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Hl. 3 Könige kommen nach Bethlehem
Maria von Agreda:

FÜNFZEHNTES HAUPTSTÜCK

Aufenthalt der Heiligen Familie im Stall zu Bethlehem.

Die Mutter Gottes wußte durch die ihr eingegossene Kenntnis der Heiligen Schrift (Ps 71,10) wie durch erhabene Offenbarungen, daß die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland kommen würden, um ihren heiligsten Sohn als wahren Gott anzuerkennen und anzubeten. Insbesondere war ihr dies Geheimnis näher enthüllt worden durch die Botschaft eines Engels an die Könige. Dem hl. Joseph war dieses Geheimnis verborgen. Maria hatte ihm ihr Geheimnis nicht mitgeteilt, weil sie, umsichtig in allem, die Weisung Gottes abwarten wollte. Joseph schlug jetzt vor, diesen armen Ort zu verlassen, weil er weder für das göttliche Kind noch für sie geeignet sei und man jetzt zu Bethlehem ein Obdach finden werde. Dorthin wollten sie sich bis zur Darstellung des Kindes im Tempel zurückziehen. Er fürchtete, seiner Armut wegen möchte dem Kinde und der Mutter die vollständige Pflege abgehen, die er für beide wünschte. Doch fügte er sich in allem dem Willen seiner Braut. (540)
Maria antwortete, ohne ihm das Geheimnis zu entdecken: «Mein Bräutigam, ich gehorche deinem Befehle und werde dir mit grösster Freude folgen, wohin du willst. Bestimme, was du für das Beste hältst.» Maria hatte aber eine gewisse Zuneigung zu der Höhle, weil diese so arm und elend und durch die Geheimnisse der Geburt und Beschneidung geheiligt war. Sie sollte noch geheiligt werden durch die bevorstehende Ankunft der heiligen Könige. Zu welcher Zeit diese Ankunft erfolgen sollte, war der seligsten Jungfrau nicht bekannt. Die Zuneigung Mariens zur Krippenhöhle war durch Frömmigkeit und Ehrfurcht geheiligt. Gleichwohl zog sie den Gehorsam ihrer persönlichen Zuneigung vor und fügte sich demselben, um in allem Muster und Vorbild der höchsten Vollkommenheit zu sein. Gerade diese gleichmütige Ergebung versetzte den hl. Joseph in noch größere Sorge. Er hätte gewünscht, daß seine Braut entscheide. Da antwortete Gott durch die beiden Himmelsfürsten Michael und Gabriel, die in körperlicher Gestalt zum Dienste ihres Gottes und ihrer großen Königin gegenwärtig waren. Diese sagten: «Der göttliche Wille hat angeordnet, daß an diesem Orte der menschgewordene Sohn Gottes angebetet werde von den drei Königen, die, um den König des Himmels zu suchen, aus dem Morgenland kommen werden. Sie sind bereits zehn Tage unterwegs. Sie werden bald hier ankommen. So erfüllen sich die Weissagungen der Propheten.» (541)
Der hl. Joseph war voll Freude, daß er durch diese Mitteilung den Willen Gottes erkannte. Maria aber sagte zu ihm: «Dieser Ort, den Gott für so erhabene Geheimnisse auserwählt hat, ist zwar arm und unpassend in den Augen der Welt. In den Augen der göttlichen Weisheit aber ist er reich und kostbar, ja der erhabenste auf Erden, da der König des Himmels sich mit ihm begnügt und ihn durch seine göttliche Gegenwart geheiligt hat. Er kann durch seine Allmacht bewirken, daß wir an diesem Ort, der ein Land der Verheißung ist, seiner Anschauung uns erfreuen. Ist es sein heiliger Wille, so wird er uns während der Tage, die wir hier noch zubringen, gegen die Unbilden der Witterung schützen.» Diese Worte gaben dem hl. Joseph großen Trost und Mut. Er meinte, das göttliche Kind werde wohl das Gesetz der Darstellung im Tempel erfüllen, wie es auch das der Beschneidung erfüllt habe. Darum könnten sie bis zu jenem Tage hier bleiben, ohne erst nach Nazareth zurückzukehren. (542)
Maria fügte sich ganz dem Willen ihres Bräutigams. Ihr Verlangen ging ohnehin dahin, dieses «heilige Gezelt», welches heiliger und ehrwürdiger war als das Allerheiligste des Tempels, nicht zu verlassen, bis die Zeit zur Darstellung im Tempel gekommen wäre. Unterdessen tat sie alles mögliche, um das göttliche Kind gegen die rauhe und kalte Witterung zu schützen. Sie reinigte auch die Grotte aufs neue und bereitete sie für die Ankunft der Könige vor, so weit der arme, niedrige Ort dies zuließ. Doch ihre Hauptsorge ging dahin, das göttliche Kind immer in ihren Armen zu halten, wenn sie nicht gezwungen war, es zu verlassen. Wenn der Winter seine Strenge besonders fühlen ließ, machte sie von ihrer Macht als Königin aller Geschöpfe Gebrauch. Sie gebot dann der Kälte, den Winden, dem Schnee und dem Eis, ihrem Schöpfer nicht wehe zu tun, sondern ihre rauhen Einflüsse an ihr geltend zu machen. Die Himmelskönigin sagte dann: «Haltet euren Zorn zurück vor eurem Schöpfer und Erhalter, vor eurem Herrn, der euch Dasein, Kraft und Wirksamkeit verliehen hat. Ihr habt eure Strenge durch die Sünde erhalten, um den Ungehorsam des ersten Adam und seiner Nachkommenschaft zu strafen. Dem zweiten Adam gegenüber, der kommt, um diesen Fall gutzumachen, und der an demselben keinen Teil hat, müßt ihr ehrfurchtsvoll und höflich sein und dürft ihm kein Leid antun. Ich gebiete euch dies in seinem Namen! Bereitet ihm keine Beschwerde!»
(543)
Der bereitwillige Gehorsam dieser vernunftslosen Geschöpfe gegen Gottes Willen verdient von uns bewundert und nachgeahmt zu werden. Wenn Maria es befahl, blieben Schnee und Wasser zehn Ellen weit von ihnen entfernt, die Winde hielten sich zurück, die Luft in der Umgebung milderte sich und nahm eine gemäßigte Wärme an. Zu diesen Wundern kam ein anderes. Während das göttliche Kind Linderung fühlte, empfand die jungfräuliche Mutter die Kälte und die Unbilden der Witterung in dem hohen Grade, weil sie ihr in allem gehorchten. Sie selbst wollte sich dem Leiden nicht entziehen. Der hl. Joseph genoß dasselbe Vorrecht, wie das göttliche Kind. Auch er fühlte die Milderung der rauhen Elemente, doch wußte er nicht, daß dies das Werk der Macht seiner Braut war. Denn sie sagte ihm von diesem ihrem Vorrechte nichts, da sie von Gott keinen Auftrag hiezu erhalten hatte. (544)
Was die Ordnung und Weise betrifft, in der Maria ihrem Kinde die Nahrung reichte, so bot sie ihm dreimal im Tage ihre jungfräuliche Brust. Sie tat es stets mit solcher Ehrfurcht, daß sie zuvor um Erlaubnis bat und um Verzeihung ihrer Unwürdigkeit. Viele Zeit hielt sie ihr Kind auf den Armen und betete es kniend an. Mußte sie sich setzen, so bat sie es immer um Erlaubnis. Dieselbe Ehrfurcht bezeigte sie, wenn sie es dem hl. Joseph übergab oder es von ihm entgegennahm. Oft küßte sie ihm die Füße. Wollte sie es aber im Gesicht küssen, so bat sie innerlich um seine wohlwollende Zustimmung. Das süßeste Kind aber erwiderte die Liebkosungen seiner Mutter nicht nur, indem es sie mit freundlicher Miene, aber voll Majestät annahm, sondern auch durch Gebärden, die es nach Art der übrigen Kinder, nur mit mehr Ernst und Würde, machte. Gewöhnlich schmiegte es sich liebevoll an die Brust seiner reinsten Mutter, zuweilen an die Schultern, wobei es ihren Hals mit seinen göttlichen Ärmchen umfaßte. Maria benahm sich mit solcher Umsicht und Überlegung, daß sie das göttliche Kind weder durch kindische Zärtlichkeiten, wie andere Mütter, dazu anlockte, noch durch Furcht davon abhielt. In allem war sie ganz weise und vollkommen, ohne je zu wenig oder zuviel zu tun. Die größte Liebe, die ihr heiligstes Kind ihr kundgab, hatte nur die Wirkung, sie bis in den Staub zu verdemütigen und mit tiefster Ehrfurcht zu erfüllen. Diese Ehrfurcht war es, die alle ihre Gefühle regelte und ihnen den Glanz der höchsten Vollkommenheit verlieh. (545)
