. September 1909 das Grab der Bernadette Soubirous öffenete,
war die Überraschung groß: Ihr Leichnam war 30 Jahre nach ihrem
Tod ohne eine Spur der Verwesung. Für viele war dies so etwas wie
eine nachträgliche Bestätigung dafür, dass das arme Bauernmädchen,
das als 14-Jährige am 11. Februar 1858 die Muttergottes gesehen und
anschließend 17 weitere Erscheinungen erlebte, nicht gelogen hatte.
So, wie man die Tote damals vorfand, ruht sie heute in einem Glassarg
in der Klosterkirche von Nevers, bekleidet mit dem schwarzen Ordenshabit,
das Haupt geneigt, die Hände gefaltet. Die heilige Bernadette wurde
am 8. Dezember 1933 von Papst Pius XI. heilig gesprochen.
Widersacher und Skeptiker brachten viele Einwände gegen die
„Seherin" vor: vererbte Anlage zur Hysterie, eine krankhaft ausgeprägte
Phantasie, ein zu stark entwickelter Geltungstrieb - aber all das, was
den gesunden Menschenverstand zur Vorsicht mahnt, passt überhaupt
nicht zu Bernadettes Persönlichkeit. Selbst unter den einfachen, schlichtgläubigen
und schwer arbeitenden Menschen ihrer Heimat gab es wenige Kinder, die
so natürlich und unkompliziert, ja einfältig waren wie die 14-jährige
Tochter des verarmten und heruntergekommenen Müllers Francois Soubirous.
In jenem wichtigen Jahr 1858, dem Jahr der Erscheinungen, wohnte
Bernadette mit den Eltern und Geschwistern in einem düsteren und feuchten
Raum des kleinen Stadtgefängnisses von Lourdes, den man „Le Cachot"
- „das Loch" nannte. Ein Verwandter hatte der Familie Soubirous diese armselige
Behausung in der Rue des Petits-Fosses vermittelt - viel zu eng für
die damals 6-köpfige Familie. Zuvor hatte Vater Soubirous zuerst die
Boly-Mühle am Lapaca Flüsschen betrieben, und schließlich
- nach zwei weiteren gescheiterten Versuchen - die Mühle Lacae. Francious
Soubirous aber konnte nicht einteilen, planen und wirtschaften; die Konkurrenz
war groß und der Müller alles andere als ein guter Geschäftsmann.
Bernadette war schon damals ein krankes Kind, sie hatte starkes
Asthma. Die Eltern sahen es deshalb sehr gerne, dass die Amme Bernadettes,
die Bäuerin Marie Lagües, das Mädchen zu sich nach Bartres
holte, drei Kilometer nördlich von Lourdes. Hier hütete Bernadette
die Schafe und genoss Licht und Sonne, die sie im Cachot meist entbehren
musste. Leider war die Erholungszeit auf dem Land nur kurz. Bernadette
sollte sich auf den Empfang der ersten heiligen Kommunion vorbereiten und
so musste sie in Lourdes regelmäßig zur Schule gehen.
Es war der 11. Februar des Jahres 1858. Die Bevölkerung von
Lourdes feierte Fasching und überall herrschte ausgelassene Stimmung.
Im Cachot aber hatte man keinen Grund fröhlich zu sein. Es war sehr
kalt und Vater Soubirous lag krank im Bett. Man wollte den Ofen anheizen,
aber es war kein Holz mehr da. Marie, die Schwester Bernadettes, und deren
Freundin Jeanne Abadie machten sich sofort auf den Weg, um Holz zu sammeln.
Auch Bernadette durfte mitgehen, obwohl sie nicht gesund war: doch musste
sie außer dem üblichen Kopftuch auch das Capulet mitnehmen.
Dieses Kleidungsstück war eine Besonderheit der pyrenäischen
Mädchen und Frauen. Es umrahmt das Gesicht, fällt auf die Schulter
herab und schützt gegen Regen und Wind. Die drei Kinder verließen
die Stadt, wanderten an den Mühlen vorbei und waren bald am Ufer des
Gave, dort, wo der kleine Mühlkanal in den Fluss mündet. Nur
ein paar Schritte vom Kanal entfernt erhob sich der Felsen Massabielle,
der „alte Felsen" - mit der großen Grotte. Hier fand man oft angeschwemmte
Holzstücke und manchmal auch Knochen, die man der Lumpensammlerin
verkaufen konnte. Bernadettes Begleiterinnen wateten durchs kalte Wasser
des Kanals, sie selbst hatte allerdings Angst und zauderte zunächst.
