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P. Fridolin Außersdorfer
OFM
Um „das
Leben in Fülle" (Jo 10, 10) - die
vollkommene Vereinigung mit Jesus Christus
-
zu erlangen, müssen wir die Liebe Gottes betrachten
und auf diese Liebe die
rechte Antwort geben.
Beim inneren Gebet (auch
Betrachtung genannt)
soll unser Blick nach dem
Beispiel des heiligen
Franz vor allem auf Jesus
und Maria, auf die Gesinnung
der heiligen Herzen Jesu
und Maria, gerichtet sein:
„So seid gesinnt wie
Christus Jesus!" (Phil 2, 5).
Gesinnt
wie Jesus Christus
„Obschon reich, ist er
um euretwillen arm geworden,
damit ihr durch seine
Armut reich werdet" (2 Kor 8, 9).
1. Über alles reich:
„Er ist das Ebenbild
Gottes, des Unsichtbaren. In ihm
ist alles erschaffen,
was im Himmel und auf Erden ist,
Sichtbares und Unsichtbares
- er steht an der Spitze
von allem, und alles
hat in ihm seinen Bestand.
So sollte er in allem
den Vorrang haben, denn es war
Gottes Wille, in ihm
die ganze Fülle wohnen zu lassen"
(Kol 1, 15-20).
„Ihm, dem König
der Ewigkeit, dem unvergänglichen,
unsichtbaren, alleinigen
Gott sei Preis und Ruhm von
Ewigkeit zu Ewigkeit!"
(l Tim l, 17).
2. Unseretwillen arm geworden:
Der Sohn ist Gott (über
alles reich) wie Vater und Heiliger Geist - „Gleichwohl
entäußerte
er sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich
und im Äußeren
als ein Mensch befunden. Er erniedrigte sich selbst und ward
gehorsam bis zum Tod,
ja bis zum Tod am Kreuze" (Phil 2, 7 ff.).
Gott Sohn nahm „Knechtsgestalt"
an durch die Menschwerdung. Als Gott ist er
reich, als Mensch ist er
arm: getragen als Kindlein,
angebetet als Gott. Unscheinbar
in den Windeln, glanzvoll unter den Sternen.
Durch die Fülle der
Gottheit über alles reich, liebt Jesus nicht Rang, nicht Geld
und Erdengut, nicht Lebensgenuss
oder was der diesseitige Mensch als
erstrebenswert betrachtet.
All dem entsagt Jesus in vollkommener Losgelöstheit
bis zur Hinopferung seines
Lebens. „Er erniedrigte sich und ward gehorsam
bis
zum Tod, ja bis zum Tod
am Kreuze."
3. Damit wir durch seine
Armut reich werden
Reich werden heißt
hier Anteil bekommen an der Fülle Gottes dadurch, daß wir
von Jesus die Gesinnung
der inneren Losgelöstheit lernen. In dem Grade, als
wir durch Betrachtung der
Liebe Christi auch die Gesinnung Jesu in uns aufnehmen
und leben, in dem Grade
wird uns der Reichtum Gottes geschenkt.
Wir leben die Gesinnung
Jesu praktisch im Alltag, wenn wir aus Liebe zu Christus
übertriebenen Aufwand
meiden
- in Wohnung, Speise und
Trank nicht zu anspruchsvoll sind
- in Kleidung auf Schlichtheit
und Würde sehen
- mit allen in Eintracht
und Frieden leben
- den Mitmenschen, wenn
sie in Not sind, beistehen
- Irrende durch Rücksicht,
Güte und Hilfsbereitschaft auf den Weg zu Gott führen.
Je mehr wir durch Selbstverleugnung
Christus - den wahren Reichtum - in unserem
Herzen wohnen lassen, umso
mehr wird sein Herz uns zur Wohnung, darin wir
ruhen können.
„Milder Jesus, schließe
mein Herz in Dein Herz ein, daß Du es ganz bewohnest
und besitzest; und daß
durch den Adel Deines Herzens mein Herz geadelt und
geschmückt werde!"(Gebet
aus einer mittelhochdeutschen Handschrift des 15. Jhts.)