Es fand aber noch eine andere, erhabenere Art von Liebesbezeigungen zwischen dem göttlichen Kinde und seiner jungfräulichen Mutter statt. Während sie ihr Kind auf den Armen trug, wurde ihr oftmals noch eine neue Gnade zuteil. Die Menschheit Christi zeigte sich ihr wie ein Kristall. In ihr schaute sie dann die persönliche Vereinigung der Gottheit und Menschheit, die Seele des göttlichen Kindes und alle Akte, welche es, zum himmlischen Vater für das Menschengeschlecht betend, verrichtete. Diese Akte und Bitten ahmte dann Maria nach, wobei sie in ihren Sohn ganz versenkt und umgestaltet wurde. Das göttliche Kind aber genoß im Anschauen der Mutter eine außerwesentliche Seligkeit und Wonne. Es fand sozusagen seinen Trost darin, eine solche Reinheit in einem Geschöpf zu erblicken, und freute sich, daß Maria erschaffen war und daß seine Gottheit sich mit der Menschheit vereinigt hatte. Bei diesem Geheimnis fiel mir ein, was die Hauptleute zu Holofernes sagten, da sie die schöne Judith auf den Gefilden von Bethulien sahen: «Wer soll das Volk der Herbräer verachten, das so schöne Weiber hat, daß wir nicht schon um ihretwillen wider sie streiten müßten»? (Judith 10,18). Diese Rede scheint geheimnisvoll und wahr im Munde des menschgewordenen Gottes; denn er konnte mit viel mehr Recht dasselbe zu seinem ewigen Vater und zu allen Geschöpfen sagen: «Wer wollte leugnen, daß ich recht getan, vom Himmel auf die Erde zu kommen, die menschliche Natur anzunehmen, den Satan, die Welt und das Fleisch zu überwinden und zu vernichten, da unter den Kindern Adams sich eine solche Frau findet, wie meine Mutter?» — O meine süße Liebe! Du Kraft meiner Kraft, du Leben meiner Seele, liebevoller Jesus! Sieh, wie Maria, die heiligste Jungfrau, allein so große Schönheit in der menschlichen Natur besitzt. Sie ist die Einzige, die Auserwählte, dir, o mein Herr, so vollkommen wohlgefällig, daß sie deinem ganzen übrigen Volke nicht nur gleichkommt, sondern dasselbe unvergleichlich übertrifft, und daß sie allein die Häßlichkeit der ganzen Nachkommenschaft Adams aufwiegt. (546)
Während das göttliche Kind solche Freuden genoß, wurde seine jungfräuliche Mutter ganz vergeistigt und aufs Neue in Gott umgestaltet. Ihre reinste Seele nahm einen so hohen Aufschwung, daß sie gar oft die Bande des irdischen Leibes zerrissen und durch die Glut der Liebe sein Leben verzehrt und ihn verlassen hätte, wenn sie nicht durch ein Wunder gestärkt und erhalten worden wäre. Sie sprach zu ihrem heiligsten Sohne innerlich und äußerlich so erhabene und inhaltsschwere Worte, daß unsere Sprache sie nicht wiedergeben kann. Was immer ich auch davon sage, wird weit zurückbleiben hinter dem, was mir geoffenbart wurde. «O meine süße Liebe», sprach sie zu ihm, «du Leben meiner Seele, wer bist du und wer bin ich? Was willst du aus mir machen, daß du in deiner unermeßlichen Größe dich herablässest, unnützen Staub so sehr zu begünstigen? Was soll deine Dienerin dir zuliebe tun, wie soll sie dir den schuldigen Dank abstatten? Was soll ich dir vergelten für so vieles, das du mir gegeben hast? Mein Wesen, mein Leben, meine Kräfte, meine Sinne, meine Wünsche und Seufzer, alles ist dein! Tröste deine Dienerin und Mutter, damit sie angesichts ihres Unvermögens, dir zu dienen, wie sie es glühend verlangt, nicht verschmachte und vor Liebe zu dir sterbe! O wie beschränkt ist die Fähigkeit des Menschen, wie eingeengt ist sein Vermögen, wie schwach sind seine Gefühle, da sie deine Liebe nicht nach Gebühr erwidern können! Immer wirst du deinen Geschöpfen gegenüber Sieger bleiben durch deine Großmut und Barmherzigkeit. Immer wirst du Triumphe der Liebe feiern. Wir aber müssen uns dir dankbar unterwerfen und uns als durch deine Macht besiegt erklären. Wir werden uns erniedrigen bis in den Staub, deine Größe aber wird erhöht und verherrlicht werden in alle Ewigkeit.»
Manchmal schaute Maria in der Erkenntnis ihres heiligsten Sohnes die Seelen, die sich während der Zeit des Neuen Bundes durch die göttliche Liebe besonders auszeichnen würden. Sie schaute die Werke, die sie vollbringen und die Martern, die sie in der Nachfolge des Herrn leiden sollten. Bei diesem Schauen wurde ihr Herz im Wetteifer von solch gewaltiger Liebe entzündet, daß das Martyrium ihrer Sehnsucht schmerzlicher war als das tatsächliche Martertum aller übrigen Märtyrer. So erfuhr sie an sich selbst, was der Bräutigam im Hohenlied gesagt hat, daß der Eifer der Liebe stark sei wie der Tod und hart wie die Hölle (Hohel 8,6). Auf dieses Liebessehnen seiner Mutter antwortete ihr Sohn: «Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm», indem er ihr zugleich das Verständnis und die Wirkung dieser Worte mitteilte. Durch dieses heilige Martyrium war Maria Martyrin vor allen andern Märtyrern. Jesus aber, das sanfteste Lamm, «weidete unter diesen Lilien, bis der Tag der Gnade anbrach und die Schatten des alten Gesetzes sich neigten». (547)
Das göttliche Kind genoß, so lange es an der jungfräulichen Brust seiner heiligsten Mutter genährt wurde, keine andere Speise. Die Milch war seine einzige Nahrung. Diese war ebenso süß, lieblich und kräftig, als der Leib der seligsten Jungfrau rein, vollkommen, von jedem Fehler, von jeder Unordnung, von jedem Übermaß frei war. Kein anderer Leib kam ihm gleich an Gesundheit und Vollkommenheit. (548)
Joseph freute sich nicht nur als Augenzeuge über die Liebkosungen, die zwischen der heiligsten Mutter und ihrem göttlichen Kinde stattfanden. Er selbst wurde auch gewürdigt, solche von Jesus unmittelbar zu empfangen. Maria gab ihm sehr oft das Kind in die Arme, wenn eine Arbeit es ihr unmöglich machte, es zu behalten. Er empfand dabei immer göttliche Einwirkungen in seiner Seele. Das Jesuskind schaute ihn sehr freundlich an, schmiegte sich an seine Brust und liebkoste ihn, zwar mit königlicher Würde und Majestät, aber doch auch mit liebevoller Zärtlichkeit, wie andere Kinder bei ihren Eltern tun. Es tat dies beim heiligen Joseph nicht so häufig und auch nicht mit solcher Zärtlichkeit, wie bei seiner jungfräulichen Mutter. (549)