Als sie dann doch ihre Strümpfe ausziehen wollte, da spürte sie
zuerst ein paar heftige Windstöße und dann erblickte sie in
der Felsnische oberhalb der Gotte jene „schöne Dame", die ihren Namen
erst einige Wochen später kundtat. Bernadette durfte in zahlreichen
Visionen die Jungfrau Maria schauen, die „Unbefleckte Empfängnis".
Bernadette behielt auch nach den Gnadentagen der Visionen immer
ihr freundliches, natürliches und bescheidenes Wesen. Fromme und auch
weniger fromme Leute umdrängten sie und suchten in ihrer Gegenwart
nach neuen Sensationen. Sie sollte Autogramme verteilen, Heiligenbildchen
segnen oder Rosenkränze berühren - sie lehnte das alles ab: „Berührt
sie doch selber, dann sind sie gerade so gut". Als sie jemand bemerkte,
der ihren Rocksaum küssen wollte, tadelte sie: „Wie blöde, die
Leute sind wohl verrückt!"
Im Juli 1860 wird Bernadette in das Hospiz von Lourdes aufgenommen,
um dort zu lernen und den Schwestern in Küche und Garten zu helfen.
Dem Zustrom der Neugierigen war sie dadurch wohl entrückt, nicht aber
den unzähligen Fragen der bischöflichen Untersuchungskommission,
die vier Jahre lang beobachtete und prüfte, bevor sie feierlich erklärte:
„In Gottes heiligem Namen! Wir glauben, dass die Unbefleckte Gottesmutter
Maria tatsächlich dem Mädchen Bernadette Soubirous erschienen
ist. Die Erscheinung trägt alle Zeichen der Wahrheit und die Gläubigen
sind berechtigt, sicher daran zu glauben."
Am 3. Juli 1866 ging Bernadette in Begleitung einiger Schwestern
vom Hospiz zum letzten Mal zur Grotte. Weinend küsste sie den Felsen
und flüsterte: „O Mutter. Mutter, nie werde ich dich vergessen
können!" Sie wandte sich rasch um und ging weg, ohne sich noch einmal
umzusehen. Am nächsten Tag schon verließ sie ihre Geburtsstadt
und den geliebten Felsen Massabielle für immer - sie hatte um
Aufnahme in das Kloster Saint Gildard zu Nevers gebeten.
War es nicht selbstverständlich, dass ein Mädchen, das
die Jungfrau Maria schauen durfte, ins Kloster ging? War es nicht ganz
natürlich, dass sie bei jenen Schwestern um Aufnahme bat, die sie
von klein auf gut kannte? So einfach aber dürfen wir uns den Weg Bernadettes
nicht vorstellen! Wir wissen, dass ein Leben in Armut, Jungfräulichkeit
und Gehorsam auch für die Seherin von Lourdes jahrelang erbetet, erkämpft
und gewissenhaft vorbereitet sein wollte.
Am 29. Juli 1866 wurde Bernadette zusammen mit 42 anderen Postulantinnen
eingekleidet - jetzt war ihr Name: Schwester Marie-Bernard.
Schon wenige Wochen danach musste Schwester Marie-Bernard die Krankenstation
des Klosters beziehen und ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.
Unter großen Schmerzen wurde sie zusehends schwächer. Aus diesen
Tagen ist uns folgendes Gespräch überliefert, das die vorbildliche
Geduld der Schwerkranken bezeugt. Die Oberin besuchte Marie-Bernard und
sagte zu ihr: „Na, was machen Sie denn da, kleine Faulenzerin?" - „Meine
liebe Mutter, ich fröne meiner Beschäftigung." - „Und was für
eine Beschäftigung ist das?" - „Kranksein", antwortete Bernadette
freundlich. Bischof Forcade von Nevers kam selbst ans Krankenbett und gab
die Erlaubnis, dass die Kranke vorzeitig die Ordensgelübde ablegen
dürfte. Marie-Bernard war zu schwach, um zu sprechen. So sprach ihr
der Bischof die Worte der Gelübdeformel vor und Marie-Bernard antwortete
nur: „Amen".