Gesinnt
wie Maria, die Gottesmutter
Ihr Herz hat dem Herzen
Jesu (der Gesinnung Jesu) am meisten entsprochen. Maria
hat die Gesinnung Jesu am
allertreuesten in sich aufgenommen. Darum gilt auch von ihr:
Obschon reich, ist sie unseretwillen
arm geworden, damit wir durch ihre Armut reich werden.
1. Als Gnadenvolle über
alles reich
„Frohlockend freu ich mich
im Herrn. Mein Herz jauchzt auf in meinem Gott, denn er hat
mich gekleidet in Gewänder
des Heils, hat mich umhüllt mit dem Mantel der Gerechtigkeit,
wie eine Braut im Schmucke
ihres Geschmeides!"
„Wie eine Rosenblüte
an Frühlingstagen und wie eine Lilie am fließenden Wasser, so
strahlt die Unbefleckte
Jungfrau" - die Tochter des Vaters, die Mutter des Sohnes,
die Braut des Heiligen Geistes.
2. Unseretwegen arm geworden
Das ist das Ergreifende
im Leben der Gnadenvollen: Obwohl durch Gottes Gnade über alles
reich, ist Maria aus Liebe
zu Gott und zu uns Menschen zur Schmerzensmutter geworden,
damit wir durch ihr Leid
(durch ihre Armut) reich werden, reich an unvergänglichen Gütern,
reich an Freude.
Die Königin des Himmels
ist auf Erden arm geworden: unverstanden - hilflos - wohnungslos
- heimatlos - hart geprüft
- Magd des Herrn - gehorsam bis zum Tod am Kreuze. Wieso am
Kreuz? „O meine Herrin,
wo stehst Du? - Stehst Du wirklich unter dem Kreuze? - Nein, Du
bist bei Deinem Sohn am
Kreuze, denn dort bist Du gekreuzigt mit Ihm. - Nur darin besteht
ein Unterschied, daß
er körperlich gekreuzigt ist, Du aber im Herzen. Dein Herz ist mit
einer
Lanze durchstochen, mit
Nägeln durchbohrt, mit Dornen gekrönt, verspottet, verachtet,
mit
Schmach gesättigt,
mit Essig und Galle getränkt. Du bist ganz in den Wunden Christi!
-
Der ganze Christus ist gekreuzigt
im Innersten Deines Herzens! - Wie ist das doch, daß der
Schöpfer in seinem
Geschöpf ist? - O Mensch, verwunde Dein Herz, wenn Du das verstehen
willst. Öffne Dein
Herz mit Nägeln und mit der Lanze (der Reue, der Betrachtung, der
Liebe,
die das Leben ändert).
Dann wird die Wahrheit eintreten."
(Aus der Schrift „Stimulus amoris", die der Franziskaner
Pater Jakobus v. Mailand
verfaßt hat.)
3. Damit wir durch ihre
Armut reich werden
Im Augenblick der letzten
Selbsthingabe (als Schmerzensmutter mitgekreuzigt), im Augen-
blick der allerhöchsten
Armut wurde Maria die Allerreichste: den sie einst in jungfräulichem
Schoße getragen, durfte
sie nun in ihr durch höchste Armutsgesinnung weites Herz aufneh-
men für immer und allezeit.
So ist durch die Armutsgesinnung
Christi Mariens Herz zur „Brautkammer des heiligen Bräu-
tigams" geworden, mit aller
Herrlichkeit geschmückt; so ist Maria zur Mittlerin aller Gnaden
geworden. Reich wie Maria
kann auch ich werden, wenn ich nach ihrem Beispiel die Armuts-
gesinnung Christi betrachte
und sie mir immer mehr zu eigen mache.
„Sei gegrüßt,
o Mutter, o Himmel, o Mädchen, o Jungfrau, o Thron, Du unserer Kirche
Zierde, Ruhm und Stütze!
- Bitte für uns immerdar Jesus, Deinen Sohn, unseren Herrn!"
(St. Joh. Chrysostomus)
(Quelle: "Dienst
am Glauben", Nr. 1/2011, S. 4-6, Innsbruck)