Lehre, welche mir Maria, die heiligste Königin, gab

Meine liebe Tochter, im vorletzten Hauptstück wurdest du ermahnt, nichts auf übernatürlichem Wege vom Herrn auszuforschen, weder um einem Leiden zu entgehen, noch aus natürlicher Neigung, am allerwenigsten aus eitler Neugier. So oft du deine geistigen Kräfte oder deine leiblichen Sinne betätigst, mußt du deine Neigungen bezähmen und ihnen nie geben, was sie verlangen, auch nicht unter dem Schein der Tugend und Frömmigkeit. Mein Verlangen, in der Höhle zu bleiben, wo die Geburt und Beschneidung meines heiligsten Sohnes stattgefunden, war von Frömmigkeit beseelt. Trotzdem wollte ich dieses Verlangen nicht kundgeben. Ich zog den Gehorsam vor und wußte, daß es für die Seelen sicherer und Gott wohlgefälliger ist, wenn wir seinen heiligen Willen nach dem Rat und Gutdünken anderer suchen. Der unwissende und engherzige Mensch hängt sich mit seinen Neigungen und kleinlichen Wünschen gar leicht an geringfügige Dinge, er läßt sich von einer Kleinigkeit so einnehmen, als wäre sie eine wichtige Sache. Und was nichts ist, scheint ihm etwas Großes zu sein. Hiedurch beraubt er sich vieler Gnaden, Erleuchtungen und Verdienste und macht sich zum Empfange derselben unfähig. (550)
Diese und alle anderen Lehren präge deinem Herzen ein. Lege dir ein Gedenkbuch an von allem, was ich getan, um es nachzuahmen. Achte namentlich auf die Ehrfurcht, Liebe, Sorgfalt, auf die Umsicht, womit ich meinen Sohn behandelte. Diese Sorgfalt war mir immer eigen gewesen. Nachdem ich aber den Sohn Gottes in meinem Schoß empfangen hatte, verlor ich ihn niemals aus den Augen und ließ niemals die Liebe erschlaffen, die er mir damals mitteilte. Bei diesem glühenden Verlangen, ihm stets mehr zu gefallen, ruhte mein Herz nicht. Es war so weit entfernt, sich an etwas Irdisches zu hängen oder einer sinnlichen Neigung zu folgen, daß ich in dieser Hinsicht lebte, als ob ich nicht von der allgemeinen, menschlichen Natur wäre. Wenn aber die anderen Menschen von Leidenschaften nicht frei sind oder diese nicht in dem Grad überwinden, wie sie könnten, so sollen sie sich nicht über ihre Natur beklagen, sondern über ihren eigenen Willen. Die schwache Natur könnte sich vielmehr beklagen, weil die Menschen mit ihrer Vernunft sie leiten und beherrschen könnten und es nicht tun. Angesichts dieser Abgründe, welche das menschliche Leben darbietet, warne ich dich, meine Teuerste: Begehre und suche nichts Irdisches, mag es auch notwendig sein oder ganz gerecht erscheinen. Und was du notwendig brauchst, wie die Kleidung, Nahrung, die Zelle, das gebrauche alles im Gehorsam, mit Gutheißung der Obern. Der Herr verlangt dies, und ich billige es, damit du alles zum Dienste des Allmächtigen gebrauchest. Nach diesen meinen Regeln muß sich dein ganzes Verhalten richten. (551)
 