Im Frühjahr 1867 konnte Bernadette das Noviziat erneut aufnehmen,
aber sie wurde nie wieder ganz gesund. Sie blieb zeitlebens eine Leidende
- ihre Leiden aber waren nicht nur körperlicher Art. Die Mitschwestern
in Saint Gildard hatten leider nicht alle das rechte Verständnis für
die einfache und doch sehr sensible Bernadette. Es gab Ungerechtigkeiten,
manch unverdiente Härten und wohl auch Demütigungen. Bernadettes
Prüfungen während der Klosterjahre gehörten sicher auch
zum gottgewollten Leidensweg dieser Heiligen. Ihr Weg sollte in der Nachfolge
Jesu ein Kreuzweg sein.
Eines Tages betrachteten Schwester Marie-Bernard und eine andere
Mitschwester eine Fotografie der Grotte von Lourdes. Sie unterhielten sich
über die Gnaden der Marienerscheinungen und Marie-Bernard fragte:
„Was tut man mit einem Besen?" - „Welch eine komische Frage! Man braucht
ihn zum Kehren!" - „Und nachher?" - „Dann stellt man ihn wieder an seinen
Platz." - „Wo ist ein Platz?" - „In einer Ecke hinter der Tür." -
„Sehen Sie, das ist meine Geschichte. Die heilige Jungfrau hat sich meiner
bedient; dann wurde ich in eine Ecke gestellt. Das ist mein Platz, da bin
ich glücklich und da bleibe ich."
Anfang des Jahres 1879 wurde Schwester Marie-Bernard immer leidender.
Eine schleichende Knochentuberkulose fesselte sie ans Bett. Ein qualvolles
Ringen mit dem Tod blieb ihr nicht erspart. Auch die Todesangst musste
sie erleben - „Ich habe Angst." Schwester Marie-Bernard starb nach einem
langen schweren Todeskampf am 16. April 1879 mit dem letzten demütigen
Gebet: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für
mich arme Sünderin - arme Sünderin..."
Werner
Radspieler
(Quelle: PUR spezial 1/2008,
S. 9 - 11, Kisslegg)
Gebete zu Unserer Lieben Frau
von Lourdes
Maria, du hast dich der Bernadette in der
Nische des Felsens gezeigt.
In die Kälte und in das Dunkel des Winters
hast du die Wärme, das Licht und die Schönheit deiner Gegenwart
gebracht.
In die Leere unseres Lebens, das oft so dunkel
ist, in die Leere der Welt, wo das Böse mächtig ist, bring Hoffnung,
schenk neues Vertrauen!
Du bist die Unbefleckte Empfängnis, komm
uns Sündern zu Hilfe.
Gib uns die Demut der Umkehr, den Mut der
Buße. Lehre uns, für alle Menschen zu beten.
Führe uns zu den Quellen des wahren Lebens.
Mach uns zu Pigern in deiner Kirche.
Stärke in uns den Hunger nach der Eucharistie,
dem Brot für den Weg, das Brot des Lebens.
An dir, Maria, hat der Heilige Geist Großes
vollbracht: in seiner Macht hat er dich vor den Vater gestellt, in der
Herrlichkeit deines für immer lebenden Sohnes.
Schau voll Zärtlichkeit auf die Erbärmlichkeiten
unseres Leibes und unserer Herzen.
Leuchte für alle, wie ein mildes Licht,
im Augenblick des Todes.
Mit Bernadette bitten wir dich, Maria, mit
kindlicher Schlichtheit. Lass uns, wie sie, eintreten in den Geist der
Seligpreisungen.
Dann werden wir beginnen, schon hier die Freuden
des Königreiches Gottes kennenzulernen und mit dir zu singen: Magnificat!
Ehre sei dir, Jungfrau Maria, du glückliche Dienerin des Herrn,
Mutter Gottes, Wohnstatt des Heiligen Geistes!
Amen!