SECHZEHNTES HAUPTSTÜCK

Die Anbetung der Könige

Die drei Könige, welche kamen, um das neugeborene göttliche Kind zu suchen, waren gebürtig aus Persien, Arabien und Saba, also aus Ländern östlich von Palästina. Ihre Ankunft hatte David vorhergesagt (Ps 71,10) und vor ihm schon Balaam, als er nach Gottes Willen das Volk Israel segnete, obwohl der Moabiterkönig Balak ihn gerufen hatte, es zu verfluchen. Bei diesem Segen hatte Balaam gesagt, er werde Christus, den König, sehen, aber nicht sogleich; er werde ihn schauen, aber nicht nahe. Er sah ihn aber nicht selbst, sondern durch seine Nachkommen, die Weisen, auch nicht sogleich, sondern nach mehreren Jahrhunderten. Er sagte, daß ein Stern aus Jakob aufgehen werde, um den anzuzeigen, der geboren werde, um ewig im Hause Jakobs zu herrschen. (552)
Diese drei Könige waren in den Naturwissenschaften sehr bewandert und in den heiligen Schriften des Volkes Gottes sehr belesen. Deswegen wurden sie «Weise» genannt. Durch ihre Kenntnis der Heiligen Schrift und durch Unterredungen mit einigen Hebräern waren sie zu einem gewissen Glauben an die Ankunft des Messias gelangt. Sie waren außerdem aufrichtige, wahrheitsliebende Männer und äußerst gerecht in der Regierung ihrer Staaten. Da diese nicht so ausgedehnt waren wie die heutigen Reiche, konnten sie diese leicht selbst regieren. Als weise, kluge Könige waren sie gerecht, denn das ist die eigentliche Aufgabe eines Königs. Darum sagt der Heilige Geist, daß Gott des Königs Herz in seiner Hand habe, um es wie Wasserleitungen auf das hinzulenken, was er will (Sprichw 21,1). Sie waren auch großherzig, edelmütig und frei von Habsucht, die das Herz der Fürsten so tief erniedrigt. Die Staaten dieser Weisen grenzten aneinander. Sie wohnten nahe beieinander, kannten sich gegenseitig und förderten einander in den sittlichen Tugenden sowie in ihren Kenntnissen, indem sie sich alles Wichtige mitteilten, was sie erfuhren. Kurz, sie standen im treuesten freundschaftlichen Verkehr. (553)
Diese Könige sind durch den Dienst der heiligen Engel von der Geburt des Erlösers benachrichtigt worden. Einer von den Schutzengeln unserer Königin, von höherem Range, wurde von der Grotte abgesandt. Als höherstehender Engel erleuchtete er die Schutzengel der Könige und teilte ihnen den Willen und die Botschaft des Herrn mit, auf daß sie, ein jeder seinem Schutzbefohlenen, das Geheimnis der Menschwerdung und der Geburt Christi, unseres Erlösers, kundgeben möchten. Sie taten es zur nämlichen Stunde, während die Könige schliefen. So gehen die Offenbarungen der Engel gewöhnlich vor sich; sie gelangen von Gott durch die Engel an die Seelen. Die Könige erhielten dabei ein umfassendes, klares Licht über die Geheimnisse der Menschwerdung. Sie wurden belehrt, daß der König der Juden als wahrer Gott und Mensch geboren sei; daß er der Messias und Erlöser sei, den sie erwarteten, und den die Prophezeiungen ihrer heiligen Schriften verhießen. Jener Stern, welchen Balaam vorherverkündigt, sei ihnen gegeben. Jeder der Könige wurde auch inne, daß die beiden anderen dieselbe Nachricht erhielten. Diese wunderbare Gnade sei ihnen nicht verliehen, um furchtlos zu bleiben, sondern damit sie nach der Weisung des göttlichen Lichtes handelten. Sie erglühten von großer Liebe und von sehnsüchtigem Verlangen, den menschgewordenen Gott kennenzulernen, ihn als ihren Schöpfer und Erlöser anzubeten und ihm mit höchster Vollkommenheit zu dienen. Hiezu verhalfen ihnen die erworbenen sittlichen Tugenden. Durch sie waren sie wohl vorbereitet, um das göttliche Licht zu empfangen. (554)
Auf diese himmlische Offenbarung hin erwachten die Könige. Sie warfen sich auf die Erde nieder, und in den Staub gebeugt beteten sie den unveränderlichen Gott im Geist an. Sie priesen seine unendliche Barmherzigkeit und Güte, daß das göttliche Wort von einer Jungfrau Fleisch angenommen, um die Welt zu erlösen und den Menschen das ewige Heil zu verleihen. Dann faßten sie, von dem nämlichen Geiste geleitet, den Entschluß, ohne Verzug nach Judäa abzureisen, um das göttliche Kind zu suchen und anzubeten. Sie richteten die Gaben her: Gold, Weihrauch und Myrrhen. Sie waren in allem auf geheimnisvolle Weise geleitet und trafen dieselben Anordnungen, ohne sich darüber verständigt zu haben. Um rasch abreisen zu können, versahen sie sich mit den für die Reise nötigen Kamelen, Vorräten und Bediensteten. Sie achteten nicht darauf, daß das Volk verwundert sein werde, noch daß sie in ein fremdes Reich zögen mit so wenig Ansehen und Pracht. Ohne genau den Ort zu wissen und ohne Zeichen, um das Kind zu erkennen, beschlossen sie alsbald voll brennenden Eifers und glühender Liebe, abzureisen und es zu suchen. (555)
Der heilige Engel, der von Bethlehem zu den Königen gekommen war, bildete zu gleicher Zeit aus Luft einen hellschimmernden Stern, der aber nicht so groß war, wie die Sterne des Firmamentes. Er erhob sich nicht höher, als nötig war, um die heiligen Könige zu der Grotte zu führen. Sein Glanz war außergewöhnlich und von dem Glanze der Sonne und der anderen Sterne verschieden. Er leuchtete mit seinem wunderschönen Licht in der Nacht wie eine hellbrennende Fackel. Bei Tag zeigte er sich im Licht der Sonne mit außerordentlicher Lebhaftigkeit. Jeder der drei Könige sah beim Heraustreten aus seinem Haus diesen Stern, und zwar jeder denselben. Sie folgten ihm und trafen darum in kurzer Zeit zusammen. Dann näherte sich ihnen der Stern, indem er um viele Grade herabstieg, so daß sie in noch größerer Nähe seines Glanzes sich erfreuen konnten. Sie besprachen die ihnen zuteil gewordenen Offenbarungen sowie ihre Absichten und stimmten in allem überein. Dabei wurde ihr Verlangen, das neugeborene göttliche Kind anzubeten, noch glühender, und voll Staunen priesen sie den Allmächtigen in seinen erhabenen, geheimnisvollen Werken. (556)
Die Weisen setzten, von dem Stern geleitet, ihre Reise fort. Sie verloren den Stern nie mehr aus den Augen, bis sie nach Jerusalem kamen. Als er hier verschwand, vermuteten sie, daß der wahre König in dieser Stadt, der Hauptstadt der Juden, geboren sei. Sie traten also in die Stadt ein und fragten öffentlich: «Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben im Morgenlande den Stern gesehen, der seine Geburt verkündet, und wir kommen, um ihn zu sehen und anzubeten» (Matth 2, 1 ff) - Diese Neuigkeit gelangte auch zu den Ohren des Herodes, der damals, obwohl widerrechtlich, in Judäa regierte und zu Jerusalem lebte. Als der ungerechte König hörte, daß ein rechtmäßiger König geboren sei, erschrak er und ward sehr verwirrt und erzürnt. Die ganze Stadt wurde mit ihm unruhig, die einen aus Schmeichelei gegen Herodes, die anderen aus Furcht vor Wirren. Herodes ließ, wie der heilige Matthäus berichtet, sogleich die Hohenpriester und Schriftgelehrten zusammenkommen und fragte sie, wo Christus, den sie gemäß ihren Schriften erwarteten, geboren werden sollte. Sie antworteten ihm nach dem Propheten Michäas: zu Bethlehem im Stamme Juda, denn es stehe geschrieben, von dort werde der Fürst hervorgehen, der das Volk Israel regieren soll. (557)

Nachdem Herodes den Geburtsort des neuen Königs der Juden erfahren hatte, plante er, ihn durch List aus dem Wege zu räumen. Er entließ also die Priester und berief heimlich die Könige, um die Zeit zu erforschen, da sie den Stern gesehen hatten. Diese gaben ihm die Zeit aufrichtig an. Nun wies sie Herodes nach Bethlehem und sprach mit verstellter Bosheit: «Gehet hin und forschet nach dem Kinde; und wenn ihr es gefunden habt, so zeiget es mir an, damit auch ich hinkomme, ihm zu huldigen und es anzubeten.» So reisten die Weisen ab. Der heuchlerische König aber war wegen dieser unfehlbaren Anzeichen in Unruhe und Angst. Er hätte sich mit dem Gedanken beruhigen können, daß ein neugeborenes Kind nicht so bald zur Regierung gelangen kann. Allein so schwach und trügerisch ist das irdische Glück, daß selbst ein Kind es umstürzt, oder eine von ferne drohende Gefahr, ja nur eine eingebildete, allen Trost und alle Freude verdirbt, welche dasselbe zu bieten scheint. (558)
Als die Weisen Jerusalem verließen, sahen sie den Stern wieder, den sie beim Eintritt in diese Stadt aus den Augen verloren hatten. Sie folgten seinem Licht und gelangten nach Bethlehem zur Geburtsgrotte. Über ihr stand der Stern still, ließ sich dann nieder, schwebte, sich verkleinernd, in die Höhle hinein über das Haupt des Kindes und überströmte es mit seinem Licht. Darauf löste er sich auf und verschwand.
Maria war über die Ankunft der Könige vom Herrn unterrichtet worden. Als sie hörte, daß diese sich der Grotte näherten, teilte sie es dem heiligen Joseph mit, damit er ihr zur Seite stehe. Das heilige Evangelium sagt dies nicht, weil es nicht notwendig zu dem Geheimnis gehört. Es war nicht nötig, daß Joseph sich entfernte; denn die Weisen wußten durch himmlische Erleuchtung, daß die Mutter eine Jungfrau, das Kind selbst aber wahrer Gott und nicht der Sohn des heiligen Joseph sei. Wie hätte sie auch Gott zur Anbetung herführen und dabei zulassen können, daß sie aus Mangel an Unterweisung sich in einer so wesentlichen Sache geirrt hätten. Sie waren bei ihrer Ankunft über alles erleuchtet und von den erhabensten, solch großen Geheimnissen entsprechenden Gefühlen beseelt. (559)
Das göttliche Kind auf den Armen, erwartete die heiligste Mutter die frommen Könige. Unaussprechlich waren ihre Sittsamkeit und Anmut. Bei all ihrer Demut und Armut strahlte sie eine mehr als menschliche Majestät aus und ihr Antlitz leuchtete. Das göttliche Kind verbreitete einen solchen Lichtglanz, daß die ganze Höhle in einen Himmel umgewandelt wurde. Als die morgenländischen Könige eintraten, waren sie beim ersten Anblick des Kindes und der Mutter eine geraume Zeit hindurch von Bewunderung hingerissen. Sie warfen sich zur Erde nieder und beteten in dieser Haltung das Kind mit Ehrfurcht an, indem sie es als wahren Gott und wahren Menschen und als den Erlöser des Menschengeschlechtes anerkannten. Durch den Anblick und die Gegenwart des süßen Jesuskindes wurden sie aufs Neue innerlich erleuchtet. Sie schauten die Menge der himmlischen Geister, die als Diener des Königs der Könige, des Herrn der Herren mit Ehrfurcht und Zittern zugegen waren. Dann richteten sie sich auf und brachten Maria ihre Glückwünsche dar, daß sie die Mutter des Sohnes des ewigen Vaters geworden sei. Sie bezeigten ihr auch ihre Ehrfurcht, indem sie die Knie beugten. Auch wollten sie ihr die Hand küssen, wie dies in ihrem Reiche Königinnen gegenüber Sitte war, aber die weiseste Herrin zog ihre Hand zurück und bot ihnen die des Erlösers der Welt an mit den Worten: «Mein Geist frohlocket in dem Herrn, und meine Seele lobpreist ihn, weil er unter allen Nationen euch auserwählt und berufen hat, mit euren Augen den zu sehen, den viele Könige und Propheten vergebens zu sehen verlangten, den menschgewordenen, ewigen Sohn Gottes. Lasset uns seinen Namen loben und preisen wegen der geheimnisvollen Erbarmungen, die er seinem Volke erwiesen hat. Lasset uns die Erde küssen, die er durch seine königliche Gegenwart geheiligt hat!» (560)

Auf diese Worte der heiligsten Jungfrau warfen sich die Könige nochmals nieder, beteten das Jesuskind an und dankten für die große Wohltat, daß ihnen die Sonne der Gerechtigkeit so frühzeitig erschienen war, um ihre Finsternis zu erleuchten. Darauf sprachen sie mit dem heiligen Joseph und priesen ihn glücklich, daß er der Bräutigam der Mutter Gottes sei. Sie waren voll Staunen und zugleich voll Mitleid wegen der so großen Armut, in der die größten Geheimnisse des Himmels verborgen waren. Nachdem sie drei Stunden zugebracht, baten sie die heiligste Jungfrau um Erlaubnis, sich in der Stadt ein Obdach zu suchen. Sie hatten einiges Gefolge; allein das Licht und die Gnade waren nur in den Königen wirksam. Die anderen hatten nur acht auf das Äußere, sahen den geringen, armen Stand der Mutter und ihres Bräutigams, und obwohl sie etwas verwundert waren über dieses ungewöhnliche Schauspiel, erkannten sie doch das Geheimnis nicht. Als Maria und Joseph mit dem Kinde wieder allein waren, priesen sie den Herrn mit neuen Lobgesängen, weil nun zum ersten Male sein Name von den Heiden erkannt und angebetet worden war. (561)

Lehre, welche mir die Himmelskönigin gab

Meine Tochter, diese Ereignisse bieten den Kindern der heiligen Kirche große Lehren. Die bereitwillige Frömmigkeit und Demut der drei Weisen sollen sie nachahmen, die gottlose Verhärtung des Herodes aber sollen sie fürchten. Sie alle ernteten die Frucht ihrer Werke; die Könige ernteten die Frucht ihrer Gerechtigkeit und ihrer vielen Tugenden, Herodes die seines blinden Ehrgeizes und Stolzes sowie anderer Sünden, zu welchen ihn seine ungezügelte Leidenschaft fortriß. Diese Lehre genügt für jene, die in der Welt leben. Du aber mußt die Lehre auf dich anwenden und beachten. Was du aus der Heiligen Schrift und aus anderen frommen Büchern, die zur Tugend anleiten, liest oder hörst, mußt du deinem Herzen tief einprägen und dir zunutze machen. Diesem heiligen Glauben muß dann die Ausführung folgen, damit du reich werdest an guten Werken, in beständiger Hoffnung auf die Ankunft und die Heimsuchung des Allerhöchsten (Tit 2,13). (562)
Bei solcher Gesinnung wird dein Wille bereit und behende sein, wie ich ihn wünsche, damit Gottes Wille in dir die Gefügigkeit und Unterwerfung finde, die nötig ist, um seinen Einsprechungen nicht zu widerstehen, sobald du sie erkannt hast. Tust du hierin deine Schuldigkeit, dann werde ich dein Stern sein und dich auf den Pfaden des Herrn leiten, damit du schnell voranschreitest bis du auf Sion das Angesicht deines Gottes schauen und das höchste Gut genießen wirst.
In dem, was den frommen Königen des Morgenlandes begegnete, ist eine für das Heil der Seelen entscheidende Wahrheit enthalten, die jedoch sehr wenig gekannt und noch weniger befolgt wird. Die Einsprechungen Gottes halten gewöhnlich folgende Ordnung ein: die ersten treiben an, einige Tugenden zu üben; entspricht man ihnen, dann sendet Gott neue und größere Gnaden, um in der Tugend noch mehr Fortschritte zu machen. Indem man also die einen benützt, bereitet man sich zu anderen vor und erhält immer neue, kräftigere Gnadenhilfen. Und in dieser Ordnung nehmen die Gnaden des Herrn in dem Maße zu, als die Seele ihnen entspricht. Hieraus wirst du zwei Dinge erkennen: erstens welch großen Verlust es bringt, wenn man die Übung einer Tugend geringschätzt und den göttlichen Einsprechungen nicht entspricht; zweitens, daß Gott den Seelen gar oft große Gnaden gäbe, wenn sie zuerst mit den geringeren mitwirken würden; denn er ist hiezu bereit, ja er wartet sozusagen, daß man es ihm möglich mache, seinen gerechten Ratschlüssen gemäß zu handeln. Weil man aber auf diese Ordnung und dieses Verhalten Gottes nicht achtet, hält Gott seinen Gnadenstrom zurück und gibt nicht, was er geben möchte, und was die Seelen empfangen würden, wenn sie kein Hindernis entgegenstellten. (563) Die Heiligen Drei Könige und Herodes gingen ganz entgegengesetzte Wege. Jene entsprachen den ersten Gnadenhilfen und Eingebungen durch gute Werke und machten sich durch Übung vieler Tugenden fähig, durch göttliche Offenbarung zur Erkenntnis der Geheimnisse der Menschwerdung des göttlichen Wortes und der Erlösung des Menschengeschlechtes berufen und geleitet zu werden. Von diesem Glück stiegen sie zu dem weiteren empor, heilig und vollkommen zu werden auf dem Weg zum Himmel. Das Gegenteil war bei Herodes der Fall. Hartherzig vernachlässigte er es, mit der Gnade Gottes Gutes zu tun. Dies führte ihn zu so maßlosem Stolz und Ehrgeiz. Diese Laster aber stürzten ihn in den tiefsten Abgrund der Grausamkeit. Er war der erste unter allen Menschen, der dem Erlöser der Welt das Leben nehmen wollte, wobei er noch Frömmigkeit und Liebe heuchelte. Um den Herrn zu treffen, ermordete er in seinem Zorne sogar die unschuldigen Kinder, damit seine fluchwürdigen Pläne nicht vereitelt würden. (564)

SIEBZEHNTES HAUPTSTÜCK
Die Opfergaben der Heiligen Drei Könige

Von der Geburtsgrotte zogen die drei Könige zu einer Herberge in der Stadt Bethlehem. Dort besprachen sie sich während eines großen Teiles der Nacht unter Tränen über das, was sie gesehen hatten, und was ein jeder in seinem Herzen empfunden und an dem göttlichen Kind sowie an seiner heiligsten Mutter bemerkt hatte. Dadurch wurden sie noch mehr von Liebe zu Gott entzündet. Sie staunten über die Majestät und den Glanz des Jesuskindes, über die Weisheit, den Ernst und die Sittsamkeit der Mutter, über die Heiligkeit des Bräutigams Joseph, über die Armut aller drei sowie über die Niedrigkeit des Ortes, an dem der Herr des Himmels und der Erde hatte geboren werden wollen. Die heiligen Könige fühlten ihre Herzen von solcher Liebesglut zu Gott entflammt, daß sie diese nicht zurückhalten konnten und sie durch Worte, durch Akte tiefster Verehrung und Liebe äußerten. «Was für ein Feuer brennt in uns?» sagten sie. «Wie groß ist die Macht dieses Königs, der solches Sehnen, solche Gefühle in uns wachruft? Was werden wir tun im Verkehr mit den Menschen? Wie werden wir unsere Tränen zurückhalten? Was sollen jene tun, die ein so tiefes, neues erhabenes Geheimnis erkannt haben? O Größe des Allmächtigen, die du den Menschen verborgen und in solche Armut gehüllt bist! O Demut, an die kein Sterblicher gedacht hätte! O könnten wir doch alle Menschen hieher bringen, damit niemand dieses Glückes beraubt wäre!» (565)
Bei diesen Unterredungen gedachten die Könige auch der großen Not, welche Jesus, Maria und Joseph in ihrer Grotte litten. Sie beschlossen daher, zum Zeichen ihrer Zuneigung Geschenke zu senden, um ihnen wenigstens auf diese Weise ihr Verlangen, ihnen zu dienen, zu befriedigen. Sie ließen ihnen also durch ihre Diener viele von den Geschenken überbringen, welche sie bereithielten. Maria und Joseph nahmen sie mit demütigem Danke an. Ihr Dank bestand aber nicht in leeren Worten, sondern in reichlichen Segnungen, die in den Herzen der Könige geistlichen Trost bewirkten. Mit diesen Geschenken konnte Maria ihren gewöhnlichen Gästen, den Armen, ein reichliches Mahl bereiten. Arme waren gar oft bei ihr, angezogen durch die häufigen Almosen, noch mehr aber durch die freundlichen Worte, die sie zu ihnen sprach. Von unvergleichlicher Freude erfüllt begaben sich die Könige zur Ruhe. Im Traum gab ihnen der Engel die Weisung bezüglich der Heimreise. (566)
Am anderen Tage kehrten die Könige frühmorgens zur Grotte zurück, um dem Könige des Himmels ihre Geschenke anzubieten. Zur Erde niedergeworfen beteten sie den Sohn Gottes mit tiefster Demut an. Sie öffneten, wie das Evangelium sagt, ihre Schätze und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen dar. Sie legten auch der Mutter mancherlei Fragen vor über die Geheimnisse des Glaubens, über den Zustand ihres Gewissens und über die Regierung ihrer Staaten. Sie wollten nicht zurückkehren, ohne vollständig über alles unterrichtet zu sein, was zu einem heiligen Leben gehört. Maria hörte sie mit Wohlwollen an. Während sie zu ihr redeten, beriet sie sich innerlich mit dem göttlichen Kind über die Antworten und Belehrungen, die sie diesen neuen Söhnen seines heiligen Gesetzes geben sollte. Als Organ der göttlichen Weisheit antwortete sie dann auf alle vorgelegten Zweifel, und ihre Antworten waren so weise, so belehrend und heiligend, daß die Könige, von Bewunderung der Weisheit und Güte der Himmelskönigin hingerissen, sich nicht von ihr trennen konnten. Darum mußte ein Engel des Herrn ihnen ankündigen, es sei der Wille Gottes und unumgänglich notwendig, daß sie in ihre Heimat zurückkehrten. Es ist nicht zu verwundern, daß die heiligen Könige so erstaunt waren; denn bei den Worten Mariens wurden sie vom Heiligen Geist erleuchtet und nicht nur über das, worüber sie fragten, sondern auch über viele andere Dinge mit himmlischem Lichte erfüllt. (567)
Maria nahm die Geschenke der Könige in Empfang und bot sie in deren Namen dem Jesuskinde an. Durch die Freundlichkeit seines Angesichtes gab es zu erkennen, daß es die Geschenke annehme. Es erteilte den Königen seinen Segen, und zwar in einer Weise, daß sie erkennen konnten, es wolle sie für die dargebrachten Gaben mit überreichen himmlischen Gütern mehr als hundertfach belohnen. Auch Maria boten sie, der Sitte ihres Landes gemäß, einige sehr kostbare Kleinodien an. Doch Maria gab alles, was keine geheimnisvolle Bedeutung und keine Beziehung zu dem heiligen Geheimnisse hatte, den Königen wieder zurück und behielt nur die drei Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhen. Um die heiligen Könige getröstet zu entlassen, gab ihnen Maria einige Windeln, in welche sie das göttliche Kind gewickelt hatte. Andere sichtbare Kostbarkeiten, mit welchen sie die Könige hätte beschenken können, besaß Maria nicht und konnte auch keine kostbareren besitzen. Die Könige empfingen diese Reliquien mit solcher Hochachtung und Ehrfurcht, daß sie diese in Gold und Edelsteine fassen ließen und sorgfältig aufbewahrten. Die Windeln aber verbreiteten zum Zeugnis ihrer hohen Heiligkeit einen so lieblichen und starken Wohlgeruch, daß man ihn fast eine Stunde weit verspürte. Aber nur diejenigen nahmen ihn wahr, die an die Ankunft Gottes in der Welt glaubten. Die Ungläubigen waren von dieser Gnade ausgeschlossen. Die drei Könige aber wirkten mit dieser Reliquie in ihrer Heimat große Wunder. (568)
Die Könige boten der Mutter des Jesuskindes an, ihr mit all ihren Gütern und Besitzungen zu dienen. Falls sie dies nicht annehme und lieber am Geburtsorte ihres heiligsten Sohnes bleiben wolle, wollten sie ihr doch zur größeren Bequemlichkeit ein Haus bauen. Die weiseste Mutter dankte für dieses Anerbieten, nahm es aber nicht an. Zum Abschied stellten die Könige mit der ganzen Inbrunst ihres Herzens an die heiligste Jungfrau die Bitte, sie doch niemals zu vergessen. Maria versprach dies. Dieselbe Bitte stellten sie auch an den heiligen Joseph. Nachdem sie von Jesus, Maria und Joseph den Segen empfangen hatten, verabschiedeten sie sich mit so zärtlicher Rührung, daß man hätte glauben können, sie ließen ihre Herzen in Tränen und Seufzer aufgelöst an jener Stätte zurück. Sie schlugen einen anderen Weg ein, um nicht zu Herodes nach Jerusalem zurückzukommen, wie ihnen der Engel geboten hatte. Sie wurden durch einen Stern auf einem anderen Wege geführt. Er leitete sie bis zu dem Orte, wo sie zusammengetroffen waren. Von da kehrte dann jeder in sein Heimatland zurück. (569)
Das übrige Leben dieser höchst glücklichen Könige entsprach ihrer göttlichen Berufung, denn sie lebten in ihren Staaten als Schüler der Lehrmeisterin der Heiligkeit und regierten nach deren Lehren sowohl ihre Seelen als auch ihre Reiche. Teils durch ihr Beispiel und ihr Leben, teils durch Belehrungen über den Erlöser der Welt, führten sie viele Seelen zur Erkenntnis Gottes und auf den Weg des Heiles. Reich an Jahren und Verdiensten beschlossen sie endlich ihre Laufbahn in Heiligkeit und Gerechtigkeit, wie im Leben so im Tode von der Mutter der Barmherzigkeit begünstigt.
Nach der Abreise der Könige brachten die Himmelskönigin und Joseph dem Allerhöchsten neue Loblieder für seine Wunderwerke dar. Sie verglichen sie mit der Heiligen Schrift und mit den Weissagungen der Patriarchen und sahen, wie alles an dem Jesuskinde in Erfüllung ging. Die weiseste Mutter, die in diese erhabenen Geheimnisse tief eindrang, bewahrte und erwog sie alle in ihrem Herzen. Die heiligen Engel, die bei diesen Geheimnissen zugegen waren, wünschten ihrer Königin Glück, daß ihr heiligster Sohn von den Menschen erkannt und angebetet wurde. Sie priesen ihn durch neue Loblieder wegen der Erbarmungen, die er den Menschen erzeigte. (570)
 


Lehre, welche mir Maria, die heiligste Himmelskönigin, gab

Meine Tochter, groß waren die Geschenke der Könige, noch größer aber war die Liebe, mit welcher sie diese hingaben, und das Geheimnis, welches sie andeuteten. Durch all dies waren sie der göttlichen Majestät höchst wohlgefällig. Auch du sollst dem Herrn Opfer bringen, du sollst Dank sagen, daß er dich zum Stand der Armut berufen hat. Denn ich versichere dich, es gibt vor Gott kein kostbareres Geschenk und kein wertvolleres Opfer als die freiwillige Armut. Heutzutage gibt es in der Welt nur sehr wenige Menschen, die von ihren zeitlichen Gütern einen guten Gebrauch machen und sie mit der Großmut und Liebe dieser heiligen Könige ihrem Gott und Herrn aufopfern. Die Armen, deren Zahl groß ist, erfahren und bezeugen, wie grausam und geizig das Menschenherz geworden ist, da die Notleidenden so wenig Hilfe bei den Reichen finden. Diese Hartherzigkeit der Menschen schmerzt die Engel und betrübt den Heiligen Geist, der sehen muß, wie die Würde der Seelen so tief erniedrigt ist und wie alle mit ihren Kräften und Fähigkeiten der schändlichen Geldgier dienen. Sie eignen sich Reichtümer an, als wären diese für sie allein erschaffen und verweigern sie den Armen, ihren Brüdern, die dasselbe Fleisch und dieselbe Natur haben. Ja, nicht einmal Gott dem Herrn opfern sie diese Reichtümer, da doch er es ist, der sie geschaffen hat, sie erhält und sie geben oder nehmen kann, wie es ihm gefällt. Das Beklagenswerteste aber ist, daß die Reichen, während sie mit ihrem Vermögen das ewige Leben erkaufen könnten, sich eben damit ihr Verderben zuziehen.(571)
Diese unselige Weise ist unter den Kindern Adams etwas ganz allgemeines. Darum ist aber auch die freiwillige Armut so erhaben und gewährt so große Sicherheit. Wer im Stand der Armut frohen Herzens das Wenige mit dem Armen teilt, bringt dem Herrn ein großes Opfer. Du kannst von deinem Unterhalt einen Teil den Armen geben und dabei das Verlangen hegen, wenn es möglich wäre, allen mit deiner Arbeit und deinem Schweiße zu Hilfe zu kommen. Dein beständiges Opfer aber müssen sein: die Werke der Liebe - dies ist das Gold; beständiges Gebet - das ist der Weihrauch; und ruhige Ertragung der Leiden und wahre Abtötung in allen Stücken -das ist die Myrrhe. Übrigens mußt du alles, was du für den Herrn tust, mit feuriger Liebe und bereitwilligem Herzen darbringen, ohne Lauheit und Zagen. Nachlässig verrichtete oder tote Werke sind kein wohlgefälliges Opfer in den Augen des Herrn. Damit du aber dem Herrn beständig das Opfer deiner Werke bringest, muß der Glaube immer in deinem Herzen leuchten und dich auf Gott hinweisen, um ihn zu loben und zu verherrlichen. Ebenso mußt du auf den Sporn der Liebe achten, durch den Gott dich immer antreibt, nicht abzulassen von dieser Übung. (572)

(Quelle: Maria von Agreda: "Das Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria")



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